Anleitung zum Entlieben

19.05.2007 um 19:30 Uhr

Gruß aus dem Gewächshaus

von: Lapared

Mein Elternhaus – ich glaube, ich habe es schon mal erzählt – ist ja eigentlich eher ein Gewächshaus. Ich bin zwischen Hunderten von Pflanzen groß geworden. Irgendwann beschloss ich selbst dann, groß genug zu sein und zog aus, aber die Pflanzen blieben und ließen sich weiter gießen. Gestern war ich richtig erschrocken. Riesige Palmen, Zimmerlinden, Gummibäume... überall. Und mein Papa und meine Mama ganz klein dazwischen, sie selbst wachsen langsam in den Boden. Ich muss sie dringend öfter besuchen, aber das denke ich jedes Mal und tue es dann wieder nicht.

„Wie geht´s mit dem Buch?“ fragte mein Papa. „Schrecklich,“ sage ich, „ich quäle mich. Nachts habe ich Alpträume und morgens graut mir davor, das zuletzt Geschriebene zu lesen, es ist nie gut .“ – „Prima“, sagt Papa, sein Gehör, seine Sehkraft, alles lässt dramatisch nach. Nur seine Fürsorglichkeit nicht: „Hast Du es warm in Hamburg, brauchst Du was, hast Du genug Geld?“ – „Ich bin pleite, Papa, mein Fernseher und mein Staubsauger sind kaputt, aber zum Glück ist Sommer, heizen muss ich nicht.“ – „Ist gut, aber wenn Du was brauchst, sagst Du es, noch sind wir da.“ Ich habe wirklich großartige Eltern, egal wie klein im Vergleich zu Gummibäumen - auch, wenn sie selbstverständlich die Schuld an all meinen Neurosen tragen. Wir plaudern ein wenig über unsere Krankheiten. Dann wie aus heiterem Himmel. „Kind, und mach Dir keine Sorgen um das Buch. Du hast Talent und vor allem Ausdauer... das hast Du von mir." Na siehste, denke ich, dein Vater versteht dich, auch ohne, dass er was hört. "Und den Staubsauger nimmst Du von Deiner Mutter, die hat zwei.“ Hmpf. „Und sonst, hast Du jemanden, der gut zu Dir ist?“ – „Ich glaube, ja, Papa.“ Und er wird sich über den Staubsauger freuen.