Anleitung zum Entlieben

21.09.2006 um 01:41 Uhr

Café Schwesterherz

von: Lapared

Heute habe ich gedacht, Lapared, dachte ich, verlasse die eingetrampelten Pfade, mach einfach mal was Neues, fahr mit dem Bus. Sonst fahre ich immer mit der Bahn. Aber heute Abend, ganz spontan, ging ich also zum Bus. Total crazy, ich weiß. Aber das Spannende an den neuen Wegen sind ja nicht immer deren Ziele, ein Bus ist ein Bus ist ein Bus, sondern die kleinen winkenden Abwege und Verweilmöglichkeiten am Wegesrand. Und so erlag ich heute dem Ruf des „Café Schwesterherz“, einem schmucken kleinen Gastronomiebetrieb nur für Frauen. Sehr verlockend für mich, nicht weil es dort keine Männer gibt, sondern riesen Schnitzel, und ich hatte ganz gemeinen Appetit. Riesen Schnitzel und wagenradgroße Apfelpfannkuchen sind dort Teil des sozialistisch-feministischen Konzepts, das das gegenwärtige weibliche Schlankheitsideal als Erguss einer männlichen Schwanzlängenkultur und Mediendiktatur interpretiert, die Frauen aushungern will, damit das schwache Geschlecht trotz zunehmender Möglichkeiten das schwächere Geschlecht bleibt. Damit Frauen, die eigentlich dreimal bessere Qualifikationen haben als ihre männliche Kollegen, sich wegen fünf Kilo Übergewicht nichts mehr wert fühlen, unsicher sind, und leise, unauffällig in schlankmachenden Längsstreifen im Hintergrund bleiben. Während die männlichen Nulpen mit fünfzehn Kilo Übergewicht aber getragen von einer Wolke grundlosen Selbstvertrauens leichtfüßig an ihnen vorbeiziehen und wohlig furzend in die Chefsessel plumpsen. Ja. Aber abgesehen davon, dass die Schnitzel ideologisch sind, sind sie wie gesagt auch riesengroß und sehr, sehr lecker. Ich also rein und her mit dem Fleisch.

Ich sah sie schon aus den Augenwinkeln. Eine Frau am Tresen, breit wie ein Sofa, männlicher als all meine Herrenbekanntschaften der letzten Dekade zusammen. Kaum hatte ich Platz genommen, drückte sie lässig ihre Kippe aus, schwappte vom Hocker und rollte elfengleich auf mich zu. „Wage es nicht...“, dachte ich noch, doch weibliche Intuition gehörte offensichtlich ebenso wenig zu ihrer Ausstattung wie ein BH oder Lippenstift, sie wagte es. „Hi!“ - „Hallo.“ Nur nicht hinsehen. „Du, ich…“ Du! Soweit ich mich erinnerte, hatte ich mit Schwesterherz nie Brüderschaft getrunken. „Du, ich wollte nur fragen... bist Du allein hier oder verabredet?“ So plump sind nicht mal echte Männer. Ich lächle, sind wir nicht alle nur auf der Suche nach Liebe und Zärtlichkeit? „Ich bin allein“ sage ich, „und würde es auch gerne bleiben. Und nein, sollte ich es mir jemals anders überlegen, sag ich Dir nicht bescheid, ich stehe auf Männer nicht auf Frauen.“ – „Geht mir genauso,“ lächelte sie, „ich frag auch nur, weil vier Plätze an dem Tisch nämlich reserviert sind, aber wenn bei Dir niemand mehr kommt, passt das ja noch.“ – „Ah.“ Lächeln, Laparedchen, lächeln... „Nein, es kommt niemand, ich bin allein.“

Plötzlich ist mir der Appetit vergangen. Wenn ich noch lange so weitermache, so rüpelhaft krawallig, bleibe ich es auch.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenerphschwester schreibt am 21.09.2006 um 06:49 Uhr:man darf sich manchmal fragen, wo die grenzen zwischen schlechtem benehmen und gesundem selbsterhaltungstrieb sind.
    ich persönlich bevorzuge es, zuweilen rüde zu sein, solange meine seele dabei keinen schaden nimmt. insofern stehe ich zu dem teufel, der auf meiner schulter sitzt.

    und übrigens sind deine gedanken letztlich ja noch immer sehr, sehr weiblich:du hast sofort ans schubfach mit dem schlechten gewissen gegriffen. was so ein richtiger mann ist, bei dem ist diese schublade längst verklemmt und geht gar nicht mehr auf.
  2. zitierenElRayo schreibt am 21.09.2006 um 17:36 Uhr:Och, würde ich nicht sagen, halb-unbekanntes Wesen.
    Sozialistische Krawallschwestern hatten auf mich schon immer eine gewisse Anziehungskraft.
    Warum also auch nicht auf andere ?
    Und, mal ehrlich, wäre Dir eine adipöse Lesbe lieber gewesen ?
  3. zitierenpocoos schreibt am 21.09.2006 um 20:28 Uhr:ich finde nichts krawallig rupelhaftes daran und die nette mollige wohl auch nicht.
    sollten wir uns nicht öfter nehmen, wozu wir lust haben ? den ton inbegriffen ?
    es gibt männer, die klare sprache bevorzugen und mimöschen links liegen lassen.
    (da ich lieber rechts liege, sag ich, was ich denke. und hoffe, so ein prachtstück
    hört es irgendwann mal - und dir wünsch ich das auch)
  4. zitierenpiamillefiori schreibt am 11.09.2008 um 16:58 Uhr:Was ist denn mit deinem Auto passiert?

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