Anleitung zum Entlieben

17.07.2011 um 14:15 Uhr

Von Hosen und Fähnchen

von: Lapared

Irgendwann kriegen sie dich. Nein, mich. Ich hasse es zuzugeben, aber irgendwann mache ich auch die dämlichste Mode mit. Und dann ärgere ich mich. Ich ärgere mich, weil ich weiß, dass mein erster untrüglicher Instinkt mir vor einigen Monaten geraten hat, so etwas niemals anzuziehen. Und ich ärgere mich, dass ich, wenn ich es jetzt doch tue, es nicht wenigstens sofort getan habe. Gleich, als dieser dämliche Trend aufkam. Denn dann hätte ich den obskuren Fummel wenigstens noch eine Weile tragen können. Aber nein, ich springe auf den Zug erst dann auf, wenn er schon fast wieder durch ist.

Ich spreche über Chinos. Vor einigen Monaten, als ich noch nicht wusste, dass sie Chinos heißen, sagte ich bei ihrem Anblick empört: Nie wieder! Meine Häschenjahre sind vorbei – niemals wieder trage ich eine Karottenhose! (Ja, ich weiß, dass wahre Modeverständige jetzt aufstöhnen über das unangemessene Gleichsetzen von Chinos und Karottenform, ich stelle das später richtig, wenn ich es nicht vergesse…)

Also, ohne zu wissen, dass Chinos Chinos heißen, beschloss ich, Chinos zu boykottieren. Erst recht Chinos mit Bundfalte, in denen sich auch kleinste Fettablagerungen in der Bauchregion aufplustert wie Blätterteig. Und das Allerallerunmöglichste waren in meinen Augen Chinos mit tiefhängendem Schritt, in denen man aussieht, als hätte der liebe Gott mit einem Basketball gespielt - däng däng däng, immer auf ´n Kopp – und dich beim Dribbeln auf halbe Länge zusammengestaucht. Ein tiefhängender Schritt! Hallo!?

Und den halben Meter, den die Beine darin kürzer wirken, soll man dann mit einmeterfünfzig hohen Absätzen wieder kompensieren. Einmeterfünfzig hohe Schuhe stehen schon lange auf meiner Boykottliste, lange. Ich bin eine erklärte Freundin flachen Schuhwerks und jeden, der meint, dass man darin plump aussieht, verweise ich auf Tilda Schwinton, wie sie in „I AM LOVE“ auf ultraflachen Sandalen durchs frühlingshafte Milano schwebt, in ihrem fließenden pfirsichfarbenen Kleid und dem leichten Strickjäckchen über den Schultern… (Das Problem, dass wir nicht alle Elfen sind wie Tilda Swinton und wie man mit etwa dem dreifachen Körpergewicht ähnlich anmutig durchs regengraue St. Pauli marschiert, lösen wir ein anderes Mal) – wo war ich?

Ach so, ich war empört über diese Modeentwicklung. Chinos. Man soll eine hässliche Hose tragen, die die Beinchen staucht, und dazu unbequem hohe Schuhe, die sie dann wieder strecken – ohne mich, habe ich vor ein paar Monaten noch gesagt. Ohne Lchen!

Sie wissen, was jetzt kommt. Sie kennen mich lang genug und wissen, dass Konsequenz nicht existiert in meinem natürlichen Verhaltensrepertoire. Ich bin ein Fähnchen im Wind der Meinungen, die mir um die Ohren fegen. Und natürlich auch ein Fähnchen im Wind der Modeindustrie. So kam es wie es kommen musste:

Ich besitze seit gestern ein Paar Loosefit Chino-Pants. Eine Karotte mit Bundfalten hätte man früher gesagt. Und das Schlimmste, ich finde, sie sehen toll aus. TOLL!

(Aber kein tiefer Schritt, soviel Rest-Rückrat habe ich mir dann doch bewahrt, auch als flatterndes Fähnchen im Mode-Diktat. Nie tiefer Schritt. Never ever. Warten wir´s ab…)