Anleitung zum Entlieben

25.12.2005 um 14:25 Uhr

Die Erde meiner Omma

von: Lapared

Hab ich´s gesagt, oder hab ich´s gesagt? Die Angorapätschchen (ist überhaupt jedem bekannt, was das ist? Flauschige Bettsöckchen aus reiner Angorawolle) waren der Hit. Sie wurden noch in der selben Nacht eingeweiht. Von mir, hmpf. Meine Meinung: nach Geschlechtsverkehr die zweiteffektivste Methode, im Bett warme Füße zu bekommen. Die wissen ja alle nicht, was gut ist. Der Kalender mit den "herrlichen" Nordseefotografien hängt auch schon auf dem Gästeklo. Aber die beiden Bücher über Balkon- und Gartenpflanzen waren dafür wirklich  Volltreffer. Meine Mutter tigert seit acht Uhr durchs Haus und stellt ihre Pflanzen entsprechend den Empfehlungen um. Sie hat etwa vier- bis fünfhundert. Kein Scheiß, mein Elternhaus ist ein Gewächshaus. Und zu jeder Pflanze gibt´s eine Geschichte. Der Kaktus zum Beispiel, der vor mir auf dem Tisch steht, ist noch von ihrer Mutter ("Omma"), hat sie gerade erzählt, und er steht immer noch in Ommas Erde, und Omma ist jetzt auch schon fünfzehn Jahre tot. Er blüht.

Etwas ungewöhnlich dieses Jahr... die neuen Hygienestandarts. Meine Mutter, Einser-Hauswirtschaftsabitur und mein Rollenmodell in punkto Sauberkeit, hat nach 40 Jahren Zusammenleben beschlossen, dass Papa jetzt mal dran ist mit Putzen. Papa hat das sofort eingesehen, er spült und saugt und wischt und pflegt dabei jene gewisse Großzügigkeit und typisch männliche Konzentration aufs Wesentliche. Wohl auch, weil er auf einem Auge blind ist und auf dem anderen nur noch fünfzehn Prozent Sehkraft hat. An manchen Tagen sind es auch dreißig, wenn es um Kunst und Malerei oder das größte Kotelett geht auch schon mal sechzig, er gönnt sich den Luxus, nur noch sehen zu wollen, was er sehen will. Jedenfalls empfahl es sich, vor dem großen Festtagsmenü die Bestecke unauffällig von den Rückständen der letzten zwanzig Menüs zu befreien und die Bäder heimlich zu schrubben, damit hier niemand krank wird. Meiner Mutter fällt es nicht auf, auch ihre Augen haben nachgelassen, und für eine Brille ist sie nun mal zu eitel. Ich mache mir ein wenig Sorgen.

Leider war meine Schwester nicht da. Sie ist doch gerade mit dem Mann ihres Herzens ins eigene Nestchen gezogen. Daran wird gerade noch tüchtig gebaut, die Handwerker haben schon zum zweiten mal das Parkett falsch verlegt, und gestern Abend haben meine Schwester und ihr Freund ein bisschen zusammen geputzt (sie also auch) und Pfannkuchen auf Umzugskartons gegessen, ich fand die Vorstellung sehr romantisch. Aber so romantisch klang meine Schwester gar nicht, später am Telefon.

Ja, und heute Abend geht´s dann weiter nach Holland. Flackern? Das woll´n wir doch mal sehen.

Seit Donnerstag hat das "I love you"-Bombardement deutlich abgenommen - das war auch höchste Eisenbahn. Nach dem Gau mit der Hose habe ich gedacht, jetzt muss Schluss sein mit der Fresserei. Ich dachte, Lchen, die Methode hat schon in den 80ern nicht funktioniert, als du sie entwickelt und erstmals konsequent eingesetzt hast, um in deinem beengenden 300 Quadratmeter-Zuhause ein bisschen Masse zwischen dich und die drei anderen Menschen zu bringen, mit denen du es teilen musstest. Ich dachte, L-Punkt, du bist jetzt groß, vielleicht solltest du es mal mit einer etwas erwachseneren Technik versuchen. Vielleicht mit einem expliziteren Hinweis darauf, dass da jemand deine geheiligten Grenzen verletzt. Dass er durch deine Beete trampelt und dabei die kleinen Setzlinge zertritt. Ich hab also ganz erwachsen angerufen und ihm gesagt, dass die Flamme flackert (aus saisonalem Anlass habe ich die Adapterlämpchenmetapher gegen die Kerzenmetapher getauscht). Ich habe ihm gesagt, dass das Flämmchen ausgehen wird, wenn er es erstickt. Dass er bitte damit aufhören soll. Dass das SMS-Gepiepe mitten in der Nacht, die Anrufe und das Reden von Haus und Hund und Kindern einfach ein bisschen viel ist für eine Nähe-Debütantin wie mich.

Seit dem ist es still geworden. Und das Lichtlein hat sich ein bisschen stabilisiert. Bald wissen wir mehr.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenglimmerbox schreibt am 25.12.2005 um 19:32 Uhr:HygienestandarDS, bitte! Und das von dir..


Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.