Anleitung zum Entlieben

31.10.2006 um 22:59 Uhr

Neues Zielobjekt

von: Lapared

Die gepflegte New Yorkerin, sagt Carrie, sucht entweder einen Job. Oder eine Wohnung. Oder einen Mann. Eins davon, und zwar genau eins davon. Zwei der drei "Dinge" zu vermissen, grenzt an Unglück und das ist nicht chic. Wenn alles drei fehlt, bist Du ein Looser und störst das Stadtbild. Hingegen alles drei zu haben und behalten zu wollen, bedeutet Zufriedenheit und damit zieht man verdammt noch mal auf´s Land und wird dick.

Ach, ich bin ja so New York...

Nachdem ich in den letzten Tagen den Eindruck gewonnen habe, dass es mir für die Jagd auf Willis momentan ein wenig an Schneid, Ausdauer und Wendigkeit mangelt – oder schlicht an Wille - lehne ich mich nicht etwa zurück, ruhe aus und lasse einfach mal alles genau wie es ist. Nein, nein. Ich vermisse stattdessen etwas anderes. Ich richte meine gepflegte weltläufige Unzufriedenheit auf die Jagd weniger hakenschlagender Objekte und suche mir – tata - eine Immobilie. Habe ich beschlossen. Da kann man auch schön hinterher sein, aber die Verfolgung passiert viel weniger raffiniert. Das ist doch gut. Man bleibt suchend, man bleibt in Bewegung, man bleibt schlank... aber man muss nicht so in die Vollen gehen. Das ist gut.

Ausgelöst wurde die Neuausrichtung übrigens durch ein Schreiben meines Vermieters. Nichts Ernstzunehmendes, nur eine kleine Bosheit, dümmlich Gemeinheit, eine Kündigung zwar, aber ohne jede Rechtsgrundlage. Diese Pflaume! Unter anderen Umständen würde ich sicher dagegen vorgehen, das wäre ein Klacks, nur eine kleine Klage vielleicht, aber so denke ich... gut. Suchen wir eben eine neue Wohnung. Irgendwas muss man ja suchen, als Frau von Welt. Und da es – wir erinnern uns – im Auge des Sturms ohnehin durch die Fenster zieht...

SO EINE SCHEISSE! Irgendwas ist immer. Ich will meine Ruhe... wir sind schließlich nicht in New York.

30.10.2006 um 23:51 Uhr

Libido lost oder... Lapared verblödet

von: Lapared

„Ist heute wohl nicht so Dein Tag?“ nölt Willi. „Nein, Willi, irgendwie nicht“, antworte ich sanft. Wir Freunde der Psychoanalyse quittieren solcherlei Geschehen mit Gelassenheit und wissendem Lächeln.

Schau, Willilein, es ist doch so. Sagt Dir der Begriff der Sublimierung was? Sublimierung, das ist die Umwandlung sexueller Triebenergie, sogenannter Libido, in geistige Leistung. Schnöder unbefriedigter Geschlechtstrieb wird in wunderbare Sonette, herrliche Kirchenmalerei voller nackter Weiber oder die Erfindung der Wasserstoffbombe kanalisiert - sacht Siggi. Nach Ansicht der Psychoanalyse fußt jegliche Kultur auf der Voraussetzung, dass der Mensch nicht ficken darf, wie und wann und wen er ficken will. Eine dolle Sache, aber die Kehrseite der Medaille ist, dass der Mensch, der gar nicht das Bedürfnis verspürt zu ficken, zur Null verdummt. Keine Ode an die Freude, keine Venus von Milo, keine cholesterinspiegelsenkenden Brotaufstriche... und auch keine genialen Werbekampagnen dafür, Willi.

Schau... ich hab halt nix zu sublimieren! Du UNbefriedigst mich ja nicht! Wie auch, ich hab doch gar keine Lust mehr auf Dich! Woher sollen das Genie denn kommen, Willichen?

Selber Schuld.

29.10.2006 um 22:52 Uhr

In einem zu bekannten Land...

von: Lapared

„Ich sag ja nicht, dass Du gleich wieder für Monate in den Ring steigen sollst, oder gar Jahre, aber eine Woche... ein bisschen mehr Ausdauer hätte ich schon erwartet. Bei so einem schönen Willi.“

Meine Schwester habe ich offenbar enttäuscht.

„Na, ja...“ sag ich, „es könnte ja möglich sein, dass er einfach nicht auf mich fliegt, der Willi.“ – „Nein!“ – „Doch!!“ – „NEIN!!!“ – „DOCH!!!!“ – „Gibt es irgendwelche Hinweise darauf, dass er nicht auf Dich fliegt?“ – „Nein, aber es gibt auch keine Hinweise auf darauf, dass er auf mich fliegt.“ – „Er ist ein WILLI! Eine liebenswerte, aber faule Drohne!“ – „Ja, das ist er wohl. Schön, von seiner Königin just vor den Stock gesetzt und ein bisschen depressiv. Und ich, ich bin mal wieder die fleißige kleine Arbeitsbiene!“ – „In einem sehr bekannten Land...“ – „Ich schufte und schufte und schufte…“ - „...vor gar nicht allzu langer Zeit...“ – „Und so wäre es immer zwischen Willi und mir, immer, denn das, was in der ersten Woche einer Beziehung passiert, ist wie ihr genetischer Code!“ – „…war eine Biene sehr bekannt...“ – „Er ist und bleibt die Drohne und ich bin das Arbeitstier!“ – „... von der sprach alles weit und breit…" – „Und trotz aller Mühe bekomme ich keinen Stich, jedenfalls, seine Königin werde ich nie!“ – „Und diese Biene, die ich meine nennt sich Maja…“ - „Seine Königin wird eine andere, irgendwann, und dann schwirrt er ab!“ – „…kleine, freche, schlaue Biene Maja…“ – „Schlau, ganz genau, und deshalb fange ich die Sache gar nicht erst an!“ – „...Maja fliegt durch ihre Welt...“ – „Eine Arbeitsbiene zwar, aber auf der Suche nach Honig…“ – „...zeigt uns das, was ihr gefällt...“ – „Ich bleibe nicht da, wo´s nichts gibt, nie wieder!“ – „Wir treffen heute uns're Freundin Biene Maja...“ – „Eine Arbeiterin, aber eine, die von Zeit zu Zeit tanzt!“ – „...diese kleine freche Biene Maja!“ – „Und jetzt hör bitte auf, Du klingst nicht wie die goldene Stimme von Prag, sondern wie ein Eunuchenchor!“ – „Eben, ich singe wie die Bee Gees, passt doch!“- „Gott...“ – „Los, alle zusammen...“

„Maja, alle lieben Maja...
Maja, erzähle uns von dir!“


Nee, nee, diesen Kelch lasse ich aus, das hatten wir doch alles schon... vor gar nicht allzu langer Zeit.

28.10.2006 um 22:12 Uhr

Er ist zu schön

von: Lapared

„Er ist zu schön für mich“, sage ich zu meiner Schwester, „er ist einfach zu schön für mich!“ – „Das geht gar nicht!“ sagt meine Schwester. Sie ist eben meine Schwester.

Er IST zu schön.

In Sex and the City gibt´s doch diese Folge, in der Carrie von einem modeaffinen Kriminellen überfallen und mit vorgehaltener Waffe gezwungen wird, ihm ihre Manolos zu überlassen. Und Miranda, die Carrie zu Hilfe kommt, lernt diesen gut aussehende Police Detective kennen, der ganz hingerissen von ihr ist, hingerissen. Aber sie vermasselt das Date mit ihm, weil sie ihn so schön findet, viel schöner als sich selbst... und dadurch ist sie so unsicher, dass sie keinen Ton herausbringt und um ein wenig locker zu werden, trinkt sie diesen hervorragenden Wein... aber sie trinkt ein bisschen zu viel und so landen sie zuletzt sehr gelockert zusammen im Bett... und als Miranda am nächsten Morgen aufwacht, total verkatert, findet sie den Zettel mit der Telefonnummer, die er dagelassen hat... aber es ist nicht seine, sondern die der Anonymen Alkoholiker - das war´s mit dem schönen Mann.

Daran muss ich immer denken. Und auch daran, dass es in der Folge nicht ein MAL darum ging, ob der Mann nun wirklich schöner war als Miranda (ich fand nicht, vor allem war er nichts, NICHTS im Vergleich zu Willi), sondern nur darum, dass Miranda - die Figur der gleichermaßen erfolgreichen wie attraktiven Anwältin, die ihr Selbstbewusstsein allerdings mehr aus ihrer Intelligenz als aus ihrem Äußeren bezieht - ihn schöner fand. Und dass sie am Ende als Alkoholikerin aufwacht. Mit einem Mordsschädel.

Daran muss ich immer denken, denn, na ja... mir ist gestern genauso ergangen. Was soll ich sagen? Ungewollt brillant sein und ungeschminkt schön sein und lustvoll mit einem halben Schwein schlank sein und frisch gevögelt frisiert sein. Unangestrengt, versteht sich. Sorry, das ist einfach zu anstrengend für mich.

Und so wachte auch ich heute Morgen mit einem Mordsschädel auf. Allerdings hatte ich nicht mal einen Zettel auf dem Nachttisch. Ein Skandal. Wein hatte ich auch nicht gehabt. Schlimm. Und – und das ist das eigentlich Schockierende – nicht mal ´ne Bumsorgie mit Willi. Das einzige was ich gehabt hatte, waren zum fünften Mal hintereinander weniger als drei Stunden Schlaf... und nun eine Hammermigräne.

Er ist zu schön.

27.10.2006 um 23:15 Uhr

Schwesterliche Sorge

von: Lapared

„WAS? Du arbeitest fast rund um die Uhr? Seit Dienstag? Oh Gott...“

Meine Schwester hat gleich wieder die schlimmsten Sorgen.

„So wird das nie was mit dem Willi, Du musst doch total scheiße aussehen?! Angestrengt...“

Ich dachte, sie würde mich besser kennen.

„Natürlich sehe ich scheiße aus. Deshalb arbeite ich ja auch nicht durch, sondern verwende morgens zwei Stunden darauf, den Leichnam in Schuss zu bringen, dem ich die Zähne putze. Bevor er zum Willi in die Agentur darf...“

„Gut“, sagt meine Schwester, „gut. Du musst toll sein, aber ohne es zu wollen. Wollen wirkt unsympathisch.“

Klar doch. Ich bin schließlich nicht ehrgeizig.

„Schmink Dich anständig. Es muss ungeschminkt aussehen.“

Haare waschen, aufdrehen und danach zerwühlen, als käme ich gerade frisch gevögelt aus dem Bett... ich weiß.

„Und hau rein, wenn Ihr mittags essen geht.“

Ein halbe Schwein, bitte! Ich bin sinnlich, ein Lustmensch, ein Vollweib.

„Kannst ja abends auf Deinen Stepper gehen!“

Mit Größe 36 natürlich. Bei mir setzt nichts an, nichts, ich kann essen, was ich will.

„Und vor allem, Lchen: lächeln! Entspannt lächeln nicht vergessen!“

Jetzt reichts. Das muss ich mir nicht länger anhören.

„Hör auf!“ unterbreche ich meine Schwester,„Hör endlich auf! Das ist doch... KLAR!“

Manchmal habe ich das Gefühl, sie hält mich für eine Anfängerin. Die eigene Schwester. Ach, das Leben kann hart sein...

26.10.2006 um 23:50 Uhr

Sometimes it helps to show a little...

von: Lapared

Der Grund, warum ich so viel arbeite, ist übrigens rein sexueller Natur. Nicht, dass ich das Fach gewechselt hätte. Aber mein Kunde, oder sagen wir besser Auftraggeber, ist einfach bildschön. Ehrlich, bildschön. Der schönste Mann, den ich kenne. Und das habe ich schon gedacht, als ich ihn vor etwa 7 Jahren zum ersten Mal sah, in der Agentur, ein Kollege mit dem ich leider nie zu tun hatte, bildschön, dachte ich damals und denke es heute noch, obwohl Olli findet, er sieht aus wie Willi aus der Biene Maja. Quatsch.

Endlich habe ich mit ihm zu tun.

Und warum soll ich drum herum reden... Ich weiß, wie man Männer rum kriegt. Ich weiß, was ich habe. Und ich schäme mich nicht, es zu zeigen. Ich weiß, ein schönes pralles Paket... mit runden, griffigen Konzepten... kurze, knappe Headlines... und knackige Ideen... DAS ist es, worauf die Männer stehen! Deshalb haben die tollsten Männer auch immer diese superschlauen Frauen, Medizinerinnen, Professorinnen, Nobelpreisträgerinnen in Atomphysik. Eben die richtig flotten Bienen.

Ich werde es dem Willi schon zeigen, mein sexy, mein supergeiles... GENIE.

26.10.2006 um 00:45 Uhr

Liebe Leser

von: Lapared

Erst die schlechte Nachricht: Ich hab so viel Arbeit, dass ich kaum zum Schreiben komme.
Und nun die gute Nachricht: Ich hab so viel Arbeit, dass ich kaum zum Schreiben komme.

Je nach dem, ob man Freund der Kurz- oder eher der Langform ist, ist es jedem gerne gestattet, das so oder so empfinden.

Stets bemüht, allen Leserwünschen gleichermaßen gerecht zu werden...
verabschiedet sich hiermit für heute schon nach nur drei Sätzen...
Ihre allen und jedem gleichermaßen tief ergebene...

Lapared

Das hab ich jetzt aber nett gesagt, oder?

25.10.2006 um 00:07 Uhr

Super Übertragung

von: Lapared

Ach, wie gern würde ich in breitester Ausführlichkeit über meine heutige Sitzung berichten. Es ist so faszinierend! Es ist wunderbar sich innerhalb eines geordneten Beziehungssystems zu bewegen, in dem alles, was man empfindet, ganz gleich ob Mordlust oder Anbetung, gleichermaßen begrüßt und nicht die Bohne persönlich genommen wird.

Und zwar dank des wunderbaren Konzepts der Übertragung, einer cleveren Erfindung ursprünglich der Psychoanalytiker, durch die diese sich für den Fall gewappnet haben, dass der eine oder andere ihrer Klienten sie möglicherweise nicht ausstehen kann. Dies könnte, insbesondere dann, wenn es häufiger auftritt, weil der betroffenen Analytiker möglicherweise in der Tat unausstehlich ist, dessen Seele großes Leid zufügen und deshalb haben Psychoanalytiker und auch Therapeuten anderer Richtungen in seltener Eintracht beschlossen, präventiv davon auszugehen, dass Gefühle, Wünsche und Erwartungen, die ein Patient ihnen gegenüber entwickelt, eigentlich nicht SIE meinen, sondern ursprünglich anderen Person (z.B. Eltern oder Partnern) gegolten haben. Und deshalb nicht mit Groll sondern mit wachem Interesse anzusehen und als ermittlungsdienlich zu begrüßen sind.

Also Übertragung, dieses quasi berufsgenossenschaftliche theoretische Konstrukt zum Arbeitsschutz von Therapeuten, gestattet es mir, meine Analytikerin zum Beispiel „verklemmte Wachtel“ zu nennen, ohne dass sie verletzt wäre oder ich fürchten müsste, dass sie verletzt wäre - und mir das womöglich übel nimmt.

Nicht, dass ich sie tatsächlich „verklemmte Wachtel“ genannt hätte. Vielmehr habe ich gesagt, dass ich sie nett finde. Dass ich ihre neutrale, angenehm nichtssagende Art äußerst schätze. Dass ich sie wirklich mag und deshalb sogar ein paar hochspannende Träume für sie geträumt habe, die ich ihr eigentlich heute hätte erzählen wollen. Aber dass mir im letzten Moment Zweifel gekommen seien, ob das wirklich nützlich sei. Jetzt nur so für mich jetzt...

Ja, in der Tat. Mir sind Zweifel gekommen.

„Wissen Sie“, sage ich, „es ist nämlich so. Als ich hierher kam, kam ich eigentlich wegen dieser Wut, die mich treibt. Ich habe mich total darauf gefreut, sauer zu sein. Ich habe mich darauf gefreut, mindestens zwei Mal pro Satz scheiße oder verfickt und wenigstens ein Mal pro Sitzung beschissene verfickte Fickscheiße zu sagen. Liebevoll habe ich mir ausgemalt, komplett auszurasten und wie ein Rockstar Ihre bekackte scheiß Psycho-Couch zu zertrümmern. Und nun sitze ich hier und bewundere Ihre Bügelfalten. Und mag Sie. Wissen Sie, irgendwie bin ich ein wenig enttäuscht. Wenn ich das sagen darf...“

Und was sagt sie? „Interessant. Ist Ihnen das früher auch schon mal so ergangen? Kennen Sie das, dass Sie eigentlich wütend sind, aber Ihre Gefühle nicht zeigen können, weil sie die Person, die davon betroffen wäre, im Prinzip schätzen?“ Mist, denke ich, Mist Mist Mist Mist Mist! Das hatte ich vergessen. Dieses Übertragungsding bemühen sie ja nicht nur, um sich aus dem Schussfeld zu manövrieren, sondern auch um Sympathien abzuschmettern, mit denen ein Klient sie einwickeln will. MIST. „Klaro,“ murmel ich kleinlaut und um die Sache abzukürzen spule ich den Rest auch gleich runter. „Ursprünglich habe ich dieses Gefühl meiner Mutter gegenüber entwickelt, sie hat mich manchmal so wütend gemacht, dass ich sie hätte umbringen können, aber da ich meine Mutter im Prinzip auch schätze, habe ich diesen Trieb nicht ausgelebt, sondern ins Unterbewusste verdrängt, von wo aus er zu schlimmen Neurosen und Persönlichkeitsstörungen geführt hat, aber nun, durch die Therapie und die super Übertragung, kommt er wieder hoch, der Trieb, und dadurch fühle mich schon viel besser. “ Zufrieden? Mir ist alles wieder bewusst, ich bin geheilt, kann ich gehen? „Aha. Und wodurch hat ihre Mutter Sie so wütend gemacht, worum ging es?“ Vergiss es. Den Gitarrenschlumpf behalt ich für mich, das ist meiner, und Finger weg von meiner Luftpumpe! Miststück.

Ach ja, das nur ganz kurz. Herrlich. Ich könnte noch Stunden erzählen, Stunden... aber jetzt muss ich leider arbeiten.

23.10.2006 um 21:56 Uhr

Seltene Einzelfälle, geniale Zornvorlagen, ungesunde Anpassung und die versprochene Schlägerei

von: Lapared

Wenn ich Menschen mag, das ist sehr unangenehm, will ich unbedingt nett zu ihnen sein. Ich strenge mich schrecklich an. Ich möchte, dass sie mich auch mögen. Und es lieben, mit mir zusammen zu sein. Mit der Dauer wird das dann so anstrengend, dass ich lieber auf ihre Gesellschaft verzichte. Mögen hin, mögen her.

Das vorneweg.

Aber zum Glück kommt es ja nicht so oft vor, dass ich jemanden mag. Nur in... Einzelfällen. Ansonsten bin ich keine von den Freundlichen. Keine von denen, die morgens grüßen, wenn sie in die Bäckerei kommen, mit gutem Job, der natürlich nicht alles ist, nettem Freundeskreis, den sie zu ihren Geburtstagen einladen und einer Putzhilfe, die sie nach ihren Kindern fragen und der sie im Dezember einen Lindt-Nikolaus mit 20 Euro neben den Staubsauger stellen. Keine von denen, die dann abends nach dem Zähneputzen noch ein paar Seiten Michel Houellebecq oder Sibylle Berg lesen, sich für ein paar wohlig-schaurige Augenblicke im Grunde ihrer Seele eigentlich zynisch und finster fühlen, bevor sie dann aber spätestens um halbeins das Nichttischlämpchen löschen, weil sie ohne ihre sieben Stunden Schlaf am nächsten Tag unausstehlich sind.

Geduld, ich komme gleich auf die Schlägerei.

Was ich nur sagen will: Ich muss keine Bücher von hochbegabten kettenrauchenden Giftzwergen lesen, um meine Mitmenschen nicht zu mögen und böse anzusehen. Das geht mir auch ohne Zornvorlage ganz flott von der Hand. Und im Gegensatz zu den gutbürgerlichen Houellebecq-Anbetern mit ihrem putzigen 5 Minuten-Grimm im Schein ihrer Artemide-Lampen bin ich nicht tagein, tagaus nett und korrekt, damit alle, ALLE mich gefälligst lieben, bitte.

So, das musste einfach mal raus.

Aber ich gebe zu, wenn ich jemanden mag, wenn mir jemand wichtig ist, wenn ich ihn zum Freund will... dann verliere ich mich bis zur Mimikri. Dann verleugne ich meine Art. Dann gebe ich alles. In Einzelfällen.

Und um endlich auf den Punkt zu kommen.

Vorletzte Nacht habe ich geträumt. Ich habe geträumt, ich würde meine Mutter schlagen. Leider hat sie zurückgeschlagen, war ja klar, und mir heftig eins auf die Nase gegeben, aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist auch nicht, dass ich sie darauf hin fast umgebracht habe, was so kurz vor Weihnachten sicher nicht nett war. Und ich finde es nicht mal weiter beunruhigend, dass es in unserem geträumten Kampf um nichts weiter ging als eine vermisste Luftpumpe, erst um eine Luftpumpe und dann plötzlich um meinen Gitarrenschlumpf – anders als in normalen Filmen achtet in Träumen ja niemand auf die Continuity

Was mich an der ganzen Sache eigentlich alarmiert, ist dies: Ich mache eine Psychoanalyse. Und fange prompt an zu träumen. Von meinen Eltern. Und der einzige Grund ist natürlich, dass ich „meiner Analytikerin“ eine Freude machen will. Weil ich sie nämlich mag. Weil ich will, dass SIE mich mag. Weil ich weiß, dass Analytikerinnen Träume mögen. Und Eltern. Und Triebe, die man sich besser verkneift, wenn man nicht in den Knast will. Also, ein Traum, in dem ich fast meine Mutter erschlage, ist, als würde ich einer neuen Spielkameradin meine Barbie schenken, quasi, damit sie meine Freundin wird. Noch besser wäre nur, wenn ich meine Mutter umgebracht hätte, um mit meinen Vater zu schlafen, von wegen Ödipus bzw. Elektra und so, aber ich denke mit ein bisschen Fantasie wird sie da aus der Luftpumpe und dem Gitarrenschlumpf schon was drehen.

Aber was soll´s. Morgen muss ich hin. Und dann werde ich ihr wohl davon erzählen. Und auch, dass meine Nase den ganzen nächsten Tag noch psychosomatisch taub war. Dann hat sie erst mal was, schließlich bin ich danach zwei, drei Wochen gebucht und hab keine Zeit für sie.

Nicht, dass ich denke, dass mich persönlich die Aufarbeitung einer geträumten Schlägerei um einen Schlumpf sehr viel weiterbringt. Aber was soll ich machen, ich bin eben nett. In Einzelfällen.

Ob ich meine Jeans rasch noch bügle?

 

22.10.2006 um 10:32 Uhr

Rosinenschnecken für alle

von: Lapared

Eine breite Arbeitsfront ist am Horizont aufgezogen. Und das ist gut so, denn eine Flaute kriecht schon seit einiger Zeit durch meine Schränke. Eine kleine verwöhnte Luxusflaute zunächst, fläzte sich eine Zeit lang stänkernd in meinem Schuhschrank und trat gegen die Stiefelchen der letzten Saison… kroch dann leise schmollend weiter zum Kleiderschrank… besuchte unterwegs meine Bankauszüge, meine Versicherungspolicen... zog schließlich still in meinen Kühlschrank… und zuletzt eingekugelt in eine Decke in mein kleines grünes Portemonnaie. So konnte ich sie immer bei mir haben. Hallo Flautchen begrüßte ich sie freundlich, wenn ich morgens beim Bäcker stand, und sie ohne Aufzublicken: Hallo Lchen, für mich heute keine Rosinenschnecke, ich bin ein bisschen auf Diät.

Geld! Geld! Geld!

Eben kam der Anruf einer kleinen, feinen Agentur (nein, in der Werbung gibt´s keinen Sonntag), übermorgen geht´s los. So, und jetzt erst mal zum Bäcker... Rosinenschnecken für alle!

21.10.2006 um 22:27 Uhr

Ich? - Sie! - Nein? - Doch! - Ohhhhh...

von: Lapared

Jeden Tag ein neues Leiden. Als wären neue Falten nicht deprimierend genug. Ich rufe Düse an, stets kränkelnd und in meinem Alter, sie wird mich verstehen.

„Düse, meine Nase ist taub!“ – „Deine Nase ist taub?“ – „Meine Nase ist taub!“

Düse räuspert sich. Normalerweise gibt´s nichts, was sie nicht schon hatte.

“Na ja, was erwartest Du?! Sie ist Deine Nase, Lpunkt. Nicht Dein Ohr.“

Im Hintergrund höre ich Winnie gackern. Ich vergaß, sie ist zwar in meinem Alter, aber sie hat neuerdings... SEX.

„Gerade von Dir hätte ich ein bisschen mehr Mitgefühl erwartet!“

„Ach Lchen, komm, eine taube Nase, das gibt´s nicht!“ - „Doch, meine Nase ist taub, und Moment… ich fühle sie zwar nicht, aber ich gucke mal rasch in den Spiegel… es gibt sie! Noch! Gleich fällt sie vielleicht ab und dann schämst Du Dich, dass Du mir nicht geglaubt hast!“ Unsensibles Stück. „Weißt Du, Lpunkt, sei mir nicht böse… aber vielleicht popelst Du zuviel darin rum?!“

Halten wir einen Moment inne. Erinnern wir uns an den großen, den genialen, den unerreichten… Louis de Funès.

Ohhhhhhhh! Oaaarhhhhhhh! Uhhhhhhhhhh!

Ich platze vor Empörung, aber natürlich lasse ich mir nichts anmerken. Und Düse, angefeuert von Winnies Gackern, fährt fort.

„Ich meine, Du hast einfach zuviel Zeit, Lpunkt.“ Ich merke, sie hat auf Lautsprecher gestellt. „Du kreist ständig um Dich selbst, kein Wunder, dass Du dauernd was findest.“

„OHHHHHH! OAAAARHHHH! UUUHHHHHH!“


„Aber wenn Du meinst, dann geh doch zum Arzt!“

Zum Arzt? Schwachkopf! Idiotin! „Heute ist Samstag!“

„Dann geh shoppen!“

Die Personalakte, Castagnier!

Sagen wir so. Arroganz von Gevögelten gegenüber Ungevögelten ist mir insbesondere dann zuwider, wenn, wie in Düses Falle, der Umstand, dass sie gefickt werden, allein auf Glück nicht aber auf Verstand, Talent, Charme oder gutem Aussehen beruht. Und dann kam der böse Wolf...

„Und wie geht es Euch, Düse? Hat Winnie immer noch diesen Ausschlag am Glied?“

Sofern man bei Winnie von Glück reden kann.

Plötzlich Stille. Gackerlos. Komisch, früher hat Düse immer so gerne über die diversen Krankheiten und Wehwehchen geplaudert.

Und nun, schmeichle mir...

P.S. Ich denke übrigens, das taube Gefühl kommt von der Schlägerei, an die ich mich inzwischen wieder erinnere... Doch dazu morgen.

20.10.2006 um 20:48 Uhr

Nur eine zweite Meinung

von: Lapared

Ein Abenteuer jagt das Nächste. Heute war ich beim Zahnarzt. Ja, hier ist was los.

Natürlich hat er sofort gemerkt, dass ich ihn betrogen habe. Mein Zahnarzt ist wunderschön und sanft und freundlich, hätten wir Sex, erwöge ich sicher Monogamie... Aber nachdem er nun seit einem dreiviertel Jahr an zwei Zähnen herum bastelt, mit dem Ergebnis, dass ich inzwischen die komplette Seite nur noch aus ästhetischen Gründen mit mir führe, zum Beißen, ihre eigentlichen Bestimmung, jedoch nicht mehr benutze, weil sie so weh tut, dachte ich, es wäre vielleicht Zeit für eine zweite Meinung.

Ich präsentierte den Fall Frau Dr. W., ebenfalls wunderschön, sanft, freundlich... leider nicht gerade hier ums Eck. Nach eingehender Inspektion empfiehlt sie, die durch das ewige Herummachen allzu strapazierten und ausstrahlenden Zähne einfach mal in Ruhe zu lassen. Nichts zu tun. Und sich stattdessen der anderen Seite zu widmen, die zwar weder medizinische Rätsel noch Herausforderungen bereit hielte – dafür aber kapitale Löcher. Oh. Eins macht sie prompt zu, „mit so was verlässt niemand meinen Stuhl!“

Mein Zahnarzt erkennt die Konkurrenzfüllung sofort. „Sie sind fremdgegangen?!“

„Ich nehme an, dass ich auch nicht die Einzige für Sie bin.“

„Sind Sie nicht zufrieden?“

„Ich brauchte nur eine kleine Füllung.“ Rein mechanisch, ohne jedes Gefühl.

„Ich hatte das Loch durchaus gesehen, ich habe mir etwas dabei gedacht, es vorerst nicht zu behandeln.“

„Selbstverständlich.“

„Und es wäre nett, wenn Sie mit mir reden, bevor Sie irgendwo anders hingehen.“

Reden, reden, reden... „Okay.“

„Mund auf, bitte!“

„Nein.“

„Mund auf!“

„Erst, wenn Sie nicht mehr böse sind.“

„Ich bin nicht böse, ich lasse mir nur nicht gern in die Arbeit pfuschen.“

„Das verstehe ich. Aber das ist nicht nur Ihre Arbeit, das ist mein Mund“, los, küssen, "es war ein Notfall, ich hatte Schmerzen!“

„Tatsächlich?“

„Und ich war im Ausland, Sie waren weit weg!“

„Na, dann...“

Er lächelt, er weiß, dass ich lüge, aber er liebt mich, ich bin Privatpatient, „Mund auf.“

Und am Ende kehren sie ja doch immer zum behandelnden Arzt zurück.

 

19.10.2006 um 20:47 Uhr

Auch das noch

von: Lapared

Aber das eigentlich Spannende ereignete sich nach der „Sitzung“. Ich bin kaum zur Tür raus, da laufe ich 119 in die Arme. (Treue Leser erinnern sich, der gute alte 119… Mr. Ex.) Gut schaut er aus.

„Was machst Du denn hier?“ – „Och.“ – „Ist doch gar nicht Dein Revier.“ – „Nö.“ – „Mal was anderes sehen als Kapuzenpullis, hm?“ Uli Wickert kommt zurück, hat wahrscheinlich den Dijon-Senf vergessen. Kapuzenpullis, Sacknasen... ist doch ganz egal, denke ich. „Mein neuer Irrendoc ist hier um´s Eck“, sage ich, „eine echte Granate.“ – „Du machst ´ne Therapie?“ – „Nein, oh Gott, nein! Eine Analyse.“ – „Ist das nicht dasselbe?“ Der war gut. „Eine Therapie ist eine Heilbehandlung, eine Analyse ist eine Lebensform.“ – „Ledig, verheiratet, beim Analytiker?“ – „Eine Therapie macht man, wenn man gesund werden will, eine Analyse, wenn man wissen will, warum man krank ist.“ – „Du bist doch nicht krank.“ – „Willst Du mich beleidigen?“ – „Komm schon, Laparedchen, was soll der Mist?“ – „Mist? Dir täte eine Therapie auch mal ganz gut.“ Er grinst. „Hört, hört.“ – „ICH bin unglücklich, weil ich mich in die Falschen verliebe. DU bist unglücklich, weil Du Dich in NIEMANDEN verliebst.“ Nicht mal in mich, Du kranke Sau, und hör auf zu grinsen. „Das erste nennt man Blödheit, das andere ausgeprägte Intelligenz, und ich bin ziemlich sicher, dass keins von beiden als Krankheit gilt.“ Ich antworte nicht, ich konzentriere mich voll und ganz darauf, ihm nicht vors Schienbein zu treten. „Und außerdem, auch wenn es Dich enttäuschen mag… ich bin nicht unglücklich, Lpünktchen, es tut mir schrecklich leid, aber… ich leide nicht.“ Ha! DAS, mein Freund, das ist nämlich Dein Hauptproblem.

Die Welt ist voller Elend, denke ich... steige in die Bahn, winke 119, winke Uli... und gleite heim in mein Kapuzenrevier. Als ich die Wohnungstür aufschließe, starrt mich aus dem Schuhregal eine Maus an als wäre mein Erscheinen eine bodenlose Frechheit. Alles wiederholt sich, denke ich, alles vergeht, und schon wieder wird es Winter. So isses eben. Einen angenehmen Abend und eine geruhsame Nacht.

18.10.2006 um 20:38 Uhr

Meine Psychologin sagt...

von: Lapared

... NICHTS.

Fantastisch! Weltklasse! Ich liebe diese Frau! Aber von vorn...

Pünktlich um sechs sollte ich da sein, nicht früher, hatte sie gesagt, weil es „aus bestimmten Gründen“ kein Wartezimmer gäbe, und direkt vorm Haus solle ich auch bitte nicht warten, den meisten ihrer Klienten sei es nämlich nicht angenehm, gesehen zu werden. Verstehe.

Ich also Punkt Viertel vor Sechs da, mal sehen, wer noch so alles einen an der Mütze hat. Denken wir nur an Carrie, die bei ihrem Shrink auf Jon Bon Jovie trifft, aber ich glaube, der ist gerade auf Tour, mei, schad. Vielleicht laufe ich wenigstens Kerner in die Arme (Johannes B., so einen Namen erträgt keiner ohne Schaden), oder Til Schweiger (Emma Tiger – so heißt seine Jüngste – so einen Namen wählt keiner ohne einen Schaden)... doch nichts. Nur Uli Wickert mit Hängegesicht, aber der kommt aus der anderen Richtung vom Metzger, der Mensch lebt nicht vom Bordeaux allein, Prost Uli! Was für ein Rotweinzinken...

Punkt Sechs. Ich bin angenehm überrascht. Keine schwarz-grau-braunen Walla-Walla Kleider, keine Camperschuhe mit bequemer Großer-Onkel-Bucht, kein untertassenförmiger, handgefertigter Silberschmuck. Und auch nicht die andere Fraktion: kein Jil-Sander-Anzug, keine rechteckige, braune Paul Smith Hornbrille, kein "guter Haarschnitt", betont unfrisiert. Nein, SIE sieht aus wie die Ortsvereinsvorsitzende der Christdemokraten aus Bad Füssingen. Glänzende rosige Wangen, toupierte Wasserwelle, Perlenstecker, 1a Bügelfalte in der Rosner-Jeans. Und 100% pures Temperament. Ja, dann schildern Sie mir doch zunächst bitte einmal Ihre Beschwerden, Frau Lpunkt, ja? Beschwerden, süß.

Ich schildere. Kurzweilig, spannungsvoll, pointenreich lasse ich die kleine Revue meiner Störungen wirbelnd aufmarschieren. Vorne weg die Phobien, die Zwänge und schillerndern Neurosen… Willkommen! Bienvenue! Welcome!… wir wollen ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Dann, geführt von Narzissmus und Soziopathie, die Parade der Persönlichkeitsstörungen... Fremde, etranger, stranger! Nun ein paar leichte psychosomatischen Erkrankungen, leichte Bulimie, leichte Anorexie, umhüllt von frischer essentieller Hypertonie… Gluklich zu sehen, je suis enchante! Und schließlich das große Finale mit einem beschwingten Medley der beliebtesten Süchte und Abhängigkeiten... Happy to see you, bleibe, reste, stay! Ich bin gut! Ich fühle mich wie ein aufgeplatztes Kissen. Was für eine Show.

Und SIE? Sitzt da wie ein Bleistift, guckt, als unterdrücke sie quälende Blähungen und weckt in mir das dringende Bedürfnis, ihr kameradschaftlich in die Seite zu knuffen und zu zwinkern: Ist das ´n Ding? Ist DAS ´ne Story? Aber sie sagt keinen Ton.

Erst ganz am Schluss. Da sagt sie: Entschuldigen Sie, Frau Lpunkt, die Zeit ist um, ich würde vorschlagen, dass Sie noch mal wieder kommen. Also doch! Es hat ihr gefallen. Ich soll wieder kommen. Sie hat sich prächtig unterhalten, sie zeigt es nur nicht, das kleine Luder... Im Cabaret, au Cabaret, to Cabaret!

Schon an der Tür, rutscht ihr dann doch noch einer raus: „Ich lege übrigens Wert darauf, dass meine Klienten zu den Sitzungen absolut nüchtern erscheinen.“ – „Warum, wollen Sie eine Magenspiegelung machen?“ – „Sie erzählen sehr traurige Dinge aber Sie lachen oder lächeln dabei, kann es sein, dass Sie Alkohol zu sich genommen haben?“ Und andere dürfen die Tagesthemen moderieren. „Nein...“ Nicht Lächeln. „Aber Sie haben Recht, ein wenig Betroffenheit wäre angesichts meines Leidens angemessen, nächstes Mal weine ich, versprochen. Oder, was glauben Sie, habe ich vielleicht habe auch noch eine Affektstörung? Verlust emotionaler Ansprechbarkeit? Paradoxes Ausdrucksverhalten? Parathymie? Paramimie?“ Mensch, Mensch, Mensch. Kriegt den Hals nicht voll, das geile Ding.


17.10.2006 um 16:20 Uhr

Sündenpfuhl Provinz

von: Lapared



Des einen Glück, des anderen Leid. Es ist fast zu makaber, es zu erzählen. Also, der Umstand, dem ich bei meinem Provinzausflug fast Sex verdankte, war das tragische Ableben eines gar nicht so besonders alten Herrn aus der Nachbarschaft meines Vaters. Er war der Schwiegersohn einer Dame ebenfalls aus der Nachbarschaft meines Vaters, die selbst zu alt war für gewisse Verrichtungen. Und er starb auf eine unglaublich dämliche, schrecklich tragische Art.

Jedenfalls... plötzlich hörten wir die Sirenen. Feuerwehr, Krankenwagen, Polizei... großes Tatütata. Sowas hatte der Heideweg noch nicht gesehen. „Los, hin!“ sagt Papa, „Gucken wir mal!“ – „Ach Papa!“ schüttle ich den Kopf „doch nicht so, hol schnell Deinen Mantel!“ Wir also noch unter den ersten Einhundert am Tatort.

Man macht sich kundig. Die Verrichtung, bei der der nette Schwiegersohn hatte behilflich sein wollen, war die Reinigung eines verstopften Regenschachts. Er beugt sich also vor, der nette Mann, um das für die Verstopfung ursächliche Laub am Boden des Schachts aus dem Ablauf zu puhlen, als er plötzlich das Übergewicht verliert. Er versucht noch, mit der Hand, die unten nahe dem Ablauf war, nach oben an den Rand des Schachts zu greifen, doch das gelingt nicht mehr, stattdessen rutscht er der Länge nach hinein, runter in das am Boden stehende circa 30 Zentimeter hohe Regenwasser, mit dem Kopf zuerst, der aber nur circa 23 Zentimeter Höhe maß. Und die Arme, die ihn aus dem Schlamassel hätten befreien können, wurden durch den eigenen unvorteilhaft korpulenten Rumpf an die Wände des Schachts gepresst. Und so...

Tragisch. Wirklich tragisch.

Aber der Arzt, der nicht mehr helfen konnte, war ein Sonnenschein, und zwar einer, den ich schon mal geküsst hatte, vor etwa 327 Jahren.

Meine erste Liebe!

Doch!!!

Bis er bereits in der ersten Klasse komplett chancenlos hängen blieb, da war es aus, als Zweitklässlerin küsst man keine i-Dötzchen und heute ist Dötzchen Doktor, guck. Zu früh abgestoßen, Kack.

„Na Acki, keine Chance, wa?“ winke ich ihm aufgeregt aus fünfter Reihe zu. „L A P A R E D C H E N ? ? ?“ Das war eine Freude.

Später sitzen wir im „City-Fässchen“, wo die Tische immer noch aus alten Bierfässern bestehen und der Boden voll ist mit Erdnuss-Schalen, wie urig. So gar nicht chic und cool und mit dem superkreativen Namen „FASS-BAR“, wie ich das eigentlich mittlerweile gewohnt bin, egal.

„Also hast Du´s ja richtig weit gebracht...“ sagt er, „geographisch. Ich bin nach dem Studium gleich wieder hierher zurück.“ – „Und quasi Dorf-High Society, als Arzt, Mensch Acki! Aber musstest Du ausgerechnet Tanja heiraten, die fanden wir doch immer so doof?!“ – „Tja, das ist sie im Grunde wohl auch.“ Ups. Adlerauge sei wachsam, ein unglücklicher Ehemann. „Zuviel Intelligenz ist ja auch manchmal dem Glück eher hinderlich...“ ziehe ich mich elegant aus der am Horizont aufziehenden Affäre. „Wenn nicht die Kleine wär, ich weiß nicht, ob wir dann überhaupt noch zusammen wären.“ Schatz, wer weiß das schon, wenn er mit einem Weltstadtschnittchen wie mir beim fünften Bier im City-Fässchen sitzt? „So was will gut überlegt sein, Acki, mein Freund. So eine Doofe findest Du so schnell nicht wieder.“ Acki spürt den Widerstand, Attacke. „Weißt Du, dass wir zwei uns im ersten Schuljahr mal geküsst haben, hinter den Fahrradständern?“ – „Nee. Echt?“ – „Ja, wie die Großen aus der Vierten!“ – „Du hättest Dich besser auf das kleine 1 x 1 konzentriert, bist Du nicht hängen geblieben?“ – „Ich hatte andere Talente“, er legt die Stimme tiefer, „die habe ich übrigens immer noch“, er wackelt mit einer Augenbraue, sein lustiges kreisrundes Köpfchen stößt nach vorn. „Acki, Acki... Ihr Ärzte seid so abgebrüht, vor 3 Minuten ist Dir ein Mann tragisch unter den Händen weggestorben und Du versuchst, mich zu küssen.“ – „Küssen? Dieser Mann hat uns zusammengebracht, soll er nur für einen Kuss von uns gegangen sein?“ – „Sicher würde ich ihm gönnen, wegen eines kompletten Geschlechtsakts gestorben zu sein, oder, falls er Romantiker war, wegen einer großen Liebe meinetwegen, aber ich fürchte, er hat wegen eines verstopften Regenrohrs das Zeitliche gesegnet, daran werden wir zwei nichts mehr ändern, Ackilein.“ – „Heißt das nein?“ – „Ja.“ – „Aber bedenke, Laparedchen: Das gäbe seinem tragischen Tod einen wirklichen Sinn. Es wäre immerhin mein erster Geschlechtsakt nach fast einem halben Jahr.“ – „Ach, so doof ist Tanja?!“ – „Ja, so doof...“ er verharrt noch einen Moment in Kussposition, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig... dann zieht er seine Murmel wieder zurück, „aber ansonsten ist sie ganz okay.“ – „Na siehste, Acki.“ Chancenlos.

Aber versuchen kann man es ja mal. Sünde und Sittenverfall... auch in der Provinz.

16.10.2006 um 17:56 Uhr

Homestory

von: Lapared

(So, nun also zurück in Echtzeit. Und zurück von meinem kleinen Heimattripp...)

Wie war´s zuhause, Frau Lapared?

Frau Lapared? Nennen Sie mich Laparedchen. Wer es schafft, zu seinen Eltern zu fahren, ohne irgendwie irgendwo tief drin wieder Kind zu werden, Hände hoch... Ich sehe nichts. Fein. Ich liebe dieses Medium.

Ich meine, man fährt da hin und fühlt sich so erwachsen und denkt, guck, jetzt haben sich die Rollen vertauscht, früher waren sie für dich da, jetzt bist du für sie da, die Zeiten ändern sich... Aber nichts da! Irgendwie bleiben sie die Eltern und du Zwerg Blöd. Sie können vielleicht nicht mehr alles, aber sie wissen alles besser. Wenn du Pech hast, erklären sie dir selbst dann, wenn du gerade ihre eigenen Windeln wechselst noch, dass du es falsch machst und wie es richtig geht. Und was will man dagegen sagen, sie haben die Erfahrung, auch im Windeln wechseln, du bist der Letzte, der das bestreiten kann. Aber so weit ist es bei mir zu Hause zum Glück noch nicht.

„Na, Popelchen“, sage ich zu meinem lädierten Vater, „da hat unsa Mudda es Dir aber wieder mal richtig gegeben!“ Was? Da woll´n wir doch gleich mal klar stellen, wer der Bemitleidenswerte ist: „Tja, so ist das, Kind. Wenn Du selbst irgendwann verheiratet sein solltest, wirst Du sehen, dass das nicht nur Zuckerschlecken ist!“ Und ich, statt lächend ja, ja zu sagen, bin gleich wieder Zwerg, der aufbegehrt: „Ich weiß, dass das kein Zuckerschlecken ist. Das habe ich jahrelang an Euch gesehen, Popelchen. Deshalb heirate ich ja nicht.“ Mit anderen Worten: Ihr seid schuld. Wahrlich zwergenhaft. Er hingegen saucool trotz Lätzchen: „Du findest keinen, weil Du in puncto Mann so einen hohen Standard hast. Mich.“ Ich gönn ihm den Glauben, ich bin so souverän: „Da hast Du selbstverständlich recht, Popelchen, keiner kommt an Dich ran, das ist das Problem.“ Aber irgendwie fühlte sich auch das klein an. Irgendwie fühlt es sich so oder so klein an.

Ändert sich das, wenn man eigene Kinder hat? Vielleicht ist man erst dann mit den Eltern auf Augenhöhe, wenn man selber Elter ist... Na ja, aber so dringend ist es nun auch wieder nicht.

Und dann ist noch was anderes passiert. Sehr makaber. Und um ein Haar Sex. Aber das erzähle ich morgen, bin schon wieder zu ausschweifend, hm?

Ach ja, und TÄ-TÄ!!! Freuen wir uns. Freuen wir uns auf viele schöne Sätze, die mit „Meine Psychologin sagt...“ beginnen. Nachdem ich den Druck noch ein bisschen verstärkt und vor allem auf die richtigen Stellen gerichtet hatte („Eine Frau Dr. Lpunkt möchte die Institutsleitung sprechen, es ginge um ein privates Agressionsforschungsprojekt, der Herr Professor wisse schon...“), habe ich heute prompt einen Brief samt Termin für ein Erstgespäch bekommen. Haha! Eine Frau, Dipl.-Psych., wie ich, wie nett, wir werden uns viel zu erzählen haben. Ich hab sie schon gegoogled. Sie sucht alte Schulfreunde aus Bochum (Bochum ist super, in Bochum habe ich studiert, wir werden gemeinsam über die 0 : 6 Niederlage gegen Bremen weinen). Und sie ist eigentlich Kinder- und Jugendpsychologin (ich werde mir Zöpfe machen, dann merkt sie vielleicht nichts). Vorhin hatte ich schon ein kleines Telefonat mit ihr. Zur Bestätigung meines Termins, so war es erwünscht. Ich denke, es ist gut, dass es jetzt losgeht. Höchste Zeit. Sie klingt wirklich seeeehr depressiv.


 

 

15.10.2006 um 18:57 Uhr

Geh turnen

von: Lapared

Als ich vom Tuckern komme, stehen ihre Taschen im Flur. Halleluja. Nane versucht, cool zu klingen, aber das Glück schießt nur so aus ihr heraus. „Theo hat angerufen!“ Und erzählt, dass er sich den Schwanz amputieren lässt? „Er will noch mal über alles reden!“ Dann lauf Dich schon mal warm. „Er hat mich gebeten, nach Hause zu kommen!“ Ja, hier auf der Couch wär´s mir auch nicht so recht. „Er hat mich auf Knien angefleht, wieder zu ihm zu ziehen!“ Der Schwachkopf, noch einen Tag und ich hätte ihm 1000 Euro dafür gezahlt.

Vielleicht habe ich gegrinst, vielleicht sah ich ein bisschen zu zufrieden aus, jedenfalls war Nane plötzlich misstrauisch. Also doch.

„Hast Du mit ihm gesprochen?“ – „Wieso? – „Lpunkt, hast Du etwa mit Theo gesprochen?“ - „Nur kurz, als wir zusammen im Bett waren.“ – „Das ist nicht lustig.“ – „Nane...“ – „Ich sage Dir, lass die Finger von ihm!“ – „Nane!“ – „Man fängt nichts mit verheirateten Männern an!“ – „Das habe ich auch nicht! Ich habe was mit einem ledigen Mann angefangen, von dem ich nach sieben Monaten erfahren habe, dass er verheiratet ist, das ist ein Unterschied!“ – „Ach, das glaubst Du doch selbst nicht, sowas merkt man doch! Du willst es nicht anders, sonst hättest Du längst selbst einen Mann.“ – „Äh...“ – „Aber einer reicht Dir ja nicht, viel zu langweilig, hör zu, hör mir gut zu, meinen Theo lässt Du in Ruhe! Ich hab genug von Euch... Schlampen.“

Ich fasse es nicht. Schlampen, sie hat wirklich Schlampen gesagt. Vier Tage, vier Nächte. Und das ist nun der Dank.

„Schatz. Geh turnen.“

So, und das erzähl ich alles im Blog...

 

14.10.2006 um 18:52 Uhr

Der Feind auf meiner Couch

von: Lapared

Eine weitere Nacht, ein weiterer Tag und nichts anderes als… Theo-Talk. Nane leidet wie ein Tier und ist schon am helllichten Tag betrunken. Es zerreißt mir das Herz, ich mache mir große Sorgen, vor allem habe ich ständig Angst, dass sie auf meine Couch kotzt.

„Weißt Du“, lallt Nane, „Ihr seid das offene Meer, das Abenteuer, die Gefahr!“ – „Verstehe.“ – „Und wir, wir sind das Ufer!“ – „Hundert Pro.“ – „Ihr Geliebten, Ihr seid so überwältigend, so unberechenbar und so geheimnisvoll, aber wir Ehefrauen, wir sind das sichere Land, das rettende Ufer, zu uns kommen sie immer zurück!“ – „Fein, dass meine Geschichte Dir Mut macht, Nane!“ – „Du bist eine Geliebte und ich bin eine Ehefrau, das ist der große Unterschied!“ – „Mein Reden, Nane, Du bist viel besser dran, gar kein Vergleich.“ – „Für mich arbeitet nämlich die Zeit, aber sie arbeitet gegen DICH! Wir Ehefrauen sind auch noch mit 70 Ehefrauen, aber Ihr seid mit 70 nicht mehr Geliebte!“ – „Eben, und dann haben wir nichts, wir sind alt und allein, Ihr hingegen dürft dem Arsch, der Euch jahrelang betrogen hat, täglich die Bettpfanne wechseln!“ - „Du bist eine Geliebte, und ich bin eine Ehefrau, und das wird immer so bleiben.“ – „Ja, Nane-Herz.“ – „Wir sind Feinde.“

Feind, bitte kotzen Sie nicht auf meine Couch.

13.10.2006 um 15:12 Uhr

Girls Talk

von: Lapared

Es war nur eine Frage der Zeit. Der Zeit und der Promille. Ich wusste, dass das irgendwann käme. Aber was antwortet man einer Frau, die dich fragt, wie ihr Mann im Bett war?

Nun. Wieder ein Fall für die Lapred´sche Diplomatie. „Ach, Du weißt ja, wie Theo ist…“ – „Ja, ja…“ – „Noch Wein?“ – „Was meinst Du damit?“ – „Käsekräker?“ – „Was meinst Du mit, Du weißt ja, wie Theo ist?“ – „Na ja...“

Theo ist Mathematiklehrer. Das Reich der Zahlen ist seine Welt. Und die 69 war noch das Harmloseste, er war versessen auf alles, was einer orthopädisch unbedenklichen Körperstellung möglichst NICHT nahe kam und er sagte es mit Nummer an. Was man nicht alles mitmacht.

„Na ja... sehr angenehm, freundlich… charmant!“ ziehe ich mich aus der Affäre. „Theo war charmant im Bett? Hat er Dir aus dem BH geholfen? Hat er gesagt „Gestatten Sie?“ bevor er eingedrungen ist?“ Oh weh, jetzt ham wir den Salat. „Nane, weißt Du... Ich glaube nicht, dass Dich das was angeht, ich meine... Du bist zwar seine Frau, aber damals warst Du es noch nicht! Ihr kanntet Euch nicht mal.“ – „Und es war angenehm? Bei mir ist es die reinste Bodengymnastik, ich laufe mich warm, bevor ich mit ihm schlafe.“ Theo, Theo... immer noch der Alte. „Oh Gott, das kenn ich! Und dann denkt er, Du bist so weit, dabei hast Du nur ´nen Wadenkrampf!?“ Wir prusten los, wir können gar nicht mehr aufhören, das letzte Mal hatte ich mit zwölf so einen Lachanfall. „Ach ja, der Theo…“ – „Ja, ja, der Theo…“

Diese Katastrophe gestaltet sich zunehmend heiter.

12.10.2006 um 19:11 Uhr

Die große Aussprache

von: Lapared

„Ich nehme Dir das mit Theo nicht übel“, sagt Nane-Herz. Ich Dir das mit meiner Couch schon. „Ich weiß, dass es war, bevor wir verheiratet waren, er hat´s mir gesagt.“ Sie legt einen blau-weißkarierten Schlafanzug auf meine Couch. „Aber was ich Dir übel nehme, ist, dass Du mich nicht hier haben wolltest.“ Sie stellt Puschen mit Augen vor meine Couch. „Nur deshalb hast Du nämlich gebeichtet!“ Sie sitzt auf meiner Couch. „Ich kenne Dich, Lpunkt!“ Ich setze mich auch.

„Nane, Du weißt, dass ich mich für die Befindlichkeiten meiner Mitmenschen nicht so im Detail interessiere. Und ich verabscheue Besuch. Du brauchst jetzt jemanden, der sensible und mitfühlend auf Dich eingeht, das bin ich nicht.“ Hat sie denn keine richtigen Freundinnen, Frauen, die mit ihr einkaufen gehen und danach in ein chices Bistro? „Quatsch nicht rum, Du bist der beste Zuhörer, den ich kenne!“ Warum töpfert sie nicht oder macht Yoga oder schreibt wie wir alle ein Blog? „Ich habe nicht vor, Dir zuzuhören, Nane. Ich habe lediglich zugestimmt, dass Du hier schläfst!“ – „Also, pass auf, letzten Mittwoch klingelt das Telefon...“

Fünf Stunden später. Nane ist ganz aufgelöst. „Das ist ja echt der Hammer, da ruft er einfach an, nach sieben Monaten, und sagt, dass er verheiratet ist...“ – „Ja, der Hammer...“ schniefe ich. „Geht´s wieder?“ - „Ja, danke. Geh ruhig nach Hause, ich komme jetzt allein zurecht.“ - „Okay, dann kann ich ja jetzt von Theo und mir erzählen. Also, letzten Mittwoch klingelt das Telefon...“

Es gibt doch nichts Wohltuenderes, als mit einer Freundin mal in Ruhe darüber zu reden.