Anleitung zum Entlieben

06.06.2010 um 15:22 Uhr

Dauerkater

von: Lapared

Das Alter, heißt es, erkennt man auch daran, wie schnell man nach einer Party wieder auf die Füße kommt. Hallo, mein Name ist Lpunkt, meine Hobbies sind trinken, nichts vertragen und trotzdem trinken (aber nur ein bisschen – von allem), und ich werde in drei Monaten 112.

Ich bin sooo krank. Immer noch. Dabei war die Feierlichkeit schon am Freitag. Das große S&J-lebt-Fest, bei dem alle ehemaligen Mitarbeiter der ehemals besten Werbeagentur des Landes sich noch ein letztes Mal trafen, um gemeinsam auf deren Ende anzustoßen. Insolvenz, Pleite, Aus.

Ein riesiges Klassenfest. Sämtliche Mitarbeiter aus 30 Jahren Springer & Jacoby waren eingeladen. Nicht alle kannte man, aber viele. Ein ständiges Hallooooooooo, Arme auseinanderreißen, unauffällig aufs Namensschildchen schielen, Namen glücklich glucksen, in die Arme fallen. Und dann: gaaaaanz feste drücken. Tödlich für einen Frisch-Single mitten im kalten Entzug von Körpernähe. Mit steigendem Alkoholspiegel wurde ich flexibler bei der Begrüßung, und im vorderen Teil kürzer: Hallooo, dich kenne ich gar nicht, egal… Und gaaaaaanz superfeste drücken.

Ein großes Fest. Ich werde noch Jahre etwas davon haben. Kopfschmerzen, vor allem.

P.S. Noch ein kurzer Nachtrag zu den Liebesschlösschen. Jemand brachte ja die Frage nach deren „Erfindern“ auf,  dazu dies:

Eine Volkskundschaftlerin vom Landschaftsverband Rheinland erforscht das Phänomen seit einiger Zeit. Tatsächlich haben sich die Kölner die Schlösschen wohl nicht als Erste ausgedacht.

In Florenz bringen junge Militärakademie-Absolventen traditionell die Vorhängeschlösser ihrer ehemaligen Spinde an Brücken an und werfen den Schlüssel in den Fluss, um symbolisch zu sagen: Tschüss, Ihr Idioten. Mich seht Ihr nie wieder. Sehr interessant: Ein Brauch, der woanders Befreiung symbolisiert, wurde in Köln um 100 Grad gedreht und zum Symbol ewiger Bindung. Der Rheinländer ist eben ein Romantiker.

Aber nicht nur der Rheinländer. Auch in Rom, Kaliningrad, Sibirien und China soll es den Brauch mit Schlössern über Brücken geben (auch da sind es Liebesschlösschen und nicht LMAA-Schlösschen wie in Florenz). Und im lettischen Riga gibt es schon seit Jahrzehnten den Brauch, dass frisch Vermählte ein Schloss auf einer Brücke nahe des Freiheitsdenkmals anbringen. Die Paare werfen dann den Schlüssel ins Wasser, und der Bräutigam trägt die Braut anschließend über die Brücke. Bleibt abzuwarten, ob dieser Teil des Brauches auch die 400 Meter lange Hohenzollernbrücke in Köln erreicht.

Auch vor Städten, die keine geeigneten Brücken haben, macht der Brauch übrigens nicht halt. Am Aussichtsturm Tetraeder in Bottrop und im Gasometer Oberhausen hängen seit kurzem erste Schlösser, obwohl keine Fließgewässer in der Nähe sind, um die Schlüsselchen für immer davonzutragen. Was die Menschen im Ruhrgebiet mit dem Schlüssel machen – einschmelzen? In eine Grube werfen (mit einem leisen „Glück auf!“)? Im Schrebergarten verbudden? – muss noch erforscht werden. Dringend ;)

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenFrl. Neumeier schreibt am 06.06.2010 um 17:07 Uhr:"Jedwede Kreatur hat einen Urtrieb nach liebender Umarmung."
    ~ Hildegard von Bingen ~

    Kann ich TOTAL gut nachvollziehen. Ich selbst halte mich für einen Umarmungs-Menschen. Eine ehrliche Umarmung tut gut. Gerade in der jetzigen Situation, in der Du Dich befindest. Wenn ich eine Umarmung nötig habe, dann bitte ich auch darum. Wenn diese dann "von Herzen" kommt - geht es mir sofort besser.
    Ich wünsche Dir viele gute, feste und ehrliche Umarmungen.

    P.S. War schön Dich im TV zu sehen!
  2. zitierenNachtigall schreibt am 07.06.2010 um 17:25 Uhr:Liebe Lapared,

    an Deiner Stelle hätte ich mir auch die Kante gegeben, schon allein um zu feiern, dass Du schon vor einiger Zeit vom Werbeagentur-Zug abgesprungen bist und sich solche Pleiten nicht auch noch auf Deine eigene finanzielle Existenz auswirken.
    Ich hoffe, dass Du Dir auch in Zukunft eine Rückkehr in diese Branche ersparen kannst (habe beide Bücher gekauft, damit ich dazu beitragen kann - nein, das ist natürlich Blödsinn, es war nur die Sucht).
    Kopfschmerzen ohne Anlass fänd ich bedenklicher. Du hast sie Dir ehrlich verdient und wirst sie sicher auch bald wieder los, sofern Curd Dich gut pflegt (er kann schon mal für Dein wirkliches Greisenalter üben - in der Einrichtung für Betreutes Trinken).

    Liebe Grüße von der Nachtigall
  3. zitierenBritta schreibt am 09.06.2010 um 09:36 Uhr:Das werde ich mir in Bottrop doch direkt gleich mal ansehen!
  4. zitierenEnomis schreibt am 11.06.2010 um 01:05 Uhr:Hallo liebe Lpunkt!Weiß wie es ist,jetzt in deiner Gefühls-Welt! Deswegen Augen zu und durch!Am Ende ist immer das Licht!Und nach einem Kater ist vor einem Happy End!Alles wird gut.liebe grüße
  5. zitierenAndreaken schreibt am 11.06.2010 um 16:52 Uhr:Das mit dem immer länger dauernden Kater ist echt so ne sch...Alterserscheinung. Voll gemein, als bräuchten wir jetzt keine alkoholbedingten Erinnerungspausen/lücken mehr. Manchmal sind die einfach nötig! Für bzw. gegen den Kater hilft übrigens, vor allem dem Magen(würg) Nux Vomica D6 Viel Erfolg damit wünscht Andrea, die das Wetter genießende.
  6. zitierenClaudi schreibt am 01.11.2010 um 17:51 Uhr:Liebes Lchen,mein Ex-Mann (wir waren 20 Jahre zusammen) wohnt jetzt in Köln. Mit seiner neuen Frau, für die er mich verlassen hat. Sie hat so um die 160 kg, die Gute (zum Vergleich: ich hab so um die 52 kg). Im Juli werden sie heiraten. Stelle mir gerade vor, dass er sie, nachdem sie verliebt das Schlüsselchen in den Rhein geworfen haben, über die Brücke tragen wird...ein schöner Gedanke!!! :-D
    Trotzdem Kopf hoch, liebes Lchen, auch, wenn er grad weh tut.

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