Anleitung zum Entlieben

17.02.2013 um 18:40 Uhr

Reif für den Porsche

von: Lapared

Kennen Sie diese Typen, die 100 Meter vor der Ampel noch links an einem vorbeiziehen, in ihren schnellen, teuren Flitzern? Und wenn man dann neben ihnen an der Ampel steht, sieht man, dass sie in diesem gewissen Alter sind, in dem ihr Fahrzeug vielleicht das letzte Spritzige an ihnen ist. Ja, diese midlife-krisigen grau-melierten Porsche-Schnullis kennt wohl jeder. Ich bin einer davon.

Natürlich ohne Porsche. Und ohne Grau, ich töne. Aber ansonsten bin ich genau wie die. Ausglöst wurde das alles durch diesen Rollsplit überall auf den Straßen. Das dritte Mal in einer Woche hatte Rolli davon einen Platten. Rolli ist mein altes Hollandrad. Es wiegt circa 50 kg (unbeladen) und fährt nur im dritten Gang. Ich verdanke ihm meine prächtigen Arnold-Schwarzenegger-Gedächtnis-Oberschenkel. Gemeinsam erreichen wir Geschwindigkeiten bis in den oberen Schritt-Tempo-Bereich, Rolli und meine Muckis. Doch nun war Rolli wie gesagt zum dritten Mal in enger Folge platt. Und um meinen Termin noch zu schaffen, entschloss ich mich, mein kleines rotes Sportrad abzuhängen, das bisher nur als Designobjekt meine Wohnzimmer-Wand schmückte. Weil es eigentlich zu schön ist, um es zu fahren, zu unpraktisch beim Einkaufen ohne Gepäckträger, und noch mehr aus Angst, dass man es mir unterm Hintern weg klauen würde. Ich hatte ja keine Ahnung.

Dieses Rad fährt quasi von selbst. Man muss die Pedale nur leicht antippen, schon geht es ab wie ein geölter Blitz. In Lichtgeschwindigkeit quasi sauste ich quer durch die Stadt und kam viel zu früh zu meinem Termin. Noch nie im Leben bin ich zu irgendwas zu früh gekommen! Und die ganze Zeit dachte ich nur: Tschüss, Rolli, das war´s. Ich werde nie wieder ein anderes Rad fahren. Nie wieder! Flick dich selbst!

An einer Steigung konnte ich nicht widerstehen. Vor mir fuhr ein junger Primitiver auf seinem ALDI-Mountain-Bike. Obwohl am Ende des Berges die Ampel auf Rot sprang, trat ich in die Pedale meines holländisch-japanischen Edel-Flitzers und zog schnittig an ihm vorbei. Huuuiii! Nur um dann an der roten Ampel zu stehen und ihn hinter mir Heranschnaufen zu hören. Den Jungspund auf seiner Alugurke.

Hoffentlich sagt er nichts, dachte ich, und starrte zur Ampel. Werd´grün! Werd´grün! Inzwischen schämte ich mich ein bisschen ob meiner primitiven Überlegenheitsdemonstration. Er sagte nichts, zunächst. Er hatte ja keine Luft. (Ich kenne das, so ging es mir mit Rolli auch immer am Berg). Aber dann stieß er voll ehrlicher Anerkennung aus: „Boah ey, Alter… geiles Rad!“ Was für ein schöner Tag. Plötzlich konnte ich diese Porscheschnullis bestens verstehen. Man weiß zwar, es ist nur die Technik, jeder kann mit einem Porsche schnell sein. Aber es fühlt sich trotzdem an, als wäre man es selbst: besser, stärker, kraftvoller - mit einem Wort: JUNG. Ein unwiderstehliches Gefühl, ab einem bestimmten Alter.

Oder hatte er „Boah ey, Alte“ gesagt?

Ja, sicher, er hatte „Alte“ gesagt!

ALTE!

Ich geht mal runter in den Keller, Rolli flicken.