Anleitung zum Entlieben

05.10.2006 um 21:32 Uhr

Schwanzumhäkelung auf Anfrage

von: Lapared

Eingehüllt in den Duft meines Morgenkaffees, nach 6 Stunden köstlichen Schlafs voller Milde und Zuversicht, sitze ich gerade am Schreibtisch, als Junior sein Köpfchen keck durch die Tür streckt: „Du siehst aus wie Hitler!“

Will er den totalen Krieg? frage ich mich. Ein Blick in sein vorlautes kleines Milchbubengesicht und 100 Milliarden Hirnsynapsen schmettern ein begeistertes Ja! So denn...

„Das glaube ich kaum, mein junger Kamerad!“ sage ich, und überprüfe, wo mein Seitenscheitel heute sitzt. „Aber ich könnte mir vorstellen, dass ich aussehe wie Deine Mutter, die Dich wahrscheinlich vor zehn Jahren, kurz nach Deinem dritten Geburtstag in ein Heim gegegeben hat, und Du, seither voller Groll gegen sie - Groll, den Du, ohne die Fähigkeit der Reflexion und Abstraktion, wegen der Ähnlichkeit auf mich überträgst - Du fühlst nun das starke Bedürfnis, mich zu beschimpfen. Doch mäßige Dich, kein Grund zum Groll! Denn Deine Mutter war sehr freundlich. Ich selbst hätte Dich schon nach 3 Monaten weggeworfen, da kannst Du sicher sein, denn Du warst früher sicher nicht anders als heute, Du blöder kleiner Arsch!“

Hach. Das tat gut.

Und nun zu einem anderen Thema. Neulich habe ich den Schwanz eines lieben alten Freundes umhäkelt. Fifi. So ein Schlaftier, genauso alt wie ich, aber nicht so top in Form, genau genommen nur noch dadurch zusammengehalten, dass ich seine weniger und weniger werdenden Reste regelmäßig umhäkle. Stäbchenmuster. Neulich war der Schwanz mal wieder dran. Was nicht verwundert, da Fifis Schwanz von mir sehr beansprucht wird, da ich meine Nase zum Schlafen immer zwischen seine Beine stecke. (Ich wollte das gar nicht so detailliert erklären, aber irgendwie habe ich das Gefühl, ich sollte.)

Also, dieses Schlaftier, Fifi, wird – außer, dass er regelmäßig umhäkelt wird – auch regelmäßig gewaschen, und zwar, weil ich das so gerne rieche, in Perwoll für Wäsche und Feines. Und Fifi. Danach riecht Fifi dann erstmal eine Weile ganz fantastisch, aber wie das so ist, von Tag zu Tag weniger, uns würde es nicht anders gehen. Und am besten, da unterscheidet sich der Mensch vom Fifi, am besten hält sich der Wohlgeruch zwischen den Beinen. Deshalb stecke ich meine Nase da so gerne hin. So. Außerdem - und das nur am Rande, falls einige sich fragen, warum ich keine Perwollflasche mit ins Bett nehme - außerdem sind seine kleinen umhäkelten Fifibeine exakt so lang, dass sich die dicken runden Enden perfekt auf meine Augenlider legen, was in einer Wohnung ohne Jalousien gleichzeitig einen angenehmen Schlafbrilleneffekt besitzt. Ohne die Gummis. (Irgendwie habe ich den Eindruck, hier tun sich gerade ganz andere Bilder auf...)

Gut. Warum erzähle ich das Alles? Weil ich für die Schwanzumhäkelung beim letzten Mal eine Wolle gewählt habe, die offensichtlich nicht farbecht ist. Und da ich heute Morgen nach der Anstrengung des Duschens und Anziehens und Fönens und Schminkens der Versuchung nicht widerstehen konnte, mich noch mal für ein paar winzige 5 Minütchen hinzuhauen, und dann nach winzigen 25 Minütchen erwachte und überstürzt zur Arbeit eilte, trug ich ohne es zu wissen Fifis neue Schwanzfarbe über der Oberlippe.

„Du hast einen dicken dunkelblauen Fleck über der Oberlippe!“ antwortete mir daher der Juniorflegel nach meiner kleinen formvollendeten Attacke nicht ganz ohne Grund verstört. Oh.

Oh, das tat mir wirklich leid. Schuldgefühle übermannten mich.

„Und außerdem,“ setze ich also abschließend hinzu, „außerdem wollte ich Dich fragen, ob wir vielleicht heute Abend mal ein Bier zusammen trinken gehen?“

„Nein Danke,“ gab sich Juniorflegelchen pikiert, „nicht mit einer Frau, die meine Mutter sein könnte. Schieb Dir Dein Bier in den Arsch.“

Oder so.

P.S. Aber nur wegen des Schreibens vom Finanzamt: Ja, ich bin sehr gut im Schwanzumhäkeln. Ja, ich könnte mir vorstellen, das auch ähäm im größeren Stil zu tun. Auch gern – das Weihnachtsfest steht vor der Tür – zusammen mit Eierwärmern im praktischen Geschenkset. Preis auf Anfrage.