Anleitung zum Entlieben

14.11.2010 um 18:19 Uhr

Augen auf beim Mützchenkauf

von: Lapared

Ich mache mir Sorgen um den deutschen Einzelhandel. Seit Freitag bin ich der Meinung, dass man ihn mehr schätzen und unterstützen sollte - bzw. die Menschen, die dort arbeiten. Freitag habe ich nämlich ein Mützchen gekauft. In einem Geschäft, das auf meinem täglichen Weg zum bzw. vom Schwimmbad liegt. Auf der Rückfahrt (mit Rolli, meinem Fahrrad) war mir so kalt an der Murmel, dass ich plötzlich die Stimme meiner Mutter hörte („Setzt die Mütze nach dem Schwimmen auf,  sonst bekommst du eine Kopfgrippe und wirst doof!“). Ich also eine Vollbremsung gemacht und rein in den kleinen Laden mit den Mützchen im Fenster (Beanies, wie sie neuerdings heißen). Doof wollen wir ja nicht.

Und plötzlich fiel mir auf, dass es bestimmt das erste Mal seit drei Jahren war, dass ich ein echtes Geschäft betrat. Penny mal ausgenommen. Alles außer Lebensmitteln kaufe ich nämlich schon lange nur noch ganz modern im Internet. Und ich liebe es! Ich bin der festen Überzeugung, dass der eigentliche Segen des Internets darin besteht, dass ich nie mehr in eine Umkleidekabine muss. Wie habe ich das Anprobieren früher gehasst! Die Kälte, das Neonlicht, der müffelnde, eidottergelbe Teppichboden mit den silbern blitzenden Stecknadeln darin. Ganz anders heute: Wenn heutzutage der Hermes-Bote ein Paket bringt, trage ich den großen Spiegel in die schöne bullerofenwarme Küche und dann wird in Ruhe, ganz gemütlich alles anprobiert. Aber zurück zum Mützchenkauf…

Also, ich in dem Laden. Zielstrebig steuerte ich die graue Beanie-Mütze an, die mir aus dem Fenster so freundlich zugewunken hatte. Hi, Kleine, da bin ich, säuselte ich entzückt, und wollte sie mir auf die Murmel stülpen. Ich hol dich hier raus...

„Kann ich Ihnen helfen oder wollen Sie erstmal nur schauen?“ Erschrocken fuhr ich herum. Einen Moment konnte ich nur starren: ein Wesen aus einer längst vergangenen Zeit. Eine Verkäuferin!

„Äh, ich suche eine Mütze.“ Sehen Sie doch.

„Möchten Sie diese mal anprobieren?“ Sie deutete auf die kleine Graue in meiner Hand.

„Ja, äh… gern.“ Wenn Sie mich nicht immer stören würden, wären wir schon fertig.

Ich stülpte mir die Mütze auf den Kopf und versuchte herauszufinden, ob sie mir auf mir gefiel. Aber jetzt, da die Frau mich anstarrte, wusste ich es plötzlich nicht… Ich hatte keinen Zugang mehr zu meinem Schönheitsempfinden… Ich ich ich… Ich war durch die reale Einkaufssituation so gestresst, dass ich nicht wusste, was ich von der Beanie auf meiner Schüssel halten sollte.

„Gefällt sie Ihnen?“

„Wer? Ich weiß nicht! Vielleicht… vielleicht auch nicht… ich… ich…“ Gehen Sie weg!

(Als ich meiner Freundin Frau W. hinterher von diesem Moment erzählte, kommentierte sie übrigens: „Lchen, wenn dich Begegnungen mit realen Menschen so aus der Fassungen bringen, dass du nicht mehr entscheidungsfähig bist, solltest du dir nicht um den deutschen Einzelhandel, sondern um dich selber Sorgen machen.“ Aber es ging ja noch weiter…)

„Möchten Sie vielleicht noch andere Beanies anprobieren?“ sagte die Verkäuferin.

„Ja, bitte, wenn Sie noch welche holen könnten…“ Ich wollte einfach eine Weile mit der Mütze allein sein. Aber der Laden war so klein, dass eigentlich alles darin in Griffnähe war.

„Die Farbe ist egal?“

„Nein, ja… ich möchte schon eine schöne Farbe.“ Ich war ganz verwirrt.

„Und soll sie eher enganliegend oder etwas lockerer und länger sein?“ Sie lächelte mich bezaubernd an.

„Keine Ahnung, was finden Sie denn schön, welche würden Sie nehmen?“ Wenn ich schon mal so eine junge, stilsichere Verkäuferin hatte!

 „Ich? Ach, wissen Sie, ich selbst habe einen etwas zu flachen Hinterkopf, deshalb kommt mir die lang geschnittene Form entgegen, weil da das überlappende Mützenende die fehlende Kopfrundung kompensiert.“ Sie lachte charmant.

„Echt?“ Ich durchschaute sie sofort. Das war natürlich nichts anderes als eine einfühlsame Methode, mir zu sagen, dass sie mir wegen meines Flachkopfs zu einer Lang-Beanie mit auftragender Stoffüberlappung über dem fehlenden Hinterkopf riet. Sie selbst hatte nämlich einen wunderbaren Hinterkopf. Ganz rund.

„Sie haben einen tollen Hinterkopf“, sagte ich finster.

„Danke, ich…“

„Sie wollten mir nur sagen, dass ich einen zu flachen Hinterkopf habe!“

„Nein, ich…“

„Wissen Sie, ich weiß selbst, dass ich keinen schönen runden Hinterkopf habe! Ich vergesse es nur manchmal. Den eigenen Kopf sieht man ja immer nur von vorne.“ (Im Gegensatz zum Hintern und allen anderen Körperteilen, die man sich seit Erfindung des Spiegels auch von anderen Seiten besehen kann!) Ich zog die graue Mütze vom Kopf und warf sie zurück in die Auslage. Tschüss, kleine Beanie.

„Doch, nein, wieso…“

„Das ist okay, Sie machen nur Ihren Job, und den machen Sie sehr gut, sehr einfühlsam. Ich sollte wirklich die weitere Beanie-Form tragen, so wie die Schlümpfe, welche Farbe raten Sie mir?“

„Blau vielleicht, oder petrol.“

„Dann her damit.“

So kamen wir also ins Geschäft. Ich verließ mit einer pertrolfarbenen Cleptomanicx Ameisen-Beanie den kleinen Laden. Zuhause in der Küche betrachtete ich meinen Kauf. Ich war sehr zufrieden. Ohne die Verkäuferin hätte ich bestimmt nicht an meinen fehlenden Hinterkopf gedacht, wer denkt schon an das, was man nie sieht, und petrol war wirklich ein bisschen frischer! Gut, dass ich nicht die Graue genommen hatte zu meiner blassen Nase (oder wie die Verkäuferin gesagt hatte: zu meinem „tollen hellen Teint“). Es geht doch nichts über fachmännische Beratung beim Mützenkauf. Rettet den Einzelhandel! (Zumindest den Einzelmützchenhandel...)

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKarl schreibt am 14.11.2010 um 18:44 Uhr:brilliant geschrieben!
  2. zitierenCurd Jumior schreibt am 14.11.2010 um 19:16 Uhr:Lchen,

    du solltest Papili zum Mützchemkauf mitnehmem, der kemmt sich in Sachem Mützchem wirklich gut ausQ!
    Oder soll Ina dir eim Pudelmützchem strickem? Macht sie bestimmt... :-)))
    Umd umterstützt dem Wollfachgeschäft-Eimzelhamdel... ;-)

    Schmatzerchem vom Jumior... :-*

    umd NIE, NIE, NIE ohme Mützchem!!!!
  3. zitierenJuna schreibt am 14.11.2010 um 19:22 Uhr:Oh, ich habe auch einen flachen Hinterkopf und ich versuche seit Jahr und Tag eine Frisur zu finden, die ihn kaschiert. Die 80er Jahre waren hilfreich, da wurde auf Teufel raus toupiert, aber heutzutage würde ich wie eine Senioren-Kim-Wilde ausshen. Deshalb habe ich einen Rundbürsten-Föhn erworben und jeden zweiten Tag sterben mir die Arme ab bei dem Versuch, mir einen Hinterkopf zu ondulieren, der seines Namens würdig ist. Für eine halbe Stunde hält das Arrangement, aber dann sehe ich wieder aus, als hätte mir damals in den Ardennen eine Handgranate das halbe Hirn weggepustet. Es ist ein Kreuz.
  4. zitierenmartin schreibt am 14.11.2010 um 20:53 Uhr:Seltsam. Das hat meine Mutter auch immer gesagt. Nur das mit dem "doof werden" , hat sie nie erwähnt... vielleicht hatte sie allerdings in dieser hinsicht auch schon alle Hoffnung aufgegeben.. tzz, Mütter !!!
  5. zitierenlenchen schreibt am 14.11.2010 um 21:53 Uhr:lchen, also, gewarnt hat deine mutter indertat vor kopfgrippe, aber nicht vor doofheit!! da du schon ein gescheites
    kind warst, war eine solche bemerkung völlig unangebracht!!übrigens müsste der einzelhandel dir jetzt dankbar sein.
  6. zitierenMartina schreibt am 15.11.2010 um 20:58 Uhr:Au ja, ich erinnere mich noch sehr gut an die Heimwege vom Training (damals war ich noch jung und habe Sport gemacht, obwohl ich es nicht musste, jetzt bin ich alt und mache keinen Sport, obwohl ich sollte... Schon komisch... aber zurück zum Thema), die ich mit frisch gewaschenen und natürlich nicht gefönten langen Haaren im Winter (immer!) ohne Mütze angetreten habe und regelmäßig a) mit gefrorenen Haaren daheim ankam und mir genauso regelmäßig b) Standpauken von meiner Mutter anhören musste.

    Jetzt bin ich 42 und finde Mützen immer noch doof! Die Frisur wird total ruiniert und rein äußerlich verliere ich durch so ein Teil mindestens 10 IQ-Punkte!
  7. zitierenmia schreibt am 15.11.2010 um 22:29 Uhr:Aber sonst verlierst du sie innerlich, oder hast du Lpunkts Mutter nicht gelauscht? hihi
  8. zitierengrinsebacke schreibt am 16.11.2010 um 00:10 Uhr:Mützchenkauf ist ne schwierige Angelegenheit! Selbst sehr ähnliche Mützen sehen nicht immer gleich gut an einem aus...
  9. zitierenMIKE69 schreibt am 16.11.2010 um 19:19 Uhr:Ich weiß gar nicht, was ich nun schlimmer finde: Mützen oder aufdringliche Verkäufer(innen). Ich gehe grundsätzlich nicht in Läden, wo ich schon am Eingang von Verkäufern empfangen werde, weil mir die Personen das Gefühl eines gemütlichen Einkaufes nehmen. Wenn ich allerdings in anderen Läden mal eine Frage habe und keinen Verkäufer finde, bin ich auch sehr schnell unzufrieden. Der Einzelhandel ist in einem Dilemma. Gut, dass Lpunkt mal darauf hingewiesen hat :-)
  10. zitierenJulie schreibt am 17.11.2010 um 08:22 Uhr:"kopfgrippe und doof werden" ist meine Lieblingsaussage in deinem ganzen Eintrag.....Ach Erinnerungen an früher....hihihi Vor allem an die Erinnerung meiner Mütze....So ein super warmes Skimützen-Teil.....Wo alles vom Hals bis zur Kopfspitze zu ist nur vorne eine Ei-förmiges Loch damit das Gesicht noch raus schaut.....habe in dem Winter keinen Schal bekommen weil das Ding ja bis zu den Schultern runter ging.....beidseitig tragbar....boah ich hab die gehasst....Vor allem weil alle anderen Mädels viel viel tollere Mützen hatten....
  11. zitierenNugget schreibt am 17.11.2010 um 19:39 Uhr:@JUNA: Haare wachsen lassen und hochstecken (vorher LEICHT mit grobzinkigem Kamm antoupieren), hinten einrollen, Enden unterklemmen, schöne Spange/Kralle rein, fertich (ist der Hinterkopf). Oder hintenobenrum etwas stärker antoupieren (immer noch mit grobzinkigem Kamm), auf halber Hinterkopfhöhe (in jedem Fall kurz UNTER der platten Stelle) rel. straff zum Pferdeschwanz binden und danach oben (also direkt an/über der platten Stelle) das toupierte "auf Volumen zupfen". Das sieht eher "sechziger" aus, täuscht einen gerundeten Hinterkopf vor UND sorgt nebenbei im Profil für ein optisches Gegengewicht zu einer evtl. größeren Nase.(MEINE Mutter sagte übrigens immer zu mir: "Kind, wenn man einen platten Hinterkopf hat, muss man toupieren." Das ist kein Witz, das hat sie wirklich gesagt, schon IMMER. Sie ist siebzig und toupiert immer noch. Mützen hat sie irgendwie nie erwähnt. Hm.)
    Tjaha.
    Aber die Achtziger waren auch toll! :)
    Grüße, Nugget
  12. zitierenJuna schreibt am 17.11.2010 um 22:41 Uhr:@Nugget:I'll do my very best!
  13. zitierensturzgefluegel schreibt am 18.11.2010 um 00:21 Uhr:Irgendwie lande ich immer wieder hier, wenn mir grad mal nicht nach fröhlich ist.
    Und immer wenn ich wieder gehe, dann mit einem Lächeln.
    Nicht nur Lpunkts Erlebnisse, auch die Kommentare haben hier irgendwie das gewisse Etwas ;-)
    Ich habe mir in meinem ganzen Leben noch nie Gedanken um die Form meines Hinterkopfes gemacht, bis zum heutigen Tag.
    Und ... er ist rund :-)
    Yeeha, ich muss nix toupieren und bin voll der "Ich-kann-jede-Mütze-tragen-Typ"
    Die Sache hat nur einen Haken:
    Ich hasse Mützen!!!
  14. zitierenaenne schreibt am 18.11.2010 um 22:06 Uhr:Seit einigen Jahren trage ich gern Mützchen.Ich habe nicht nur Gefallen daran gefunden, sondern sie stehen mir auch und halten das Köpfchen kuschlig warm.

    Liebe Grüße an alle Mützchenträger, die es noch werden wollen und die es weiterhin vermeiden. Aenne
  15. zitierenMuschelsucherin schreibt am 19.11.2010 um 09:40 Uhr:@ sturzgefluegel:

    Dein Eintrag könnte glatt meiner sein, ich hab mir auch
    zum ersten mal Gedanken über die Form meines Hinterkopfes
    gemacht, rund ist er auch *puuuh*, naja.... ob ich jede
    Mütze tragen könnte bezweifel ich allerdings ;o)
    Immerhin hab ich meine krasse Mützen-Ablehnung mittlerweile
    abgelegt - wenn es bitterkalt ist und ich sie in der Öffent-
    lichkeit nicht mehr absetzen muß!

    Schönes Wochenende und kuschelige erste Weihnachtsmarktbesuche
    (mit oder ohne Mützchen) an alle! :o)

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