Anleitung zum Entlieben

06.10.2013 um 17:45 Uhr

Spachodder

von: Lapared

Der nette neue Nachbar (eingezogen vor kaum 2 Jahren), hat mir ein Buch geliehen, es heißt „Das schönste deutsche Wort“. Da hat es vor einiger Zeit mal einen Wettbewerb gegeben, veranstaltet vom Deutschen Sprachrat (huihuihui, was wir alles haben) und vom Goethe-Institut. Das Buch ist dabei rausgekommen. Ein tolles Buch. Vor allem die versammelten Wörter darin. Wörter wie Pusteblume, Vergissmeinnicht, Hauch (Hauch, hallo, ist das nicht fantastisch?!). Wörter wie Rascheln, Kuddelmuddel, Wonneproppen. Oder Pampelmuse. Nochmal: Pam-pel-muuuu-se! Ein absolutes Knallerwort, oder etwa nicht?

Gewonnen hat damals übrigens das Wort „Habseligkeiten.“ (Hm, na gut…) Und ihm dicht auf den Fersen „Geborgenheit“, ein deutsches Wort, das vor allem vom Ausland honoriert wurde. Es war nämlich ein internationaler Wettbewerb und andere Sprachen, so konnte man in den Begründungen der Einsender lesen, haben z.T. gar kein Wort für Geborgenheit. „Fernweh“ gibt´s auch nicht in jeder Sprache. Seltsam. Wie kann man ohne Fernweh und Geborgenheit zurecht kommen…

Jedenfalls… Seit ich das Buch habe, frage ich mich, was mein Lieblingswort ist. Trödeln ist ganz weit vorn. Nicht nur, weil es so hübsch klangbildlich - oder schöner gesagt (!) - lautmalerisch ist. Trödeln ist mir auch inhaltlich sehr nahe. Ich persönlich trödele immer, es sei denn, ich trödle, was auch oft vorkommt. Im Moment bin ich natürlich besonders langsam. Curd hat es letzte Woche gewohnt mitfühlend erwähnt: Ich hatte einen kleinen Unfall. Ich bin in die Ostsee gefallen und auf einem Stein gelandet. Aber auch mit heilen Knochen bin ich ein echtes Trödelschwein.

Das Wort habe ich gerade neu. Trödelschwein. Es ist ein bisschen origineller als nur trödeln und gefällt mir eigentlich auch recht gut. Es stammt von Bauer Schulz, aber das ist eine andere Geschichte, nur kurz: Bei Bauer Schulz – www.meinekleinefarm.org - kann man Wurst von Schweinen kaufen, die davor ein gutes Leben hatten. Die zumindest den Himmel sehen und sich in einer Matschkuhle suhlen durften (suhlen, auch schön!). Und die Bauer Schulz so persönlich kannte, dass er über sie Dinge sagen könnte, wie über eins seiner Schweine, das inzwischen Wurst ist und ausverkauft ("… ein Trödelschwein, sehr gemütlich unterwegs, ziemlich unaufgeregt…“). Aber ich schweife ab.

Ich glaube, ich nehme Spachodder. Wenn der Deutsche Sprachrat oder das Goethe-Institut mich fragen würden, ich würde sagen: "Danke, dass Sie fragen, welche Ehre, mein schönstes deutsches Wort ist Spachodder." Und würde vermutlich ruckzuck disqualifiziert. 

Kleiner Spachodder, bis vor einer Stunde dachte ich noch, diese Wendung sei völlig geläufig! Ich dachte, sie käme ursprünglich aus Ostpreußen, wie mein Vater, der sie häufig benutzte. Als liebevolle Bezeichnung für ein mickriges kleines Geschöpf, egal ob Mensch oder Tierchen. Für einen dreckigen kleinen Lümmel… oder eine magere kleine Rotzgöre… einen zähen kleinen Köter… oder oder oder… für einen kleiner Spachodder eben! Es gibt keinen besseren Ausdruck für einen Spachodder als Spachodder. Dachte ich.

Doch gerade musste ich feststellen: Mein Lieblingswort existiert gar nicht. In ganz Google gibt es keinen einzigen Spachodder! Was sich hiermit allerdings ändern dürfte (Spachodder Spachodder Spachodder). Spachodder, gesprochen Schpa-chodda [ʃpaːçɔdɐ], ist offenbar ein im Ursprung exklusives Papa-von-Lpunkt-Wort, das ich hiermit offiziell in den deutschen Wortschatz auswildere. In den Weltwortschatz! Ins Web jedenfalls. Tschüss, kleiner Spachodder! Mach es gut.

Mal sehen, ob es sich da draußen behaupten kann, mein Lieblingswort. Ich mag es natürlich auch deshalb, weil ich dabei immer meinen Vater vor mir sehe, wie er es sagte, als er noch lebte. Er sagte es so nett. Mit einem verschmitzten Grinsen, ein bisschen abfällig, aber eher amüsiert, vor allem gütig. (Da kommt doch dieser kleine Spachodder und pinkelt einfach an den Reifen… oder… Da steht dieser kleine Spachodder und behauptet, er hätte den Kuchen nicht gegessen…) Wem es gefällt, der kann das Wort gerne benutzen - das fänd ich sogar ziemlich schön.

So, Ihr kleinen Spachodder (Plural von der Spachodder: die Spachodder), und nun zurück an die Arbeit! Gemütlichen Sonntag noch.