Anleitung zum Entlieben

13.11.2011 um 18:50 Uhr

Der alte Lpunkt

von: Lapared

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da konnte ich jede Woche von mindestens einer Affäre berichten. Gefühlt. Da spülten die Turbulenzen meines Liebeslebens mir täglich neue aufwühlende Geschichten in mein kleines Blog. Und wo sind wir heute? Still ruht der See im Herz- und Erotiksektor. Beglückt bin ich, wenn die Heizung bullert. Das einzige, was wöchentlich für neue Aufregung sorgt, sind immer andere Zipperlein und Gebrechen. Anfällig wie ein 73er Jetta, der alte Lpunkt. Aber seit Montag bin ich mit meinem maroden Allgemein-Zustand versöhnt. Da nahm ein Arztbesuch nämlich eine romantische Wendung. Aber der Reihe nach, erstmal Stöhnen.

Letzten Montag musste ich wieder mal zum Zahnarzt, eine Ärztin in meinem Falle. Momentan arbeite ich nur für meine Kauleiste, ich wünschte, ich hätte rechtzeitig eine Zusatzversicherung abgeschlossen, aber das nur am Rande. Meine Ärztin kommt aus dem Iran, spricht ein rätselhaftes Kauderwelsch aus Deutsch, Englisch und Persisch und der Wortschwall, der dir entgegenbläst, sobald du einen Fuß in ihre Praxis setzt, ist wie der Wasserwerfer eines Polizeipanzers am 1. Mai.

Man würde rückwärts wieder rauspurzeln, hätte sie dich nicht längst gegriffen und an ihren Busen gedrückt. „Meine Lieblingspatient!", so werde ich (und jeder andere) jubelnd begrüßt. Mindestens dreimal pro Behandlung beteuert sie mir, dass ich wie eine Schwester für sie bin. Ich weiß nicht, wovor ich mich mehr fürchte, vor ihrem Bohrer oder dieser Überschwänglichkeit. Ein weniger vertrauensseliger Mensch als ich würde denken, sie wäre gnadenlos bekokst. Aber am Ende zählt ja nur die fachliche Qualität.

Auch die kann ich natürlich nicht wirklich beurteilen. Aber mit gefällt, dass ich, wenn ich einen Termin habe, immer die einzige in der Praxis bin. Es gibt keinen zweiten Stuhl, sie pendelt nie zwischen Patienten hin und her. Sie widmet sich ausschließlich mir und bastelt mit glänzenden Augen an meinem Gebiss wie ein pensionierter Eisenbahner an der Feuerwehrstation seiner Modellbaulandschaft. Manchmal über Stunden.

Stunden? So lange kann doch kein Mensch den Mund auflassen, denken Sie jetzt sicher. Doch, ich kann. Ich habe, wie einige vielleicht aus anderen Zusammenhängen erinnern, diese Sonderausstattung bei den Kiefergelenken. Stichwort Kiefersperre. Sobald ich den Mund etwas weiter öffne, springen - hepp - die Gelenkköpfchen aus der Knochenpfanne und ich kriege den Mund ohnehin nicht mehr zu.

„Ist perfekt“, sagt meine persische Zahnperle dann immer. „Lassen wir einfach offen und wenn fertig, sehen wir mal, was wir können machen. Reg dich nicht auf, mein kleine Elfe.“ Sie nennt mich Elfe, weil sie findet, dass ich so außerordentlich empfindlich bin im Gebiss.

Letzte Woche passierte allerdings noch ein zweites Malheur. Irgendwas war bei der Betäubung schief gegangen. Meine Zähne blieben sensibel wie die Schnurrbarthaare von Nachbarkater Waldi, dafür war mein Augenlid komplett gelähmt. In perfekter Harmonie mit meinem Kiefer ließ sich auch das Auge nicht mehr schließen. Tag der offenen Tür.

Selbst, wenn man das Lid runterdrückte und mit Nüsschen oder Ähnlichem beschwerte, ging es – klack - immer wieder auf. Mit aufgerissenem rechten Auge starrte ich dann in die grelle Zahnarzt-Lampe, als warte ich darauf, dass sich eine Luke öffnet und E.T. aussteigt. Weil ein Auge sehr schnell austrocknet, blieb uns nichts anderes als es zuzukleben, mit Tesafilm. Wimpern werden überschätzt.

Nach drei Stunden war Frau Doktor schließlich fertig und machte sich daran, den Kiefer wieder einrenken. Eigentlich Routine, nach all den Jahren kennt sie meinen Kiefer wie ihre Westentasche. Aber diesmal wollte es partout nicht klappen. So sehr sie auch zog und schob und ruckelte, selbst als sie meinen Kopf zwischen ihre Brüste presste, was auf eine Art ein unvergessliches Erlebnis war - der Mund blieb offen. (Das war übrigens noch nicht die romantischen Wendung). Und mit Tesafilm war in diesem Fall nichts zu machen.

Am Ende blieb mir nicht anderes übrig, als mit offenstehendem Mund, zugeklebtem Auge und sabbernd wie eine argentinische Dogge vorm Fleischerladen die Mönckebergstraße zu überqueren, Hamburgs beliebte Einkaufsstraße. Dort hat ein befreundeter Kollege meiner Ärztin seine Praxis, ein Kieferchirurg. Er hatte sich bereit erklärt, mich als Notfall dazwischenzuschieben. Sie werden nicht glauben, was dann geschah.

„Lchen?“

„Half?

„Lchen, bist du das?

„Hahichinnes!“

Ich musste doch warten. Und das oben war der romantische Dialog zwischen meinem ehemaligen Agenturkollegen Ralf und mir, der sich bei dem unerwarteten Wiedersehen im Wartzimmer entspannte (-sponn? -spinnte? Egal!).

„Du siehst toll aus!“

„hanke, huhauch!“

„Ich gehe heute Abend zu einer Halloweenparty, du solltest unbedingt mitkommen. Genau so.“

„Hecht? Herne!“

So schnell kann es gehen mit dem richtigen Styling. Schon hatte ich ein Date.

Es war ein schöner Abend. Sehr schön. Reden konnte ich natürlich nicht, ich war froh, dass der Mund wieder zu war. Dafür schätzt Half (wir sind dabei geblieben) mich jetzt als brillante Zuhörerin. Gestern waren wir dann essen, eben ist er gefahren und ich mutmaße, seine Wertschätzung ist zwischenzeitlich noch gestiegen. (Jajajajajaaaaaa!)

Was ist nur sagen wollte… (was wollte ich eigentlich sagen?) Manchmal endet die hundertste Zahnarztgeschichte ganz anders. Die Fahrt des alten Jettas ist noch nicht zuende. Es kann immer noch was passieren. Ja, ich glaube so etwas in der Art wollte ich sagen. Ich bin einfach ein bisschen durcheinander :)

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenCRISTINA schreibt am 13.11.2011 um 19:59 Uhr:DANKE! Du hast mir den Single-Sonntag gerettet und wieder ein bisschen Hoffnung gemacht!
    ...und jetzt noch ein paar Folgen HUNG und der Montag kann kommen! ;-)
  2. zitierenKatja schreibt am 13.11.2011 um 20:30 Uhr:Liebe Lpunkt, liebe Christina,
    auch D A N K E, es war ein schrecklicher Single-Sonntag und ich muss wohl auch dringend!!! zum Zahnarzt. ;-)
  3. zitierenAberjetzte schreibt am 13.11.2011 um 21:45 Uhr:Ich hatte auch so einen Single-Sonntag. Der Singleblues wurde nur unterbrochen von einem Ziegenhaar-Zwischenfall.
    Ich glaube auch, es zieht am linken unteren Backenzahen ;)
  4. zitierenHedera schreibt am 14.11.2011 um 08:21 Uhr:Was ihr immer alle mit dem Sonntag habt, der wird völlig überschätzt. ich liebe diesen beinahe gammeltag. und gerne alleine. warum auch nicht.
    aber die geschichte, die das leben mal wieder schrieb, liebes lchen, göttlich wie immer!!!!
    ich drücke mal die däumchen!!! da geht noch was! bestimmt...
  5. zitierenShellie schreibt am 15.11.2011 um 17:07 Uhr:Also liebes L-chen....
    ich habe hier schon so oft gelacht, aaaaber ich glaube
    noch nie so heftig wie jetzt eben :o) DANKE!
    Ansonsten wünsche ich dem alten Jetta eine gute Fahrt!
    Er läuft und läuft und läuft... es läuft und läuft...
  6. zitierenShellie schreibt am 15.11.2011 um 17:10 Uhr:Also liebes L-chen....
    ich habe hier schon so oft gelacht, aaaaber ich glaube
    noch nie so heftig wie jetzt eben :o) DANKE!
    Ansonsten wünsche ich dem alten Jetta eine gute Fahrt!
    Er läuft und läuft und läuft... es läuft und läuft...
  7. zitierenIrodeschi schreibt am 16.11.2011 um 18:44 Uhr:Endlich mal wieder was richtig lustiges, Lpunkt. Lustig und was los. Schön, dass sich deine gute Stimmung direkt in deinem Blog widerspiegelt. Ich freu mich, hau rein, wir haben ja alle gesammelt lang genug gewartet....
  8. zitierenJuna schreibt am 16.11.2011 um 19:52 Uhr:Hach, das hört sich aber gut an mit Half. Und er hat dich in einer ästhetisch schwer vermittelbaren Stunde getroffen und dich gleich auf eine Party geschleppt. Der Mann hat Format! Wahrscheinlich ist er seit Jahren heimlich in dich verliebt und war gottfroh dich wieder zu treffen. Das ist ein Zeichen, das walte Hugo! Ich drück dir alle Daumen. Das könnt ihr später dann euren Enkeln erzählen.
  9. zitierenMartina schreibt am 16.11.2011 um 22:30 Uhr:Liebes Lchen, vielen, vielen Dank mal wieder für deine "Bilder". In meinem Kopf spult sich förmlich ein Film ab, wenn ich deine Zeilen lese. *muss immer noch schmunzeln*

    Für alle, die den Singleblues schieben, kann ich nur das Buch "Männerfrei" empfehlen. (Ideale 500und Seiten für einen Sonntagnachmittag) Nichts Hochintellektuelles - aber wer will das schon? War nicht gerade letztens eine Umfrage, dass Frauen lieber gut aussehen, als intelligent zu sein, aber ich schweife ab - also nichts Intellektuelles,aber sehr kurzweilig und vor allem sieht man einige Dinge mal von einer anderen Perspektive... Ich fands sehr unterhaltsam und witzig geschrieben. und so lange Lchen keine weiteren Bücher am start hat, darf man sich doch mal über die trostlose Zeit hinweg helfen, oder?

    Ooommmmm.... Entspannte Single-Grüße von Martina (c:
  10. zitierenlandfrauinfernemland schreibt am 18.11.2011 um 10:22 Uhr:Verliebt?
  11. zitierenLENCHEN schreibt am 18.11.2011 um 22:46 Uhr:lCHEN; DU M U S S T WEITER SCHREIBEN: DEINE AUSDRUCKSWEISE; WENN DU VORGÄNGE SCHILDERST,IST SO TREFFEND UND UNTERHALTSAM; OFT AUCH ZUM NACHDENKEN ANREGEND!!
  12. zitierenFrau Neugierig schreibt am 20.11.2011 um 13:55 Uhr:Öhm, Moment mal ... "gestern" wart Ihr aus und "eben" ist er gegangen?! ... Was ist dazwischen passiert.? Wo sind die schmutzigen Details? Also neeeeeeeeeeeeeee ....!
  13. zitierenGwen schreibt am 22.11.2011 um 00:23 Uhr:danke! wirklich super! :)
  14. zitiereni-pünktchen schreibt am 12.12.2011 um 00:28 Uhr:Lchen, danke! Habe einen totalen Lachanfall bekommen, inklusive Heulen vor Lachen! Die Nachbarn halten mich nun für noch bekloppter! :)
  15. zitierenKirsten schreibt am 19.12.2011 um 22:34 Uhr:Ich lach mich kugelig. Zu geil!

    Mein Bruder ist mal mit "offenem Kiefer" von der Polizei "aufgegriffen" worden - er hat auf dem Fahrrad gegähnt und den Mund nicht wieder zubekommen. Dadurch ist er mit Blaulicht zum Arzt gefahren worden. Leider hat er da nicht die Liebe seines Lebens kennengelernt. Aber die Geschichte erzählt er immernoch gerne. Wer weiss, vielleicht erzählt ihr sie Euren Kindern? *lol*

    LG, mach weiter so,
    Kirsten

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