Anleitung zum Entlieben

14.06.2005 um 22:31 Uhr

Ankunft

von: Lapared

Ich wette, heute meldet er sich. Nach Sex and the City. Er ist einer der wenigen Männer, der diese Serie gerne sieht oder zumindest zugibt, sie gerne zu sehen. Wir reden oft darüber, denn in vielerlei Hinsicht verhält er sich wie der frühe Mr. Big, allerdings aus anderen Beweggründen als dieser (wie gesagt, er liebt mich einfach nicht und daran wird sich auch in unserer letzten Staffel nichts ändern). Leider verhalte ich mich nicht wie Carrie, die immerhin so viel Selbstachtung hat, sich richtig ernst gemeint zu trennen, drei Mal sogar und für mindestens fünf Folgen, zuletzt sogar für eine ganze Staffel. Dagegen liest sich meine Bilanz äußerst erbärmlich. Beim ersten Mal hat er sich getrennt. Beim zweiten Mal hat er mir geraten, mich zu trennen („Wenn Du nicht damit klar kommst, dass ich Dich nicht liebe, solltest Du Schluss machen.“ Ich hab mich dann entschlossen, damit klar zu kommen.). Beim dritten Mal habe ich mich getrennt. Für 26 Stunden, 12 Minuten, sechs Sekunden. Kurzum, 119 ist nicht Big, ich bin nicht Carrie und deshalb gibt es in unserem Fall auch kein Happy End. Es gibt kein Happy End. Es gibt kein Happy End. Es gibt kein Happy End. So, darauf ein Tomatenbrot mit Zwiebeln... nein, besser, mit Aioli!

Aber eigentlich wollte ich doch von Sylt erzählen. Sylt. Ich hatte schon meine Bedenken, ich wusste, es würde nicht gut gehen, kurz vor der Abreise schrieb ich 119 in einem Anflug von Hellsicht eine Mail:
„Hase, die Wetterprognosen sind schlecht und überhaupt, ich glaube, zusammen Verreisen ist keine gute Idee. Das ist so ein Verliebten-Ding und das sind wir nicht. Und fünf Tage Ficken, das sind wir auch nicht. Bei uns, zumindest bei Dir, entsteht das Begehren durch körperliche Reize und wie bitte soll das funktionieren, wenn ich nicht mal den ganzen Tag im Bikini vor Dir rum hüppen kann, gell?
Außerdem: Diese Art Begehren braucht nicht Nähe sondern Abstand, Deprivation quasi, ich spür das ja auch sonst: Nach einer Woche bist Du definitiv schärfer auf mich als nach zwei, drei Tagen - und das heißt, wenn Du meine Möpse sieben Tage nonstopp in Griffnähe hättest, oh je... Spätestens nach drei Tagen müsste ich sie wahrscheinlich mit Mortadella belegen, und Gürkchen, damit Du noch Lust darauf hast. Hihi. Und Du würdest Dich fragen, was mach ich eigentlich hier, ich will nach Hause, an meinen Rechner, für mich sein, wieso verbringe ich meine Zeit hier, mit dieser Frau, könnte doch jetzt so viele andere, sinnvollere Dinge tun (doch, doch, ich kenn Dich, Hase, erinnerst Du Dich an den Tag, als wir mal zusammen im Freibad waren? Nach einer Nacht, in der ich, das gab´s damals noch, bei Dir war? Einen Abend, eine Nacht und einen Tag bis ca. 18.00 Uhr, das war die längste Zeit, die wir bisher zusammen verbracht haben. Und auch nur, weil die Sonne schien - was, wie gesagt, auf Sylt kommende Woche nicht der Fall sein wird - und danach, als zwei Wolken aufzogen, wolltest Du dringend, dringend allein sein.)
Für mich wäre das alles zwar nicht so, Du bist der einzige Mensch, mit dem ich meine Zeit nicht als verschwendet erlebe, wetterunabhängig und selbst wenn wir Sandkörnchen zählen würden, aber wenn ich spüre, wie ich Dich nach und nach mehr langweile, hab ich auch keinen Spaß. Wahrscheinlich würde ich versuchen, engagiert dagegen anzuvögeln, was sonst... Und Dir erst recht auf den Sack gehen. Nee, nee, das sollten wir besser lassen. Wenn wir wollen, können wir BEI SONNE ja mal irgendwo hinfahren und spontan bleiben, so lange sie scheint und wir uns wollen!?
Weißte, Hase, Sonne ist wichtig in unserer "Beziehung", denn nur bei Sonne hast DU das beruhigende Gefühl, im richtigen Moment genau am richtigen Ort zu sein, genau da, wo man bei Sonne sein muss, draußen am Meer, mit einer Frau mit hübschen Brüsten. Dieses Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein, wirst Du bei Regen in einer Frühstückspension ohne Internetanschluss definitiv nicht haben. Nicht mit mir, das funktioniert wohl nur, wenn man verliebt ist (und selbst dann sollte das Zimmer mindestens einen Fernseher - am besten mit Video - haben), nee, es - schlimmer - ich! würde Dich anöden und das ist gegen die Vereinbarung, stimmt´s, wir wollen doch Spaß haben...“


Fantastisch was? Was für ein Rumgeeiere! Dieses Erklären und Analysieren, entsetzlich (zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen: So etwas tue ich nur schriftlich, reden würde ich nie so, so metabeziehungsmäßig, das mag er nicht). "Hase, das kann nicht gut gehen, wir fahren nicht!" – das hätte ich schreiben sollen. Kein Wunder, dass er gar nicht darauf geantwortet hat. Und ich habe nichts mehr gesagt und weiter gepackt. Und so rollten wir zwei Tage später – nach einer dreieinhalbstündigen Fahrt, auf der ich vor Aufregung vier mal pinkeln musste – auf Sylt vom Autozug. (Gerade ist übrigens „Sex and the City“ zu Ende.) Wir hatten per Internet gebucht und ich betete, dass unsere Unterkunft ihm gefallen würde, denn die Atmosphäre von Räumen beeinflusst 119s Stimmung ungewöhnlich stark. In hellen, sonnigen Räumen ist er strahlend und aufgeräumt, in kleinen, dunklen Räumen fühlt er sich gefangen und erdrückt. Ich kenne niemanden, der so extrem auf Räumlichkeiten reagiert wie er, so ist er nun mal. (Das Telefon klingelt übrigens nicht.) Unser Zimmer war wunderbar: groß, hell mit einer breiten Fensterfront und mit Blick aufs Wattenmeer. (Wenn er anruft, dann übrigens bis zehn, spätestens viertel nach, also noch gut eine halbe Stunde.) Wir waren ganz euphorisch. Wir ließen unsere Taschen - sein Täschchen und meine Koffer - stehen und liefen ans Meer, ans richtige, auf der anderen Seite der Insel. Da wir uns am schmalsten Punkt von Sylt befanden, war das nur ein paar Minuten von unserer Pension entfernt. Als wir oben auf der Düne standen und auf die tosende Nordsee sahen brach für einen Moment die Sonne durch die Wolken. Ich war so gerührt, dass ich am liebsten seine Hand genommen hätte. Aber seine Hände steckten tief in seinen Taschen. Er fröstelte. „Los, bewegen wir uns!“, sagte er und setzte seinen schmalen, drahtigen Körper in Marsch. Er stapfte wie aufgezogen gegen den Wind. Nach etwa einer halben Stunde sah er sich zum ersten Mal nach mir um: „Kaffee?“ Ich nickte. Kaffee. TELEFON.......................................... Ich bin nicht dran gegangen. Leider fühlt es sich nicht so gut an, wie ich dachte. Ich glaub´, ich brauch jetzt erst mal einen Schnaps.

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