Anleitung zum Entlieben

15.06.2005 um 22:59 Uhr

Das alte Spiel

von: Lapared

Wenn ich ihn nicht mehr sehen will, sollte ich ihm das vielleicht mitteilen. Aber in Wirklichkeit ist es ja nicht so. Ich wollte ihn bestrafen (übellaunig wie ein Diva, die seit fünf Tagen keinen Stuhlgang hatte, so hat er sich auf Sylt benommen, und das habe ich ihm heute auch gesagt), ein bisschen Angst machen wollte ich ihm – und tä-tä! - das ist mir sogar geglückt. Gestern Abend hat er es noch mal versucht. Und noch mal. Und dann heute morgen wieder. Um neun, um zwanzig nach, um zehn. Dann hat er eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, und seine Stimme hat dabei richtig gezittert. Bilde ich mir jedenfalls ein. Nein, bilde ich mich nicht nur ein, er hatte tatsächlich Panik.Tä-tä. Da kann ich jetzt aber mächig stolz sein, was? Als wenn das was ändern würde. Ich Rindvieh. Das funktioniert mittlerweile wie Tangotanzen zwischen uns. Das alte Spielchen. Ich zieh mich zurück, er legt sich ins Zeug. Ich rück wieder ran, zack, geht er Distanz. Und ich kann ihm keinen Vorwurf machen, zum Tango gehören zwei. Meine Schwester sagt immer: Alleine kommst du da nie raus, Du brauchst einen anderen Mann, und wenn er nur als „Trennungshelfer“ taugt. Ich guck ja!

Neulich habe ich sogar einen ganz Netten getroffen. Im Freibad. Im Freibad habe ich es ehrlich gesagt leicht, weil der liebe Gott es gut mit mir gemeint hat, und da, wo er es nicht ganz so gut gemeint hat, hab ich selber ein bisschen investiert, aber das ist ein anderes Thema. Also wie gesagt, ein ganz Netter war das, der Mann aus dem Freibad. Und heute schien doch so schön die Sonne, ich also ins Freibad, dachte, ich seh´ ihn vielleicht wieder, und tatsächlich, er ist da, winkt… und wer biegt plötzlich um die Ecke? Richtig. 119. Der Mann hat wirklich so was wie den siebten Sinn. So zärtlich hat er mich noch nie begrüßt. Und schwupp, schon liegt er auf meinem Handtuch. Und seine Hand auf meinen Bauch. Dabei vermeidet er sonst jede körperliche Berührung, sofern sie nicht der Einleitung des Geschlechtsakts dient. Aber um sein Revier zu markieren, hat er sich einfach mal überwunden. Toll. Und dabei hat er nicht mal gesehen, dass der nette Mann gewunken hat. Siebter Sinn, anders kann ich mir das nicht erklären. So wird das nie was mit ´nem Anderen.

Natürlich hat 119 auch gewusst, dass er es auf Sylt eindeutig überreizt hatte. Und dass er sich jetzt wieder ein bisschen anstrengen muss, damit ich ihm nicht von der Fahne geh. Aber wie gesagt, zum Tango gehören zwei. Er hat seine Hand auf meinem Bauch gelegt, und ich... habe sie dort liegen lassen.
Wir sind dann auch bald nach Hause und - eigentlich klar, aber der Vollständigkeit halber sei es erwähnt - natürlich hat die Hand letztlich doch der Einleitung des Geschlechtsakts gedient.

Man darf also getrost festhalten: Ich bin wieder genau da, wo ich schon war. Nein nicht ganz. Früher hätte ich gedacht, siehste, er will dich doch. Heute weiß ich, er will nicht mich, er will lediglich, dass kein anderer mich kriegt. Aber das reicht nicht. Das ist nicht genug. Und Liebe ist das schon gar nicht. Und vor allem: Ich bin bekloppt, wenn ich mich damit zufrieden gebe. Leider ist Einsicht nicht immer der erste Schritt zur Besserung. Ich weiß alles, aber ich fühle mich wie gelähmt. Und ehrlich gesagt, mit Liebe hat das bei mir wahrscheinlich auch nicht nur zu tun.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenJoe schreibt am 22.05.2008 um 20:39 Uhr:Ich bin erst am Anfang Deines Blogs, aber so, wie Du das beschreibst, ist 119 ein ganz schönes Arschloch, das Frauen nur benutzt, um sich Befriedigung welcher Art auch immer zu verschaffen.
  2. zitierenAndrea schreibt am 23.06.2008 um 16:38 Uhr:Nachdem ich dein buch gelesen habe, und darin soviel von meiner eigenen Geschichte finde, habe ich beschlossen, deinen blog auch zu lesen. Und schon am Anfang merke ich, das sind meine Gedanken!! Es tröstet zu sehen, dass andere Menschen das selbe erleben. Auch ich haben einen "119" in meinem Leben, auch ich leide, und warte und hoffe und beschließe in schöner Regelmäßigkeit mich zu entlieben. Bis jetzt hat es noch nicht geklappt!!
  3. zitierenCathi schreibt am 23.07.2008 um 16:24 Uhr:Durch Zufall bin ich auf deinen Blog gestoßen und erkenne mich jetzt schon, nach den wenigen gelesenen Einträgen 100- fach wieder. Ich versuche mich dauernd von "meinem 119" zu trennen und ich weis, das ich es schaffen muss, sonst hat mein Leiden kein Ende...
  4. zitierenmookee schreibt am 13.08.2008 um 16:31 Uhr:Zitat:"Und ehrlich gesagt, mit Liebe hat das bei mir wahrscheinlich auch nicht nur zu tun." Also glaubst du eher, dass es Abhängigkeit ist oder was?
  5. zitierenJulsii schreibt am 14.10.2008 um 11:06 Uhr:Super 10 punkte!

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