Anleitung zum Entlieben

26.09.2005 um 09:00 Uhr

Barbara Schamholz oder wie ich versuchte, RIN zu werden

von: Lapared

wie versprochen aus "Mir passiert echt nur Scheiße" von der gerade verreisten Lapared.

Ich bin in der Zeit aufgewachsen, als Frauen ihre BHs wegwarfen und sich vornahmen, ihre Töchter zum Tragen von Verantwortung zu erziehen. Nicht anders als Jungen und quasi geschlechtsneutral. Sogar in Paderborn. Meine Schwester (8) und ich (7) spielten deshalb mit Fischer-Technik statt Barbie-Puppen. Wir hatten dieselben Haarschnitte wie unsere Cousins Frank (9) und Kläuschen (6). Und wir waren bereits in der zweiten bzw. vierten Legislaturperipode hintereinander Klassensprecherinnen, denn Verantwortung konnte man nicht früh genug übernehmen. Wenn wir nachhause kamen und waren nicht wieder gewählt, gab´s keinen Nachtisch.

Karneval stand vor der Tür. Das Jahr davor war ich als geschlechtsneutraler Fliegenpilz gegangen und das Jahr davor als Käfer. Dieses Mal schwebte mir etwas anderes vor. Ich beschäftige mich schon eine ganze Weile mit der Thematik, genau genommen seit meine Klassenkameradin Barbara Schamholz beim letzten Karneval als Indianerin gegangen war. IndianeRIN. Mit langen schwarzen Zöpfen und mit rotem Lippenstift.

Meine Eltern hatten nichts gegen Indianerin. Und so begab ich mich am Karnevalstag zunächst in die Hände meines Vaters, der Künstler hatte werden wollen, bevor der Krieg ihn für die Vorzüge regelmäßiger Nahrung sensibilisierte. Nun war er Beamter und in unserer Familie unter anderem zuständig war für das Anmalen von Ostereiern und das Schminken zu Karneval. Mein Vater trug seinen Blaumann und hatte viele Töpfe vor sich stehen. Ich hatte kein gutes Gefühl.

Aber ich beruhigte mich gleich wieder, als ich die wunderschöne schwarze LANGHAAR-Perücke sah, die meine Eltern besorgt hatten. Und sobald Papa fertig mit Schminken war überließ ich mich den geübten Händen meiner Mutter, die in unserer Familie unter anderem fürs Kochen der Ostereiern und fürs Nähen der Kostüme zu Karneval zuständig war. Und auch fürs Frisieren, Emanzipation hin, Emanzipation her. Dann endlich durfte ich vor den Spiegel treten.

Vor mir stand der Geist der Avantgarde. Eine Mischung aus Grunge, Yamamoto-Chic und Jedi-Ritter, nur erkannte ich das damals natürlich nicht. Was ich sah, war ein umgedrehter Kartoffelsack mit den Fliegenpilzpunkten vom letzten und den Käferpunkten vom vorletzten Jahr. Dazu die zu einem Filznest auftoupierte Langhaarperücke. Und ein knallrotes Gesicht mit blau-gelben Streifen, in dem die ersehnten roten Lippen irgendwie nicht mehr dieselbe Wirkung hatten wie damals bei Barbara Schamholz. Leider. Etwas überrascht war ich auch, als meine Mutter mir zum Finish einen Flachmann in die Hand drückte.

Aber natürlich erklärten mir meine Eltern die Hintergründe meiner Kostümierung dann sehr genau. Und so hörte ich gerade noch rechtzeitig wieder auf zu heulen, bevor Papas Kunstwerk ganz verlief. Und später, auf der Party, umgeben von Zigeuner-, Zauber- und gewöhnlichen IndianeRINNEN, gab ich dann nicht ohne Stolz weiter, was an mir das Besondere war. „Ich bin eine moderne Indianerin und werde ausgerottet!“ erklärte ich. „Die Amerikaner haben mein Land geklaut und geben mir Schnaps, damit ich meine Wurzeln verliere.“ Dann nahm ich einen Schluck aus meinem Flachmann (mit Zitronensprudel).

Das wurde eine ganz tolle Faschingsparty. Barbara Schamholz war in jenem Jahr übrigens ChineSIN und trug wieder Lippenstift. Einen Moment lang spielte ich mit der Absicht, im nächsten Jahr auch ChineSIN zu werden. Aber dann schwante mir, dass die Amerikaner zu den Chinesen möglicherweise auch scheiße waren, und beschloss, in Zukunft lieber wieder als geschlechtsloser Pilz zu gehen. Tä-täää.


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