Anleitung zum Entlieben

30.09.2012 um 21:19 Uhr

Lanzelot der Zweite

von: Lapared

Mein Nachbar hat einen neuen Hund. Er sieht genauso aus wie sein Vorgänger, der alte Lanzelot. Er hat struppiges, kastanienbraunes Fell, ein Gesicht wie Alf mit Bart und er ist riesengroß. Genau wie Lanzelot, der zuletzt zu schwach war, Treppen zu steigen, bellt er so gut wie nie. Man kann sich keinen besseren Nachbarshund vorstellen. Bis auf eine Kleinigkeit: Wenn Lanzelot II. (seinen richtigen Namen kenne ich noch nicht) alleine ist, verliert er die Nerven. Erst dachte ich, es wäre Mateo, das neue Baby aus dem Erdgeschoss, mit angeschlossenem Hybridverstärker. Aber es war der neue Nachbarhund. Er schreit.

Wirklich, er schreit. Er heult nicht, er jault nicht, er fiepst nicht (bellen tut er wie gesagt ohnehin nicht)… er schreit. Sehr laut und sehr herzzerreißend. Ich habe so etwas noch nie zuvor gehört. Dafür hatte ich gestern Nacht gleich drei Stunden am Stück das zweifelhafte Vergnügen. Bis sein Herrchen um zwei Uhr nachts besoffen vom Kiez getorkelt kam.

Ich gleich heute Nachmittag hin.

Ich: Äh, guten Tag.

(Herrchen öffnete noch im Schlafkostüm.)

Ich: Bitte verstehen Sie mich nicht falsch… Ihr Hund… wie heißt er eigentlich… er hat heute Nacht geschrien.

Herrchen: Er hat geschrieben?

(Seine Fahne schlug mir wie ein nasser Wischmopp ins Gesicht.)

Herrchen: Mein Hund kann nicht schreiben.

Ich: Machen Sie sich nichts draus, seine Stärken sind vielleicht die Naturwissenschaften.

(Ein kleiner Scherz zur Lockerung der Atmosphäre. Herrchen verzog keine Miene.)

Ich: Aber genug gelacht… Ihr Hund schreit, wenn Sie ihn alleine lassen. Er schreit wie ein Baby, nur schlimmer, lauter, gequälter… ungefähr so… HUEIIIILUUUUUUUHHHCHZ…

(Ich versuchte Lanzelot II. zu imitieren)

Herrchen: Na und? Ich kann Ihren Fernseher auch bis aufs Klo hören.

Ich: Nein, Sie verstehen nicht… Ich will mich nicht über den Lärm beschweren… Ich denke nur, ich…

Herrchen: Letzten Mittwoch haben Sie um kurz vor Mitternacht noch staubgesaugt.

Ich: Ja, das war wirklich blöd. Da war mir das Waschpulver runtergefallen.

Herrchen: Eben. Wie oft höre ich mitten in der Nacht Ihre Waschmaschine!

Ich: Aber wie Sie gerade selbst ganz richtig sagten. Das ist eine Maschine. Sie leidet nicht. Meine Waschmaschine hat keine Trennungsängste - das hoffe ich zumindest…

(Ein kleiner Scherz.)

Ich: Was ich nur sagen will: Der Lärm würde mir gar nichts machen. Aber Ihr Hund - was sagten Sie, wie er heißt? - Ihr Hund tut mit einfach leid!

Herrchen: Ach ja?

Ich: Ja! Sie könnten wenigstens das Radio für ihn anmachen. Oder ihm zur Beruhigung eine benutzte Socke da lassen. Das habe ich im Internet gelesen…

Herrchen: Sie lesen im Internet über meinen Hund nach? Wollen Sie was von mir?

Ich: WAS? ICH? VON IHNEN!?? NEIN!!

(So eine Frechheit! Er sieht aus wie eine Kartoffel!)

Herrchen: Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Kram.

Ich: Aber…

WUMS, war die Tür auch schon zu. 

Wenn das noch mal passiert, werde ich ihm einen Brief schreiben, habe ich mir überlegt. Ich werde schreiben, dass ich mich fürchte, wenn er nicht da ist. Dass ich Angst habe, dass er nicht wieder kommt. Und dass er gefälligst nicht so viel saufen soll und lieber mehr mit mir spazieren gehen. Dann wäre er auch nicht so fett und seine nette Nachbarin würde ihn nicht Kartoffel nennen. Unterschrieben von seinem Hund. P.S. Ich KANN schreiben, du Dödel!

Zum Unterschreiben muss ich nur noch den richtigen Namen von Lanzelot II. herausfinden.