Anleitung zum Entlieben

09.07.2007 um 12:35 Uhr

Apfelkuchen und Enkellosigkeits-Depression

von: Lapared

„Euer Vater war ja schon sehr traurig, als ich die Sachen zur AWO* gebracht hab.“ Meine Mutter zerteilt den Apfelkuchen, als hätte er gerade im Porsche in die Parklücke gesetzt, auf die sie seit 5 Minuten mit tickendem Blinker wartet. „Bis jetzt habe ich ja immer noch alles aufgehoben, Eure Kinderbetten, die Puppenstuben, all die schönen Kleidchen…“ Meine Schwester und ich werfen uns über die Kaffeetafel Blicke zu. „...Es gibt so viele arme Kinder, die sich darüber freuen, warum soll das hier alles rum liegen und mir die Schränke voll stopfen.“ Mein Mutter klatscht jeder von uns ein Stück Kuchen auf den Teller.

Mutti hat ihre Enkellosigkeits-Depression. Die bekommt sie immer, wenn meine Schwester und ich zeitgleich zu Besuch sind, mit nichts als beruflichen Neuigkeiten (wenn überhaupt), während im Nachbargarten stets eine Delegation der insgesamt 9 Kindeskinder lautstark im Pool rumplanscht.

Als nächstes wird eine von uns – entweder meine Schwester oder ich - einwenden, dass sie selbst über die Kinderlosigkeit auch nicht gerade glücklich ist. Wenn ich es tue, hagelt es Vorwürfe, dass ich weitere kostbare Zeit mit diesem „Jüngelchen“ verschwende und es wird in der Regel sehr persönlich. Deshalb übernimmt meine Schwester diesmal den Part, denn in ihrem Falle liegt es eindeutig an ihrem zeugungsunwilligen Partner, der dieses Wochenende das Glück hat, nicht anwesend zu sein, und deshalb eine wunderbare Zielscheibe darstellt.

„Ich würde es mir ja auch anders wünschen...“ bemerkt meine Schwester mit routinierter Zerknirschtheit (was nicht heißt, dass sie darüber an anderer Stelle nicht sehr viele echte Tränen vergießt und vergossen hat). Die nächsten fünf Minuten lässt sich meine Mutter also über den konkreten Egoismus des Lebenspartner meiner Schwester aus (das wiederhole ich jetzt nicht), um dann zum großen Finale über den männlichen Chauvinismus allgemein zu blasen (Männer nehmen sich in dieser Gesellschaft immer noch alles! Sie vereinbaren ganz selbstverständlich Karriere UND Kinder, solange sie jung sind! Und später, wenn die Kinder erwachsen, die Frauen, die diese Kinder geboren und großgezogen haben, alt und sie selbst in den besten Jahren sind, nehmen sie sich eine jüngere Frau, mit der sie dann reisen und Tennis spielen - aber keine Kinder mehr wollen!) Wir nicken.

Nach dieser im Original etwa 15-minütigen wütenden Tirade fällt meine Mutter dann immer in erschöpftes Schweigen gefolgt von einer bodenlose Traurigkeit verbunden mit übermächtigem Appetit. Zum Glück wissen meine Schwester und ich, was wir zu einer alten Feministin wie ihr sagen müssen, um sie da schnell wieder rauszuholen. Und das übernehme ich diesmal: „Poah, der Kuchen ist lecker, superlecker! Das Rezept musst Du mir unbedingt aufschreiben!“ – „Ja?“ Schon strahlt meine Mutti wieder. Zumindest sie.

* Arbeiterwohlfahrt

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenkari schreibt am 10.07.2007 um 11:10 Uhr:Dazu fallen mir die Worte einer Freundin ein "Männer wollen NIE freiwillig Kinder, man muß sie zwingen" (d.h. einfach schwanger werden). Bei ihr hat das gut geklappt, das zweite Kind ist gerade unterwegs und er schiebt glücklich das erste im Kinderwagen durch den Zoo.
  2. zitierenKayleigh30 schreibt am 10.07.2007 um 17:05 Uhr:Das kenne ich nur zu gut. Wir sind 3 Mädels und ein Bruder hab ich auch noch. Da ich die Jüngste bin und meine Schwestern (43 und 41) definitiv nicht noch auf komische Ideen kommen bleibt es seit einiger Zeit an mir hängen, den Mütterlichen Monolog auswendig zu lernen.
    Ich glaub, unsere Mütter kennen sich, Sie sagt genau das Gleiche....

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