Anleitung zum Entlieben

30.06.2013 um 14:01 Uhr

Vorbei mit Süße

von: Lapared

Elli geht ins Heim. Gerade als ich mich an meine Nachbarin, von allen liebevoll „Das Böse“ genannt, gewöhnt hatte, verlässt sie mich. Was für ein Mist.

Im Grunde ist sie natürlich gar nicht böse, wer ist das schon. Ein Schandmaul? Ja. Frech? Allerdings, wie Rotze. Ordinär? Vornehm ausgedrückt. Elli war 30 Jahre lang Putzfrau auf Sankt Pauli, und was sie sonst noch so auf Sankt Pauli war, darüber schweigen die Chronisten. Da kann man nicht erwarten, dass sie in Versen säuselt. Ich jedenfalls mag Elli inzwischen fast, schließlich haben wir - treue Leser erinnern sich vielleicht - schon zusammen geduscht.

Ich bilde mir übrigens ein, dass die zarte Sympathie auf Gegenseitigkeit beruht. Ich sehe Zeichen, täglich beinah. Gerne bringt Elli mir z.B. halb gegessene Joghurts vorbei. („Süße, iss auf, ich kann nicht mehr und der ist schon abgelaufen.“) Neulich habe ich sogar ein 3-er Pack Unterhosen abgestaubt, in Größe 52. („Hier Süße, die hab ich zu klein gekauft, aber dir könnten sie passen.“) Und wenn Elli einmal im Monat beim Kiez-Griechen, bei dem sie früher geputzt hat, einen Grillteller abgreift, bringt sie mir im Doggybag den Krautsalat mit. („Lass es dir schmecken, Süße, ich krieg davon Dünnschiss.“)

Süße nennt sie mich übrigens nur deshalb, weil sie meinen Namen nicht weiß. („Wie heißt du? Lchen? Ach, Süße, das kann sich doch keine Sau merken…“) Ich wohne ja auch erst seit fünf Jahren im Haus. Bei anderen Leuten nennt sie mich übrigens „die Verrückte, die immer in Sporthosen rum läuft“. Was soll ich sagen, sie hat recht! Ich schlendere gerne mal in meinen ultralässigen Beckenbauer-Pants zum Supermarkt auf der Ecke. Dort treffen wir auch regelmäßig aufeinander, Elli und ich. Ich liebe es, wenn sie dann quer durch den Laden brüllt, mit ihrer dreckigen, tiefen Kettenraucherinnen-Stimme: „Hey Süße, gehen wir zusammen nach Hause?“ Und dann packt sie den ganzen Wagen voll - Konserven, Flaschen, den ganzen Wochenbedarf - weil sie weiß, dass ich ihre Tüten schleppe. Ach ja, Elli, die fiese alte Kröte, wie wird sie mir fehlen!

Drei Jahre lang hat Elli dem Druck des Vermieters stand gehalten. Hat sich mit Händen und Füßen und Mietverein gewehrt gegen die Sanierung ihrer Wohnung, in der sie 47 Jahre lang gut zurecht gekommen ist. Auch ohne Dusche, Zentralheizung und Doppelverglasung. Nun beugt sie sich und räumt das Feld. („Ach Süße, ich kann nicht mehr…“) Jetzt kann der Vermieter alles modernisieren und die Wohnung dann für das Zwanzigfache vermieten. Nicht, dass er es nötig hätte, ihm gehört das halbe Viertel. Aber Reiche wollen eben immer noch reicher werden, das ist in ihren Reichen-Genen, dagegen kommt man nicht an.

Elli, in ihrer umgänglichen Art, wird im Heim sicher schnell neue Freunde finden. Da mache ich mir gar keine Sorgen. Aber was wird aus mir, wer wird mich jetzt noch Süße nennen? Was für ein Mist.