Anleitung zum Entlieben

25.10.2006 um 00:07 Uhr

Super Übertragung

von: Lapared

Ach, wie gern würde ich in breitester Ausführlichkeit über meine heutige Sitzung berichten. Es ist so faszinierend! Es ist wunderbar sich innerhalb eines geordneten Beziehungssystems zu bewegen, in dem alles, was man empfindet, ganz gleich ob Mordlust oder Anbetung, gleichermaßen begrüßt und nicht die Bohne persönlich genommen wird.

Und zwar dank des wunderbaren Konzepts der Übertragung, einer cleveren Erfindung ursprünglich der Psychoanalytiker, durch die diese sich für den Fall gewappnet haben, dass der eine oder andere ihrer Klienten sie möglicherweise nicht ausstehen kann. Dies könnte, insbesondere dann, wenn es häufiger auftritt, weil der betroffenen Analytiker möglicherweise in der Tat unausstehlich ist, dessen Seele großes Leid zufügen und deshalb haben Psychoanalytiker und auch Therapeuten anderer Richtungen in seltener Eintracht beschlossen, präventiv davon auszugehen, dass Gefühle, Wünsche und Erwartungen, die ein Patient ihnen gegenüber entwickelt, eigentlich nicht SIE meinen, sondern ursprünglich anderen Person (z.B. Eltern oder Partnern) gegolten haben. Und deshalb nicht mit Groll sondern mit wachem Interesse anzusehen und als ermittlungsdienlich zu begrüßen sind.

Also Übertragung, dieses quasi berufsgenossenschaftliche theoretische Konstrukt zum Arbeitsschutz von Therapeuten, gestattet es mir, meine Analytikerin zum Beispiel „verklemmte Wachtel“ zu nennen, ohne dass sie verletzt wäre oder ich fürchten müsste, dass sie verletzt wäre - und mir das womöglich übel nimmt.

Nicht, dass ich sie tatsächlich „verklemmte Wachtel“ genannt hätte. Vielmehr habe ich gesagt, dass ich sie nett finde. Dass ich ihre neutrale, angenehm nichtssagende Art äußerst schätze. Dass ich sie wirklich mag und deshalb sogar ein paar hochspannende Träume für sie geträumt habe, die ich ihr eigentlich heute hätte erzählen wollen. Aber dass mir im letzten Moment Zweifel gekommen seien, ob das wirklich nützlich sei. Jetzt nur so für mich jetzt...

Ja, in der Tat. Mir sind Zweifel gekommen.

„Wissen Sie“, sage ich, „es ist nämlich so. Als ich hierher kam, kam ich eigentlich wegen dieser Wut, die mich treibt. Ich habe mich total darauf gefreut, sauer zu sein. Ich habe mich darauf gefreut, mindestens zwei Mal pro Satz scheiße oder verfickt und wenigstens ein Mal pro Sitzung beschissene verfickte Fickscheiße zu sagen. Liebevoll habe ich mir ausgemalt, komplett auszurasten und wie ein Rockstar Ihre bekackte scheiß Psycho-Couch zu zertrümmern. Und nun sitze ich hier und bewundere Ihre Bügelfalten. Und mag Sie. Wissen Sie, irgendwie bin ich ein wenig enttäuscht. Wenn ich das sagen darf...“

Und was sagt sie? „Interessant. Ist Ihnen das früher auch schon mal so ergangen? Kennen Sie das, dass Sie eigentlich wütend sind, aber Ihre Gefühle nicht zeigen können, weil sie die Person, die davon betroffen wäre, im Prinzip schätzen?“ Mist, denke ich, Mist Mist Mist Mist Mist! Das hatte ich vergessen. Dieses Übertragungsding bemühen sie ja nicht nur, um sich aus dem Schussfeld zu manövrieren, sondern auch um Sympathien abzuschmettern, mit denen ein Klient sie einwickeln will. MIST. „Klaro,“ murmel ich kleinlaut und um die Sache abzukürzen spule ich den Rest auch gleich runter. „Ursprünglich habe ich dieses Gefühl meiner Mutter gegenüber entwickelt, sie hat mich manchmal so wütend gemacht, dass ich sie hätte umbringen können, aber da ich meine Mutter im Prinzip auch schätze, habe ich diesen Trieb nicht ausgelebt, sondern ins Unterbewusste verdrängt, von wo aus er zu schlimmen Neurosen und Persönlichkeitsstörungen geführt hat, aber nun, durch die Therapie und die super Übertragung, kommt er wieder hoch, der Trieb, und dadurch fühle mich schon viel besser. “ Zufrieden? Mir ist alles wieder bewusst, ich bin geheilt, kann ich gehen? „Aha. Und wodurch hat ihre Mutter Sie so wütend gemacht, worum ging es?“ Vergiss es. Den Gitarrenschlumpf behalt ich für mich, das ist meiner, und Finger weg von meiner Luftpumpe! Miststück.

Ach ja, das nur ganz kurz. Herrlich. Ich könnte noch Stunden erzählen, Stunden... aber jetzt muss ich leider arbeiten.