Anleitung zum Entlieben

16.12.2012 um 20:05 Uhr

Alle Jahre wieder

von: Lapared

Ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, als ich vor drei Jahren den Mietvertrag für meine jetzige Wohnung unterschrieb. Und selbst wenn ich es nicht mehr wüsste, würde mich die vollautomatische jährliche Mieterhöhung daran erinnern, die hatte ich nämlich vor lauter Aufregung überlesen. Aber das ist eine andere Geschichte, mit einem Kamel in der Hauptrolle, zurück zu mir und anderen netten Tieren.

Ich setze also mit pochendem Herzchen meinen Wilhelm unter dieses sittenwidrige Schriftstück. Und als ich wieder aufschaute, blickte ich in das grinsende Gesicht des Vermieters. „So, liebe Frau Lpunkt, und nun, da Sie unterschrieben haben, die schlechte Nachricht…“, feixte er. „Neben Ihnen wohnt das Böse.“ Das sagte der Richtige. „Viiiel Spaß!“

Gemeint war Emmi P..

Emmi P. ist schätzungsweise 70 bis 100 Jahre alt und wohnt schon über 40 Jahre lang in diesem Haus. Der Legende nach war sie Vorbild für die berühmte MTV-Oma in dem unvergessenen Fernsehspot (Ruhe da unten! Sonst brech ich euch die Beine, scheiß Kinder…). Emmi ist ein echtes Kaliber.

Alle um sie herum sind Idioten, sie ist ständig am zetern und redet über jeden schlecht. Man muss sie einfach liebhaben. Zumindest ist sie keine von denen, die vorne rum freundlich tun und hinterrücks das Ventil abdrehen, damit dein Fahrrad platt ist, wenn du auf den letzten Drücker los musst. Nein, Emmi sagt dir ganz offen ins Gesicht, was sie von dir hält. Und sticht dir heimlich mit dem Kartoffelmesser in die Reifen. Emmi ist randvoll mit Zorn – sicher wurde sie nicht damit geboren.

In der Zwischenzeit hatte ich mit Emmi schon sehr viel Spaß. Als sie sich letztes Jahr just in der Weihnachtszeit das Bein gebrochen hatte, habe ich bei ihr geputzt und Half hat für sie eingekauft. Was man in der Weihnachtszeit so tut, im Fernsehen nehmen die Leute Penner mit nachhause, Jesus hat viele Gesichter, liebe Kinder. Ja, ja.

Unser edles mitmenschliches Wirken wurde von Emmis ständigen Pöbeleien begleitet. Mir selbst bescheinigte sie die Geschicklichkeit einer Elefantenkuh beim Abstauben ihrer Habseligkeiten. Und Half, der beim Einkaufen die falschen Lutschbonbons gegriffen hatte, bekam fast eine Dose Feines Möhrengemüse an den Kopf. So ist sie, die liebe Emmi. Immer ein Erlebnis. Und tief drinnen natürlich eine Seele. Bestimmt.

Dieses Jahr hat Jesus erneut an unserer Tür gebimmelt, erstaunlicherweise wieder mit demselben Gesicht wie letzte Saison, er will duschen. Sie! Emmi hat in ihrer Wohnung nämlich nur ein Waschbecken, keine Dusche, keine Wanne, so etwas gibt´s tatsächlich noch in alten Häusern. Gegen den Einbau eines Badezimmers hat Emmi sich stets gewehrt. Schnickschnack! Wozu gibt´s Waschlappen?!

Aber nun hat Emmi ihre Meinung offenbar geändert. Plötzlich hat sie das unwiderstehliche Bedürfnis nach einem Duscherlebnis überkommen. Und wer würde einer alten Dame diesen „einzigen Weihnachtswunsch“ (sie kann so herrlich theatralisch sein!) abschlagen? Ich konnte es nicht. Zumal Emmi ihn gewohnt charmant vortrug. („Herrje, Lpunkt, du sollst mich doch nur einmal einseifen und abbrausen, das schaffst du doch wohl!“) Dienstag habe ich also einen Bade- bzw. Duschgast. Jedes Jahr eine gute Tat - altes Pfadfindermotto. Ich kann es kaum erwarten.

Sie wird wieder mal ununterbrochen schimpfen, natürlich wird sie den Komfort in meinem Bad en détail bemängeln, es wird eine Tortur für Mensch und Emmi, aber danach werde ich mich gut fühlen. GUT. Oder - die Möglichkeit ist mir eben aufgegangen – oder es juckt.

Eben kam Half. Auf seinem Weg von der Arbeit hatte er Emmi zufällig in der Bahn gesehen und dabei eine beunruhigende Beobachtung gemacht.

„Sie kratzte sich ständig am Kopf!“

„Das kenne ich,“ wiegelte ich ab, „diese scheiß Polyacrylmützen!“

Half guckte nur mitleidig.

„Sie trug doch eine Mütze?“, hakte ich nach.

Half sagte gar nichts.

Oha.

Ich fürchte, ich werde Emmi vor unserer Verabredung noch mal interviewen müssen, warum sie so völlig gegen ihre Gewohnheiten plötzlich eine Dusche nehmen will. Jesus mag viele Gesichter haben. Aber keine Läuse, bitte!