Anleitung zum Entlieben

24.03.2013 um 18:49 Uhr

Baby-Besichtigung

von: Lapared

Meine Freundin hat ein Baby bekommen, gestern habe ich es das erste Mal besichtigt.

Nun bin ich nicht unbedingt der Typ, der in jeden Kinderwagen schaut. Und wenn, dann rutschen mir meist Kommentare raus, mit denen ich mir den Unmut der Mütter zuziehe, Kommentare wie:

„Hey, ist die Eule von IKEA?“ Oder:

„Oje, was ist denn das für eine Losbuden-Figur? Da ist Curd aber schöner!“

Was kann ich dafür, dass mir zuerst die Stofftiere ins Auge fallen, wenn ich in so einen Babyschlitten äuge?

So gesehen verlief mein gestriger Antrittsbesuch alles in allem glimpflich. Ich wurde jedenfalls nicht rausgeworfen.

Mutter und Kind hingen gemütlich auf der Couch ab, als ich kam. Ich gesellte mich zu ihnen. „Und sonst, was gibt´s Neues?“, eröffnete ich dann elegant die Konversation. Im selben Moment vernahm ich ein leises Schnarchen. Die Mutter war bei meiner Ankunft in einen tiefen, dornröschenhaften Schlaf gefallen. Sie hatte etwa 100 Jahre kein Auge mehr zugemacht, wie sich später herausstellte. Zumindest in den Tagen, seit das Baby auf der Welt war. Sie war total, vollkommen, komplett erschöpft.

Da waren wir nun. Dornröschen, ich und der Wurm in der Mitte. Kontaktbereit glucksend. Ich tat, als wenn wir uns nicht kennen, was wir schließlich nicht taten, und las interessiert in der Brigitte. Der Wurm fing an zu krähen. Dornröschen schlief weiter. Ich bin sicher, dass ein Teil ihres mütterlichen Unterbewusstseins funkte: Aufwachen, dein Kind weint! Aber ein anderer, eher entertainment-orientierter Teil, der auch gern „Versteckte Kamera“ guckt, hielt unterbewusst dagegen: Schlaf! Lpunkt ist doch da! Mal sehen, wie sie sich anstellt! Das wird lustig… Und wie.

Ein paar Minuten ignorierte ich das Babygeschrei mit den Mitteln der Autosuggestion (Ich bin ganz entspannt, ich höre nichts, ich bin ein Hochleistungs-Ohrstöpsel, an dem jedes Geräusch abprallt…), dann suchte ich das Gespräch. „Wurm, was ist los? Was kann ich für dich tun?“ Keine Antwort. Ich versuchte es mit raffinierteren Methoden. Killekillekille! Fehlanzeige.

Ich muss dazu sagen… Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so ein kleines Wesen gehalten. Es hat sich nie ergeben. Aus Filmen wusste ich, dass es einer besonderen Haltetechnik bedarf, damit der Kopf nicht abbricht. Ich ging daher mit äußerster Vorsicht vor, als ich den Winzling schließlich doch hochnahm. Sofort hörte er auf zu Krähen (na bitte, als Frau muss man einfach seinen Instinkten folgen) und kotzte mich voll. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, bestimmt.

Das Gebrüll ging weiter. Aber nun, nachdem ich schon so weit gegangen war, ließ ich nicht mehr locker. Ich wollte den Knopf finden, an dem man das Geschrei ausstellt. Aus SATC erinnerte ich mich noch, dass Babyschaukeln manchmal Wunder wirken, oder Vibratoren. Ich wurde einer.

Nach kurzer Experimentalphase hatte ich raus, dass der Wurm auf laaange schwiiiingende Bewegung steht. Draußen vorm Fenster schien so schön die Sonne, ich stand da, sah hinaus in die Freiheit, und schwang mitsamt dem Kind im Arm gefühlt ewig von liiinks nach reeeechts nach liiiiiiinks… wie ein hospitalisierter Elefant. Dann wurde mir vor lauter Schwingung übel.

„Was ist denn das, hast du dich vollgekotzt?“ Als meine Freundin nach ihrem Dornröschenkoma benommen wieder zu sich kam, fiel ihr Blick sofort auf den großen dunklen Fleck auf meinem Pulli. „Nein, nein…“, beschwichtige ich. „Da war nur ein kleiner Fleck, ich hab ihn rausgewaschen.“ Das Baby lag inzwischen wieder friedlich schlummernd auf der Couch, erschöpft vom eigenen Gebrüll. „Ich glaube, ich muss dann auch mal wieder…“

Glimpflich, sehr glimpflich ist dieser Baby-Besichtigungstermin insgesamt verlaufen. Wenn man bedenkt, was noch alles passieren hätte können.

„Meins hat sie Eule genannt.“

„Zu meinem hat sie Losbuden-Figur gesagt.“

„Meins hat sie vollgekotzt!“

Ich hätte meinen Ruf als Baby-Schreck für immer und ewig weg gehabt.