Anleitung zum Entlieben

14.07.2007 um 21:29 Uhr

Atompilzsoße

von: Lapared

Eines meiner frühen traumatischen schulischen Erlebnisse war... mein erster Schultag. Eine Unverschämtheit. Eingesperrt mit 30 Unbekannten. Diese Gute-Laune Maschine da vorne, Frau Borkenhagen. Singen sollten wir, singen! Und draußen warteten meine diversen Projekte. Die Umleitung des Muggelbachs. Die Erschließung des Pader-Wäldchens. Die Ersteigung des Pflaumenbaums im Garten unserer Nachbarin Frau Westermann. Singen! Ich hatte keine Zeit für diese Kindereien. Aber genug davon, das wollte ich ja gar nicht erzählen.

Eines meiner späteren traumatischen schulischen Erlebnisse war... ein Aufsatz. Eigentlich war jeder Aufsatz traumatisch, weil ich mich ja ungern mit Förmlichkeiten wie Rechtschreibung oder Zeichensetzung aufhielt, was mir jedes Mal eine Menge Ärger einbrachte. Aber dieser Aufsatz war besondern traumatisch. Eine sogenannte Phantasiegeschichte. Es galt, sechs vorgegebene Begriffe in einer frei erfundenen Geschichte miteinander in Verbindung zu bringen. Ich weiß sie heute noch, die sechs Begriffe: Zwerg, Pilz, Wiese, Kuh, Freundschaft, Festmahl. Also, keine besonders anspruchsvolle Sache, eigentlich.

Alle anderen in meiner Klasse schrieben sofort los, die Story drängte sich ja auch förmlich auf: Ein Zwerg, der unter einem Pilz auf einer Wiese wohnt. Eine Kuh, die ebenfalls auf der Wiese wohnt und den Pilz frisst. (Der Zwerg folglich obdachlos.) Die Kuh spürt ihre soziale Verantwortung und gewährt dem Zwerg Asyl (im Stall, wo sonst). Dies war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die endete, als der Zwerg nach einem besonders üppigen Festmahl, bei dem die Kuh etwas Falsches gegessen hatte, von einem unkontrolliert herausschießenden Kuhfladen erschlagen wurde. In etwa so. Lag ja nahe.

Aber das Naheliegende war für Klein-Lpunkt natürlich keine Option. Das Naheliegende reizte sie noch nie. Mein Zwerg wohnte auf dem Mond, der Pilz war ein riesiger Atom-Pilz, den er eines Tages auf dem Nachbarplaneten Erde erspähte (nach einer Kernwaffenexplosion) und den der Zwerg haben wollte, weil er gerne Schnitzel mit Pilzrahmsoße aß. Aber um zur Erde und zum Pilz zu gelangen, brauchte der Zwerg erstmal ein Raumschiff. Und für diese Raumschiff brauchte er eine Kruh (ich dachte, auf einen Buchstaben käme es nicht an)...

Kurzum, ich ersann eine Geschichte, die von vornherein als Trilogie angelegt war, und die ich unmöglich in einer einzigen Schulstunde beenden konnte. Mein Werk wurde mir unter dem Füllfederhalter weggerissen, noch bevor der Zwerg überhaupt die Frage geklärt hatte, wer während seiner reisebedingten Abwesenheit auf der Mond-Wiese Rasen mäht. (Festmahl und Freundschaft waren für das eher klassisch-heitere Ende im letzten Teil der Trilogie vorgesehen.)

Die Lehrerin, immer noch Frau Borkenhagen, rief meine Eltern an. Man machte sich ernstlich Sorgen. Diesmal nicht nur wegen der Rechtschreibfehler, die natürlich auch in diesem Aufsatz explodiert waren, atombombenmäßig.

Eigentlich sollte ich eine Sechs bekommen, eine Sechs! Aber das war meinen Lehrer-Eltern schrecklich peinlich, das konnten sie nicht zulassen, deshalb plädierten sie auf vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit ihrer Tochter und ich durfte den Aufsatz gleich am nächsten Tag noch mal schreiben. (Im Lehrerzimmer, unter den wachsamen Augen des gesamten Kollegiums und eines ernst blickenden Mannes, den ich zuvor noch nie gesehen hatte.)

Ich erkannte, dass es besser war, ein bisschen konventioneller vorzugehen. Und einfach das zu schreiben, was offensichtlich alle von mir erwarteten: die Geschichte von dem obdachlosen Zwerg, der unter einer befreundeten Kuh mit Durchfall tragisch zu Tode kommt. Ich behielt Recht, prompt bekam ich eine Drei, Banausen...

Ach ja, aber warum erzähle ich das alles, warum wohl...?

Meine Lektorin ist jung und hübsch und erinnert im Grunde in Nichts an Frau Borkenhagen. Eine Fantasiegeschichte muss ich auch nicht erfinden. Es gilt lediglich, die überschaubaren Sahnestückchen aus den Anfängen meines Blogs auszuwählen und zu einer Geschichte zu verknüpfen. Einer Geschichte, die auf einigermaßen vergnügliche Weise erzählt, was damals - zwischen Juni und November 2005 - tatsächlich geschah.

So, und mit diesem heiteren kleinen Einblick in die Abgründe meiner frühkindlich angelegten Versagensängste (ja, ja, und mit einem nicht zu leugnenden Sonnenstich) verabschiede ich mich für ein paar Tage, um in Ruhe und ohne allzu viele Umwege über Mond, Raumschiffcrews und Atompilze die kleine wahre Geschichte meines Entliebens zu Papier zu bringen. Wenigstens mit der Rechtschreibung klappt es jetzt besser.

KLEIME PAUSE

P.S. Curd Rocks Pläne kenne ich nicht, er meldet sich sicher morgen noch mal...