Anleitung zum Entlieben

09.01.2011 um 16:04 Uhr

Nie wieder küssen

von: Lapared

Wir haben noch gar nicht über die guten Vorsätze gesprochen.

Mein Vorsatz fürs neue Jahr war diesmal, meine Zähne in 2011 noch besser zu pflegen. Und auf keinen Fall unnötigen Risiken auszusetzen.

Der Vorsatz drängte sich auf, als kurz nach Mitternacht einer der Gäste beim Verzehr eines eierlikörgefüllten Berliners auf einen Kirschkern biss und sich ein Stück Zahn abbrach. Fahrlässigerweise. Wo Kirschmarmelade ist, muss man auch mit Kirschkernen rechnen, selbst wenn die Marmelade mal neumodisch als Eierlikör daher kommt. Vorsicht ist die Mutter des Zahnersatzes.

Der Vorfall riss die Gäste zu Spekulationen hin. Nicht nur über den Kirschkern und darüber, auf welchem Weg er in den Eierlikör-Berliner gelangt war. Sondern auch über die voraussichtlichen Kosten einer neuen Krone. Ich legte den Berliner, den ich schon in der Hand hatte, vorsichtshalber wieder zurück. Und beschloss, Zahnärzte in 2011 dringend zu meiden.

Am Montag im Drogeriemarkt ging ich noch weiter. Um nicht durch eine Zahnsanierung in den Ruin getrieben zu werden, schaffte ich Interdentalbürsten an. Richtiges Sparen beginnt immer mit Investitionen, so ist es nunmal. Die Bürstchen in diversen Stärken für nicht mal fünf Euro pro Tütchen würden mir Tausende Euro für die Reparatur von Kariesschäden ersparen. Tausende.

Zuhause probierte ich meine neuen bunten Interdentalwunder sofort aus. Ein bisschen Übung gehört schon dazu, merkte ich bald. Vor allem im Backenzahnbereich. Also übte ich. Und übte. Irgendwie musste es doch möglich sein, das Bürstchen auch zwischen den sechsten und siebten Backenzahn zu schieben. Das war es auch. Nur raus bekam ich das Ding plötzlich nicht mehr. Und Üben war diesmal nicht möglich. Schon nach dem dritten Versuch brach der Griff des Bürstchens ab.

Das Stückchen Draht, das aus dem Zahnzwischenraum herausstand, reichte leider nicht, um das Bürstchen mit den Fingern rauszupuhlen. Oder mit der Pinzette. Oder mit Vatis alter Eisenzange. Es war lediglich dazu gut, um an meiner Wangenschleimhaut binnen weniger Sekunden ein Blutbad anzurichten. Ein Massaker. Vor allem beim Essen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als Kaugummi auf das abstehende Drahtende zu kleben, mich auf Rolli, mein Fahrrad, zu schwingen und zu meiner Zahnärztin zu fahren. Genau dahin, wohin ich eigentlich in 2011 möglichst selten gewollt hatte. Sie beschämte mich dann auch noch, indem sie mich gratis behandelte (dauerte ja nur 2 Minuten). Aber das war noch nicht das Ende der Geschichte, nein, nein.

Nun waren ja noch überall diese Eisplatten auf den Wegen. Ich war fast wieder zuhause und dachte so nach über das, was meine nette Zahnärztin über Interdentalbürstchen und Metall an Zahnschmelz gesagt hatte. Ob ich die teueren Bürstchen vielleicht im Bereich des Modellbaus einsetzen könnte, wenn ich jemals in diesen Bereich einsteigen sollte? Oder zur Reinigung und Pflege meiner durchstochenen Ohrläppchen? Da plötzlich machte es leise Ssssssssszt. Und wenig später wesentlich lauter RUUMMMS. Dann spürte ich einen dumpfen Schlag unterm Kinn und sah meine Zähne vor mir über das Eis rutschen, ich bäuchlings auf allen Vieren ihnen nach – hiergeblieben!

Natürlich nur in meiner Tom & Jerry-geprägten Phantasie. In Wahrheit war mein Gebiss völlig unversehrt (aber ich hätte mir sehr wohl alle Zähne rausschlagen können!). Dafür war mein Kinn abgeschürft als hätte ich stundenlang mit einem Stoppelbart geknutscht. Und meine Unterlippe war geplatzt, da hatte ich mir meine unversehrten Zähnchen beim Aufprall wohl reingerammt. Es tut jetzt noch weh. Ich werde nie wieder knutschen können. Niemals, ich armes Schwein.

Vielleicht hätte ich besser den Vorsatz fassen sollen, in 2011 beim Radfahren einen Helm zu tragen, mit Kinnschutz. Oder bei Glatteis einfach mal die Bahn zu nehmen. Aber wie soll man da bei einem Kirschkern in einem Eierlikör-Berliner auch drauf kommen...