Anleitung zum Entlieben

13.06.2005 um 23:21 Uhr

Abfahrt

von: Lapared

Heute bin ich meiner emotionalen Befreiung einen großen Schritt näher gekommen. Die Erfahrungen des Urlaubs tragen erste Früchte. Ich habe Zwiebeln gegessen. Frische Zwiebeln. Zum ersten Mal seit zwei Jahren. Für ein zwiebelbelegtes Mettbrötchen zum Abendbrot habe ich leichterdings das Risiko auf mich genommen, im unwahrscheinlichen Falle eines außerplanmäßigen Besuchs von 119 (normalerweise kommt er nur samstags) zu stinken. Halleluja!

Also, der Urlaub. Um neun sollte es losgehen. Er hat kein Auto, und ich besitze meins auch nur deshalb, weil er mal gesagt hat, es wäre schön, eins zu haben, um damit ans Meer zu fahren. Ich bin gerne am Meer, aber ich fahre nicht gern. Es strengt mich an, macht mir Angst und ich empfinde es jedes Mal wie ein kleines Wunder, wenn ich unfallfrei von A nach B komme. Auf jeder Fahrt gibt es mindestens eine Situation, die meiner Überzeugung nach auch ganz böse hätten enden können. Und doch liebe ich mein Auto sehr. Für 119 sind die Ausflüge, die wir damit unternehmen, nämlich ein nicht unwesentlicher Grund, an unserer Beziehung festzuhalten, das habe ich inzwischen erkannt. Wie gesagt, er liebt mich nicht, und deshalb muss es – abgesehen vom Sex, der für 119 angenehm aber nicht essentiell ist, und natürlich dem positiven psychologischen Effekt einer hübschen, klugen, witzigen Frau (mir!), die ihn, einen zweifellos tollen, aber im klassischen Sinne mäßig erfolgreichen Mann, anbetet – auch ganz praktische Gründe geben, die Verbindung mit mir zu pflegen.

Wie auch immer, um neun wollten wir also aufbrechen. Pünktlich um fünf vor neun setzte ich mein Auto in Bewegung, um je nach Verkehrslage circa um sieben bis neun nach neun vor seiner Tür zu stehen. Ich wollte ein bisschen lässig wirken. An der letzten Ampel vor seiner Wohnung rief ich ihn wie verabredet an. „Hallo Hase! In zwei Minuten bin ich da, kommst Du runter?“, ich klang wie ich klingen wollte: „süß aufgeregt“, das erschien mir bei nochmaligem Nachdenken charmanter als „lässig“. Es war schließlich unser erster Urlaub. 119 wirkte noch etwas verschlafen: „In zwei Minuten? Gut, ich muss nur noch schnell packen!“ Mir sank das Herz in die Hose, wenn er eins nicht ausstehen kann, dann Hetze. „Lass Dir Zeit, dann trinke ich im Stenzel noch ´nen Kaffee!“, sagte ich, wohl wissend, dass das Stenzel noch nicht auf hatte. Aber 119 wehrte ab: „Mehr als zwei Minuten brauche ich nicht, sind ja nur fünf Tage.“ Ich suchte mir einen Parkplatz und wartete. Zwei Minuten, dachte ich, das ist selbst für einen Mann ziemlich schnell. Ich hatte zum Packen etwa zwei Wochen gebraucht, und das ist wohl selbst für eine Frau ziemlich lang. Mein ganzes Unterwäschekonzept musste überarbeitet werden. Und natürlich brauchte ich dringend noch ein paar neue Kleider. Und passende Schuhe dazu. Und ein, zwei Jacken, falls es abends noch kühl sein würde. Ich hatte mir vorgenommen, in den fünf Tagen, die wir gemeinsam verbringen würden, so schön zu sein, wie ich konnte. Wenn er mich schon nicht liebte, sollte er mich wenigstens begehren.

Exakt zwei Minuten später trat 119 aus der Haustür. In einer hellbeigen Breitcord-Hose Jahrgang 1992 (mit Bundfalten!), einem karierten Flanellhemd, das er gewohnheitsgemäß bis zum obersten Knopf zuknöpfte, und einer blauen Windjacke mit Wappen, schließlich fuhren wir nach Sylt. Er sah fantastisch aus. Seine hellblauen Augen strahlten zwischen den zahllosen feinen Linien seines hageren, sonnengebräunten Gesichts, er lachte, er war der schönste Mann der Welt. Er packte seine winzige, beutelnde Reisetasche zu den zwei Hartschalenkoffern, den drei Kleidersäcken und dem von zartrosa Kunstleder überzogenen Beautycase in den Fond. „Ich habe alles mitgenommen, was ich habe!“, sagte ich beschämt. „Sehr gut!“, antwortete er und grinste. In diesem Moment hatte ich ihn unglaublich lieb.

Pardon, an dieser Stelle muss ich den Urlaubsbericht unterbrechen. Ich kann mich nicht konzentrieren. Ich hatte mir vorgenommen, nach diesem Urlaub mindestens eine Woche lang nicht für ihn erreichbar zu sein. Aber das kann ich nicht, weil er überhaupt nicht versucht, mich zu erreichen. Vorgestern nicht, gestern nicht, heute nicht. Ich hocke neben dem Telefon. Ich fühle mich elend. Bin ich am Ende doch keinen Schritt weiter? War das, was ich für den Beginn einer emotionalen Loslösung hielt, nicht mehr als ein leicht flüchtiger Überdruss? Und die Zwiebeln? Kein Befreiungsschlag, sondern nur ein kleiner trotziger Furz im Wind? Ich beschwöre die unschönen Erinnerungen herauf, seine Launen, seine Einsilbigkeit, sein grenzenloses Selbstmitleid angesichts eines Schnupfens, herrje, und dieser weidwunde Blick! Armselig fand ich das, unmännlich und unerotisch, seine Unfähigkeit sich zu freuen, seine Verachtung für alles und jeden, sein kindliches Schmollen. Aber es nützt nichts. Jetzt sehne mich schon wieder nach ihm, jetzt möchte ich bei ihm sein, warum ruft er nicht an?

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenJoe schreibt am 22.05.2008 um 20:32 Uhr:Mir ist es noch immer unverständlich - und wird es wahrscheinlich auch bleiben - wie man mit jemandem Sex haben kann, den man nicht liebt.
    Das ist doch nicht nur ein Sport, sondern der Ausdruck von Zuneigung und Vertrauen....
  2. zitierenmookee schreibt am 13.08.2008 um 16:13 Uhr:Tja, es gibt aber genug Menschen die das leider können und es regelmäßig praktizieren...
  3. zitierenJuslii schreibt am 14.10.2008 um 10:53 Uhr:Sex und Liebe kann man trennen und beides für sich ist wunderschön ! Aber zusammen ...unbeschreiblich.
    Jeder muss das für sich selber entscheiden ob er für Sex auch die große Liebe haben will oder eben nicht aber niemand sollte deswegen verurteilt werden !
  4. zitierenVPunkt schreibt am 22.10.2008 um 11:58 Uhr:Hallo...........?! Hat von euch schonmal wer mitbekommen, dass es hier nicht um Sex oder Liebe geht sondern ums Nichtzurückgeliebt werden....?! Mhhhhhhhh

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