Anleitung zum Entlieben

18.10.2006 um 20:38 Uhr

Meine Psychologin sagt...

von: Lapared

... NICHTS.

Fantastisch! Weltklasse! Ich liebe diese Frau! Aber von vorn...

Pünktlich um sechs sollte ich da sein, nicht früher, hatte sie gesagt, weil es „aus bestimmten Gründen“ kein Wartezimmer gäbe, und direkt vorm Haus solle ich auch bitte nicht warten, den meisten ihrer Klienten sei es nämlich nicht angenehm, gesehen zu werden. Verstehe.

Ich also Punkt Viertel vor Sechs da, mal sehen, wer noch so alles einen an der Mütze hat. Denken wir nur an Carrie, die bei ihrem Shrink auf Jon Bon Jovie trifft, aber ich glaube, der ist gerade auf Tour, mei, schad. Vielleicht laufe ich wenigstens Kerner in die Arme (Johannes B., so einen Namen erträgt keiner ohne Schaden), oder Til Schweiger (Emma Tiger – so heißt seine Jüngste – so einen Namen wählt keiner ohne einen Schaden)... doch nichts. Nur Uli Wickert mit Hängegesicht, aber der kommt aus der anderen Richtung vom Metzger, der Mensch lebt nicht vom Bordeaux allein, Prost Uli! Was für ein Rotweinzinken...

Punkt Sechs. Ich bin angenehm überrascht. Keine schwarz-grau-braunen Walla-Walla Kleider, keine Camperschuhe mit bequemer Großer-Onkel-Bucht, kein untertassenförmiger, handgefertigter Silberschmuck. Und auch nicht die andere Fraktion: kein Jil-Sander-Anzug, keine rechteckige, braune Paul Smith Hornbrille, kein "guter Haarschnitt", betont unfrisiert. Nein, SIE sieht aus wie die Ortsvereinsvorsitzende der Christdemokraten aus Bad Füssingen. Glänzende rosige Wangen, toupierte Wasserwelle, Perlenstecker, 1a Bügelfalte in der Rosner-Jeans. Und 100% pures Temperament. Ja, dann schildern Sie mir doch zunächst bitte einmal Ihre Beschwerden, Frau Lpunkt, ja? Beschwerden, süß.

Ich schildere. Kurzweilig, spannungsvoll, pointenreich lasse ich die kleine Revue meiner Störungen wirbelnd aufmarschieren. Vorne weg die Phobien, die Zwänge und schillerndern Neurosen… Willkommen! Bienvenue! Welcome!… wir wollen ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Dann, geführt von Narzissmus und Soziopathie, die Parade der Persönlichkeitsstörungen... Fremde, etranger, stranger! Nun ein paar leichte psychosomatischen Erkrankungen, leichte Bulimie, leichte Anorexie, umhüllt von frischer essentieller Hypertonie… Gluklich zu sehen, je suis enchante! Und schließlich das große Finale mit einem beschwingten Medley der beliebtesten Süchte und Abhängigkeiten... Happy to see you, bleibe, reste, stay! Ich bin gut! Ich fühle mich wie ein aufgeplatztes Kissen. Was für eine Show.

Und SIE? Sitzt da wie ein Bleistift, guckt, als unterdrücke sie quälende Blähungen und weckt in mir das dringende Bedürfnis, ihr kameradschaftlich in die Seite zu knuffen und zu zwinkern: Ist das ´n Ding? Ist DAS ´ne Story? Aber sie sagt keinen Ton.

Erst ganz am Schluss. Da sagt sie: Entschuldigen Sie, Frau Lpunkt, die Zeit ist um, ich würde vorschlagen, dass Sie noch mal wieder kommen. Also doch! Es hat ihr gefallen. Ich soll wieder kommen. Sie hat sich prächtig unterhalten, sie zeigt es nur nicht, das kleine Luder... Im Cabaret, au Cabaret, to Cabaret!

Schon an der Tür, rutscht ihr dann doch noch einer raus: „Ich lege übrigens Wert darauf, dass meine Klienten zu den Sitzungen absolut nüchtern erscheinen.“ – „Warum, wollen Sie eine Magenspiegelung machen?“ – „Sie erzählen sehr traurige Dinge aber Sie lachen oder lächeln dabei, kann es sein, dass Sie Alkohol zu sich genommen haben?“ Und andere dürfen die Tagesthemen moderieren. „Nein...“ Nicht Lächeln. „Aber Sie haben Recht, ein wenig Betroffenheit wäre angesichts meines Leidens angemessen, nächstes Mal weine ich, versprochen. Oder, was glauben Sie, habe ich vielleicht habe auch noch eine Affektstörung? Verlust emotionaler Ansprechbarkeit? Paradoxes Ausdrucksverhalten? Parathymie? Paramimie?“ Mensch, Mensch, Mensch. Kriegt den Hals nicht voll, das geile Ding.