Anleitung zum Entlieben

03.06.2007 um 22:30 Uhr

Keine zwei Meinungen

von: Lapared

Wenn ich eins an WE hasse... er hat immer zu allem eine ganz klare Meinung. Er weiß genau, was er richtig oder falsch findet, und zwar sofort. Kein Hin und Her, kein einerseits, andererseits, kein Grau, nur Schwarz oder... Schwarz.

Heute telefoniere ich mit meinem Papa. Wir plaudern so ein bisschen über dies, über das, und plötzlich, so ganz beiläufig im Nebensatz erzählt er, dass er ab Dienstag ja diese Ausstellung hat. „Welche Ausstellung?“ – „Ach, nur ein paar Bilder.“ Mein Papa malt. „Welche Bilder?“ Er malt schon sein Leben lang. „Ach, nix Dolles.“ Er wollte immer Maler werden, schon als Kind, da trieb er in einer alten Badewanne über den Dorfteich, sah in die Wolken und träumte von einem Leben für die Kunst. Aber die Zeit verging, andere Sehnsüchte zogen auf, greifbarer... kurz, er meine Mutter geschwängert und aus der Traum. Durch den Krieg für die Freuden von Sicherheit und regelmäßiger Nahrung sensibilisiert, ließ er den anderen Pinsel Pinsel sein und entschied, Beamter zu werden. Um zuverlässig für seine Familie sorgen. Doch dann im Ruhestand... „Gib mir mal Mama!“ --- „Ja, Dein Vater hat eine Ausstellung, vierzig Bilder, alle von ihm.“ Nein! „Ja!“ Mit anderen Worten, am Dienstag erfüllt sich ein bisschen ein Lebenstraum.

„Da muss ich doch hin!“ sage ich zu WE. „Klar musst Du dahin.“ Soweit Konsens. „Bloß wie, ich bin doch ab Montag gebucht, Dienstag muss ich Kampagnen ausdenken, Mittwochmorgen ist schon das erste Abstimmungsmeeting, o weh...!??“ – „Klar denkst Du Dienstag Kampagnen aus. Bis Mittags. Dann bekommst Du schon wieder Migräne, Du Arme... und musst ganz schnell weg!“ – „Ich weiß nicht, WE, ich weiß nicht... Als Freier darf man nicht krank werden, als Freier vertritt man die, die krank werden, Freie sind gesund oder sie werden nicht gebucht.“ – „Ach Unsinn, jeder kann krank werden - was meinst Du, wie Dein Vater sich freut!“ – „Ich weiß nicht, ob es meinen Vater wirklich freut, wenn die einzige Agentur, die seine Tochter seit Ewigkeiten bucht, unzufrieden ist. Wenn danach überhaupt keiner mehr mit ihr arbeitet, weil sie als unzuverlässig gilt. Ich glaube, es würde ihn mehr freuen, wenn seine Tochter sich zukünftig wieder aus eigener Kraft einen Staubsauger leisten kann...“ – „Das kann sie auch. Am Mittwoch ist die Migräne verflogen, seine Tochter arbeitet fleißig weiter, macht einen prima Job und kann noch viele schöne Staubsauger kaufen.“ – „Sieben Stunden Fahrt! Um eine halbe Stunde auf einer Ausstellungseröffnung zu stehen.“ – „Eben, nur sieben Stunden, er hat sein Leben lang davon geträumt. Verdammt Lpunkt, ich versteh nicht, was es da zu überlegen gibt?!“ Hach. „WE, weißt Du was ich grad so überlege?“ – „Hm?“ – „Ich denke, mehr als einen Staubsauger brauche ich eigentlich nicht.“ – „Überhaupt, Staubsaugen wird überbewertet.“ – „Und weißt Du, was ich noch überlege?“ – „Hm?“ – „Diese Abstimmungsmeetings gibt es fast täglich… können die wirklich alle sooo wichtig sein?“ – „Interessanter Gedanke.“– „Und ich finde… Sieben Stunden im Auto sind eigentlich optimal, um in Ruhe über Kampagnen nachzudenken.“ – „Im Büro kommt man ja zu nichts.“ - „Du WE, weißte was ich überlegt hab... Ich glaub, ich werd Dienstag mal zu Papas Ausstellungseröffnung fahren.“ – „Echt? Obwohl Du gebucht bist? Du bist mir eine…“ – „TJA.“ – „Super, dann komm ich mit… und wir wechseln uns beim Fahren ab."

Wenn ich eins an WE liebe… er hat nicht nur eine Meinung, er macht auch was.