Anleitung zum Entlieben

03.10.2011 um 13:49 Uhr

Flüchtiges Sommerglück

von: Lapared

Die Rückkehr des Sommers hat aus meiner Sicht drei große Vorteile. Das Freibad ist wieder geöffnet. Die Eisbude hat wieder Melonen-Eis (aus dem Wintersortiment wurde es empörender Weise gestrichen). Und: Überall - in Parks, an Stränden, in Cafés - sitzen Menschen und lesen. Lesende Menschen sehe ich persönlich gern.

Gestern am Elbstrand wurde mir ein besonderes Geschenk zuteil. Ein Anblick, der Wasser der Rührung in meine Augen trieb. Nicht unweit von mir las eine junge Frau mein Buch. Meins! Von allen Büchern dieser Welt, Millionen und Abermillionen, hatte sie ausgerechnet dies ausgewählt. JAJAJAAAAA!

„Was möchten Sie trinken?“, hätte ich ihr am liebsten zugeflötet. „Eistee? Schorle? Pina-Colada?“ Eine Augenweide. Ich musste immer wieder hinsehen. („Vorsicht mit der Sonnenmilch, wir wollen doch keine Fettflecken auf den Seiten!“) Hinter meiner Sonnenbrille registrierte ich jede feinste Veränderung ihrer Mimik. Mein Herz hüpfte bei jedem Schmunzeln, und wenn sie kritisch die Stirn runzelte, rutschte es in die Hose. Guck, guck, guck, jetzt hatte sie beinahe gelacht! Vor Aufregung bekam ich Harndrang. Als sie dann unvermittelt aufsah und mich mit diesem Blick bedachte, als sei ich ein Pädophiler auf dem Kinderspielplatz, erschrak ich fürchterlich und flüchtete schnell zum nächsten öffentlichen WC.

Was sie wohl von mir dachte? Dass ich sie hatte angraben wollen? Ich schämte mich ein bisschen beim Wasserlassen. Ich nahm mir vor, sie kein einziges Mal mehr anzusehen. Als ich dann aus der Kabine kam, was denken Sie, wer stand da vor mir am Handwaschbecken? Richtig: SIE.

Als sie mich sah, verdrehte sie entnervt die Augen. Oh Gott, glaubte sie etwa, dass ich ihr auf die Toilette gefolgt war?!

„Keine Angst, ich interessiere mich nicht für Sie, eher für Ihr Buch …“ Aber da war meine Leserin durch die Schwingtür der Toilette schon wieder verduftet. Verdattert sah ich den Schwingtürflügeln zu, wie sie in immer kürzer werdenden Schlägen ausschwangen. Plötzlich standen sie still. „Wie gefällt es Ihnen?“ führte ich meinen Satz leise zuende.

Als ich wieder zurück war auf meiner Decke am Elbstrand, traute ich mich kaum, in ihre Richtung zu sehen. Nur aus den Augenwinkeln erkannte ich, dass sie verschwunden war. Kennen Sie den Film Misery? Diese alte Steven King Verfilmung, in der Kathy Bates eine Leserin mimt, die ihren Lieblingsautor ans Bett gefesselt in ihrem Haus gefangen hält, um ihm nah zu sein. Quasi mühelos hatte ich den Spieß genau umgedreht, vor mir suchten Leser erschrocken das Weite als wäre ich eine Psychopathin. Wie waren wir darauf gekommen? Ach ja, der Sommer…

Aber der Herbst ist auch eine schöne Jahreszeit. Es ist Curds Lieblingsjahreszeit, weil sie farblich zu seiner Decke passt - um nur einen Vorteil zu nennen. Meloneneis gibt es zwar nicht, aber neulich habe ich zum ersten Mal Maronen gegessen. Heiß, mit Puderzucker. Ich muss sagen: Es gibt zu jeder Jahreszeit Gründe, dick zu werden. Und nicht zuletzt… Gelesen wird im Herbst wieder daheim auf dem Sofa. Ich kenne mindestens eine Leserin, die jetzt die Augen rollen und leise knurren würde: Besser so.

P.S. Das Rätsel der Riesenfotos hat sich noch nicht gelöst. Ich hab keine Ahnung, woran es liegt...