Anleitung zum Entlieben

15.03.2009 um 13:40 Uhr

Die Zahnärztin kommt

von: Lapared

Heute erwarten wir die Zahnärztin zum Kaffee. Die Zahnärztin heißt eigentlich Hannes und ist WEs Stiefbruder. Hannes ist an sich ein sehr lieber Mensch, sagt WE. Aber seit seiner Scheidung ist er ein bisschen aus dem Tritt. Und er hat diese, sagen wir… Kommunikationseigenheit.

Normalerweise kenne ich diese Art der Kommunikation nur von meiner Zahnärztin (deshalb nenne ich Hannes heimlich so). Sie stellt eine Frage und stopft dir gleichzeitig diese Wattetampons in den Mund. Sie fragt z.B. "Wie geht´s den Kindern?" Welchen Kindern, will man antworten und quiieetsch, Tampon 1 ins linke Wangentäschchen. "Und sonst so?" Quieeetsch, Tampon 2 ins rechte Wangentäschen. Du siehst aus wie Marlon Brando in Der Pate und du weißt: Dies ist eine Frage, auf die du nicht antworten sollst.

Nur Zahnärzte signalisieren mit dieser brutalen Eindeutigkeit, dass sie Fragen nur stellen, um sich zu vergewissern, dass du noch bei Bewusstsein bist. Nur Zahnärzte zeigen so offen, dass sie an darüber hinausgehenden Details deiner Befindlichkeit so interessiert sind wie an Pellkartoffeln. Zahnärzte und Hannes.

Hannes redet konsequent und ausschließlich über sich und seine Scheidung. Wenn er zwischendurch „Und selbst?“ fragt, dann nur, um ein Schlückchen Kaffee zu nehmen. Nicht, dass er einem Tampons in die Wangentäschchen stopft, sobald man zu einer Antwort ansetzt. Viel einfacher. Er guckt weg. Er sieht sich ein bisschen in der Wohnung um. Oder er greift zum Handy, um seine SMS zu checken. Oder er probiert, was passiert, wenn man den Reißverschluss öffnet. Am Sofakissen. Die einzige Chance, Hannes Aufmerksamkeit zurück zu erobern besteht darin, umgehend wieder auf sein Lieblingsthema zu kommen. („Du, nix Neues hier, und Marion hat dir tatsächlich nicht zum Namenstag gratuliert???“)

Natürlich habe ich Verständnis. Wer wüsste besser als ich, wie schwer eine Trennung ist, nicht wahr? Wie sich der Wahrnehmungsbereich dann auf den eigenen gebeutelten Nabel reduziert. Und vier Jahre sind ja keine Zeit. (Solange ist die Scheidung her.)

Einen Vorteil hat Hannes Kommunikationseigenheit natürlich. Wenn man mal keine Lust mehr auf ihn hat, ist es auch kein Problem. „Hannes, mir ist vielleicht ein Ding passiert…“, sagt man dann und fängt an zu erzählen. Man hört auch dann nicht auf, wenn Hannes das Sofakissen seziert. Und nach spätestens drei Minuten ist es dann soweit. Hannes starrt mit weit aufgerissen Augen auf die Uhr und erinnert sich an den wichtigen Termin, den er noch hat. „Ach schade, Hannes, schade, schade… ja dann, bis zum nächsten Mal.“

Schönen Nachmittag.

P.S. Das Hörbuch ist draußen! Das Hörbuch ist draußen! Das Hörbuch ist draußen!