Anleitung zum Entlieben

28.04.2007 um 11:40 Uhr

Ständchen

von: Lapared

An Tagen wie diesen, wenn die Sonne scheint und die Milchschaummeile unter meinem Fenster überquillt, wird meine kleine Wohnung, die ich so liebe, wird dieses stille Auge im Sturm so spätestens ab Sechs vom Sommersound der Großstadt geflutet und beschissen laut. Die Fenster, die im Winter für Regen und Frost durchlässig waren, sind nun genauso chancenlos gegenüber den verzweifelten Musizierversuchen armer Immigranten, die je schlechter, je lauter blasen. Sie wissen, die Almosen, die sie erwarten, gibt ihnen niemand für ihr Können. Die, die ihnen Geld geben, tun es, damit sie gehen. Schnell, sofort, bitte, HOPP. Damit die Lärmbelästigung endet, damit die Dilettanten-Combo endlich weiterzieht, damit man endlich wieder sein eigenes Wort versteht. Und sich weiter über die Speisekarte beraten kann. Deshalb ist auch immer mindestens ein Trompeter bei diesen Elends-Truppen. Unter der Trompeten-Folter brechen nämlich selbst harte „In diesem Land muss niemand betteln-Knochen“ zusammen und fischen ein fünf-Cent-Stück aus der flotten Cargohose - dafür, dass die Trompete weggeht, zahlen die Leute immer, auf die Trompete ist Verlass.

Gestern Abend. Ich sitze so da und versuche für mein eigenes Elend, das natürlich deutlich komfortabler war als das der Trompeten-Mafia, bessere Worte zu finden, als die, die ich vor anderthalb Jahren dafür hatte... versuche umständehalber auch mein Schmerzgedächtnis wieder zu finden, dass ich irgendwo in einem dunklen Winkel - ich dachte unwiederfindbar - vergraben hatte... als plötzlich etwas Ungewohntes durch meine Ohrstöpsel sickert und mir eigenartig auf die Sprünge hilft: leise, melancholische Gitarrenklänge. Der in Töne gegossene Herzschmerz, hach. Und: soweit ich das beurteilen kann (aber immerhin hatte ich mal Gitarrenunterricht) gekonnt. Empört öffne ich das Fenster und rufe schon runter: „Verschwinde, Angeber, hier dürfen nur arme Menschen spielen, die es nicht können!“ Aber dann erblickt mein Auge ein zumindest aus der Vogelperspektive echtes Schnittchen rrrrrrrrrrrrr und ganz in existentialistischem Schwarz. Ich halte in letzter Sekunde die Schnauze und lausche seinem virtuosen Schmalz...

(Fortsetzung folgt...)