Anleitung zum Entlieben

18.02.2006 um 02:12 Uhr

Bikini

von: Lapared

Es gibt beglückendere Begabungen als Kreativität. Und wenn ich mir unter allen Sonderausstattung, die dir der liebe Gott – sofern er hat zum Zeitpunkt deiner Zeugung die Spendierhosen trägt – so mitgeben kann, eine hätte aussuchen dürfen, hätte ich damals vielleicht ein andere gewählt: Selbstbewusstsein vielleicht… das Talent zur Zufriedenheit…Monstertitten (zu dem Zeitpunkt, als bei mir die Ausstattungsentscheidungen fielen, war die Nachrüstung durch Schönheitschirurgie noch keine Option). Aber, was ich sagen wollte, Kreativität ist – richtig eingesetzt – auch gar nicht so übel.

Zum Beispiel nach einem wirklich sündhaft teuren Bikinikauf. Der normale, vernunftbegabte Mensch würde sich danach schlecht fühlen. Der normale Mensch würde sich fragen, wozu ein keinesfalls sehr Schwimmhallen-affiner Mitteleuropäer ohne Freizeit und Urlaubsanspruch Ende Februar unbedingt einen neuen Bikini braucht. Der normale Mensch würde sich mit Anlauf dafür in den Arsch treten, sein weiß Gott schwer verdientes Geld innerhalb seiner fünfzehnminütigen Mittagspause in Rekordzeit auf den Kopp zu hauen. Und die Freiheit, die dieses Geld ihm eigentlich geben könnte, gegen zwei winzige Stofflappen zu tauschen, die einzig und allein zur Stärkung der französischen Luftwaffe erfunden wurden.

(Kleiner Exkurs: Im zweiten Weltkrieg beschloss die Französische Regierung den Textilverbrauch zu reduzieren. Zehn Prozent weniger Stoff sollten zivil vernäht werden, man brauchte Material für Fallschirme. Der Textilunternehmer Jacque Heim nahm die Einsparung am einteiligen Badeanzug vor, der Bikini war geboren. Soll keiner sagen, man könne hier nichts lernen... )

Zurück zu meinem neuen Bikini, jenem für jeden normalen Menschen im höchsten Maße obszönen Akt sinnloser Verschwendung. Schauen wir uns nun an, was ein kreatives Talent wie ich daraus macht. Werden Sie Zeuge, wie ich mich binnen weniger Minuten allein durch die Kraft der kreativen Selbsttäuschung und meine damit einhergehende geradezu akrobatische gedankliche Beweglichkeit aus der Scheiße laviere. Wie ich mich selbst in allen Punkten freispreche und gleichzeitig mindestens eine andere Person als Schuldigen überführe. Voila: Warum ich meinen neuen, schweineteuren ERES-Bikini kaufen musste.

1. Ich musste einen neuen, schweineteuren ERES-Bikini kaufen, um mich selbst daran zu erinnern, dass man nicht nur durch einen 60 Stunden Job seine Eitelkeit zelebrieren kann, sondern auch beim Sonnenbaden. Und dass nicht nur Erfolg schmeichelhaft ist, sondern auch ein gut geschnittener Zweiteiler, der im Übrigen erheblich weniger beengt. (Das war doch schon gut, oder?)

2. Ich musste einen neuen, schweineteuren ERES-Bikini kaufen, damit es einen Grund mehr gibt, nicht einen weiteren Sommer meines Lebens in der Agentur zu verbringen.

3. Ich musste einen neuen, schweineteuren ERES-Bikini kaufen, weil die Verkäuferin gesagt hat: „Sie haben doch noch so eine bezaubernde Figur!“ NOCH! Das scheinbare Kompliment war in Wirklichkeit der Gong zur letzten Runde. Was die dumme Kuh eigentlich sagte, war: Ihre Bikiniära geht zu Ende, Schätzchen, dieser hier für 200 Euro könnte ihr letzter sein, gönnen Sie sich ruhig noch mal was! Die Verkäuferin ist schuld.

4. Ich musste einen neuen, schweineteuren ERES-Bikini kaufen, weil die Verkäuferin Recht hat. Ab einem gewissen Alter sehen Frauen in Badeanzügen meistens besser aus. Die Einteilerjahre lauern auf mich.

5. Ich musste einen neuen, schweineteuren ERES-Bikini kaufen, weil Dick mich dazu zwingt. Weil er jedes Mal, wenn ich über die Arbeit schimpfe, so was sagt wie „aber dafür hast Du heute die Armaturen für unser Badezimmer verdient“ oder „das Meeting bei Babsi war unsere Türklingel“. Das führt bei mir nämlich dazu, dass ich das Gefühl habe, ich muss noch ganz schnell ganz viel kaufen, weil bald die Zeit kommt, in der ich mich rechtfertigen muss, wenn ich meine Scheinchen im Dessousshop statt im Baummarkt versenke. Ganz klar, Dick ist schuld.

6. Ich musste einen neuen, schweineteueren ERES-Bikini kaufen, um nicht zuzunehmen. Man braucht schließlich gute Gründe, um sich nach 14 Stunden Arbeit einen Familienbecher „Ben & Jerry´s New York Super Fudge Chunk“ zu verkneifen.

7. Und jetzt, das große Finale unter Tränen: Ich musste einen neuen, schweineteueren ERES-Bikini kaufen, um mich… ja, um mich als Frau zu fühlen. Und nicht als Ackergaul.

Na, wie war das? Und so hätte ich noch endlos weiter machen können.

Ist es nicht ein Segen, wenn man seinen Schwachsinn so schlüssig vertreten kann. Außer den Kreativen kenne ich eigentlich nur noch eine winzige andere Personengruppe, die mit dieser Begabung ausgestattet ist: Frauen. Wenn´s ums Shoppen geht auf jeden Fall.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenRetransmission schreibt am 18.02.2006 um 04:14 Uhr:Du bringst mich um den Schlaf, liebe L.! Ein tiefes Seufzen: Du hattest dann wenigstens Zweiteilerjahre wenn die mal vorbei sein sollten...

    Hm und bei Sonderausstattung steht bei mir dann ab sofort \"das Talent aus wenig Stoff viel Geld machen zu können besitzen\" auf dem Wunschzettel. Da ist ja nix dran an den Dingern, meine Güte! Aber hübscher als eine Türklingel sind sie allemal :-)

  2. zitierenglimmerbox schreibt am 18.02.2006 um 18:43 Uhr:200 € für einen Bikini???
  3. zitierenkunstseidenes schreibt am 18.02.2006 um 19:04 Uhr:Wow, das ist teuer. Was bekommt dann Curd für den Sommer? Wenn es dafür nicht mehr reicht, kannst du ihn ja mit dem Billigflieger nach Finnland zum Eislochschwimmen schicken, dafür braucht er keinen. Ich könnte ihn auch mit meinem alten Russland-Stofflamm Vladimir bekannt machen (wer zum Teufel ist Mimie? pah)...

    Naja, ich hoffe, dass deine Zeit im Bikini nicht so schnell abgelaufen ist, und wenn das doch einmal der Fall sein sollte, kannst du ihn ja umnähen in eni schickes Höschen für Burd.
  4. zitierenkunstseidenes schreibt am 18.02.2006 um 19:05 Uhr:Curd meinte ich natürlich...
  5. zitierenlucha schreibt am 19.02.2006 um 09:54 Uhr:Ich beneide dich um diese Spontanität! Freu dich auf den sommer und genieß die Zeit (... und die neidischen Blicke der anderen Frauen!)
  6. zitierenlucha schreibt am 19.02.2006 um 10:06 Uhr:Dazu noch eine home-story: Ich erzähl meinem Freund davon und er fragt: Wie nur 200 Euro für einen ERES-Bikini? Das muß eine Schlußverkauf-Schnäppchen gewesen sein. Na hoffentlich sieht man`s dem Teil nicht, dann wird sich L.chen nämlich aber ärgern!



    Ups, ich schnappe nach Luft: Vielleicht kann ich was erwarten!!!! Oder hat er sich was Geiles gekauft???

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