Anleitung zum Entlieben

20.08.2005 um 00:27 Uhr

Anatomie einer Anmache

von: Lapared

Wie haben „wir“ eigentlich vorgestern gegen die Holländer gespielt? Ich frage nur, weil...

Oder fangen wir besser so an. Ich bin überzeugt: Wie die Männer einer Nation ihre Fußballspiele gewinnen, so versuchen sie es auch bei Frauen.

Und meine Spielanalyse der Holländer ist – rein als Frau, ohne dass ich die Holländer habe spielen sehen – dass man sie nicht in den Strafraum lassen darf, sonst... Das übrigens ist die Kunst bei Allegorien: zu wissen, wann man sie verlassen muss. Daher vollende ich den Satz jetzt nicht „…sonst bums, hat man einen drin“, nein, ich widerstehe dem Sog des Stammtischniveaus und vollende den Satz... gar nicht.

Halten wir uns einfach an die Fakten.

Gut, ich war der Auslöser. Oder wie Dr. „Sex“ Kinsey (habe ich mich eigentlich gähn schon zu dem Buch/Film geäußert?) es vermutlich abstrakter fassen würde: Empirische Beobachtungen legen die Vermutung nahe, dass der Mann zu Unrecht als der Initiator sexueller Aktivitäten in der menschlichen Spezies gilt. Vielmehr ist es meistens die Frau, die die ersten Signale aussendet, in der Regel in Form ritualisierten Verhaltens wie z.B. bestimmten Blickfolgen (langes Hinsehen, reaktantes Wegsehen, kurzes Hinsehen), schräge Kopfstellung, gestreckte Körperhaltung, Lächeln etc.
Und tatsächlich, in meinem Falle war es Letzteres, ein Lächeln. Aber gegen die Sonne und wirklich nur ganz winzig.

Dann erst mal Nichts. Mindestens anderthalb Stunden lang. Auf meinem Radar war Blondie schon längst wieder verschwunden. Doch dann, ich schwimme gerade, taucht er urplötzlich vor mir auf wie Flipper, lacht auch so, spricht dann allerdings wie Rudi Carrell.

Er: Du bist schön, kommst Du von hier? (Geschmeichelt bin ich geneigt den subtilen Rassismus zu überhören.)
Ich (nickend): Du bist auch schön (ich gebe Komplimente zwanghaft zurück, selbst dann, wenn jemand sagt, Du hast 1 a Brüste)... und von wo kommst Du?
Er (sein Deutsch verschlechtert sich jenseits der Floskeln dramatisch): Amsterdam, ich bin hier nur zum Besuchen.
Ich: Wen besuchst Du? (Und wo ist sie jetzt, noch bekifft?)
Er: Ich besuche vor allem die Kunsthalle.

Oh. Ein bezaubernder kleiner Film setzt sich in meinem Gehirn in Gang. Dazu muss man wissen: 119 verachtet alles und jeden, die Welt ist voller Dummheit und Idioten, das Einzige, was ihn interessiert, ist Kunst, und die Einzigen, die er bereit ist zu bewundern, anzubeten sogar, sind Künstler. Was für ein Coup im postbeziehungsmäßigen „Wer wird ohne den anderen glücklich-Rennen“, wenn ich ausgerechnet mit einem Künstler vor seiner Nase auf- und abstolzieren könnte!!! Ich sah es schon vor mir, die Vernissage, er, ich, erst denkt er, ich bin alleine dort, „Die Bilder sind der Hammer, was?“ sagt er, und etwas leiser „hast Du den Künstler schon gesehen?“ und ich noch etwas leiser zurück „Ich habe sogar schon mit ihm geschlafen“. Hach, ein großartiger Film.

Wir schwimmen also eine Weile, van Gogh und ich. Und plaudern über die hiesige Kunstszene. Und es macht mir nicht das Geringste, dass er augenscheinlich nur die Hälfte meiner Worte versteht, weil ich von der hiesigen Kunstszene keine Ahnung habe. Er allerdings noch weniger, wie mir Bahn um Bahn ein wenig mehr schwant. Schließlich hake ich nach.

Ich: Was machst Du für Kunst?
Er: Oh, ich mache nicht selber Kunst. (ENDE, die Filmvorstellung stoppt abrupt, bitte, bitte, sei wenigstens ein betuchter Sammler!)
Ich: Und in welchem Hotel wohnst Du?
Er: Nicht im Hotel. Ich wohne im Zelt. Auf dem Campingplatz.

Ein Holländer vom Campingplatz, das ist so scheiße, das hat schon wieder Klasse. Ich lächle. Und habe das Gefühl, jetzt habe ich erst mal genug geschwommen. Ich entschuldige mich und ruhe ein wenig auf meinem Handtuch. Plötzlich fällt es mir ein: Sie haben ja ein schweres Gewitter voraus gesagt. Womit auch das Geheimnis meiner Schönheit geklärt wäre.

Aber es geht noch weiter. Plötzlich steht er wieder vor mir, abflugbereit, ein Zettelchen in der Hand.

Er: Das ist meine Telefonnummer. Was ist Deine?
Reflexartig schreibe ich sie ihm auf, wie gesagt, ich gebe zwanghaft alles zurück, was ich bekomme.
Er: Gehen wir heute Abend was trinken?
Reflexartig bedaure ich, dass ich leider dieses Wochenende nicht in Hamburg bin.
Er: Du bist so schön. (Trotzdem? Ich bin gerührt.)
Er: Du bist ein Wunder. (Und Du? Bist Du Gottes Friedenspfeife für verlassene Enddreißigerinnen?)
Er: Komm! Lass uns auf die Toilette gehen.

Was ich an den Holländern bewundere ist, dass sie – egal wie gebrochen ihr Deutsch ist – nie die Artikel weglassen, die Toilette, und meistens benutzen sie sogar die richtigen. Trotzdem sah ich mich gemüßigt abzulehnen.
Als er weg ist, schaue ich auf den Zettel... er heißt übrigens Dick.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenEllaken schreibt am 20.08.2005 um 11:31 Uhr:Das ist wirklich so scheiße, das es schon wieder klasse ist. Jedenfalls zum Lesen.

    Ach... und ist Curd wenigstens ein bisschen braun geworden?

    Gruß

    Brela
  2. zitierenRamon schreibt am 20.08.2005 um 20:40 Uhr:Nun gut, Lapa, ich gönn dir ja das schöne erlebnis in oranje. Wisse nur: \"wir\" deutsche stehen hinten meistens gut, sind zwar manchmal ein bisschen weit vom mann weg und spielen nicht so ein pressing wie die holländer, aber wenn wir kämpfen, können wir auch mal einen versenken. und weil wir so gut mit dem kopf sind, sind wir auch immer besonders gefährlich bei standardsituation. so, ich hoffe, die allegorie is klar. außerdem haben die holländer, wie man gesehen hat, auch probleme damit, sich im strafraum einfach mal fallen zu lassen. und das gehört schließlich auch zum spiel dazu. aber das ist ja jetzt latte. hoffe, das wird was mit euch. ich bleibe dran an deinen zeilen. grandioser blog!!!!!! weiter so!!!!!!!!
  3. zitierenAlgiedi schreibt am 22.08.2005 um 17:31 Uhr:Dr. Sex, habe ich gerade fertig gelesen. Habe ewig lange gebraucht, und war eigentlich zeimlich entäuscht. Nur das Ende hat mich versöhnt, die Liebe ist doch mehr als Sex.

Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.