Anleitung zum Entlieben

30.08.2006 um 14:21 Uhr

Die Magie der Therapie

von: Lapared

Therapien helfen wirklich. Manche schon, es ist unglaublich, bevor sie angefangen haben.

Die Schnarchnase vor zwei Tagen war übrigens der einzige der Psychologen, die ich kontaktiert habe, der überhaupt reagiert hat (von dem ersten der Telefonate hatte ich stolz berichtet). Ein anderer, dessen Stimme mir eigentlich besser gefiel - er klang so wie die alte, die erste Synchronstimme von Columbo - wollte mich Freitag, allerspätestens Montag zurückrufen, „sobald er seine Kapazitäten überschaut“ – heute ist Mittwoch, offensichtlich ist er zu dem Ergebnis gelangt, dass seine Kapazitäten bereits mit dem vereinbarten Rückruf gesprengt würden. Was würde Mrs. Columbo dazu sagen!

Und dann war da noch diese Dame - eine Art Sekretärin schätze ich - von einem sehr renommierten Institut für Psychoanalyse. Sie versprach, mir umgehend einen Fragebogen zuzuschicken, nach dessen Rücksendung und fachkundiger Berurteilung die notwendigen Schritte unverzüglich eingeleitet werden könnten. „Unverzüglich“ und „umgehend“, damit war sie, wie von einer Dame, die so ein Institut repräsentiert und erste Anlaufstelle ist für Menschen in Seelennot, nicht anders zu erwarten, sehr sensibel auf mich und meine besondere Stimmung eingegangen, denn auch ihr hatte ich charmant aber druckvoll wie schon bei meinem ersten, hier zitierten Telefonat dargelegt, dass ich zwar nicht in akuter Not bin aber in einer schweren und damit historisch chancenreichen Krise. Und verdammt noch mal Privatpatient. Pronto, pronto.

Das war wie gesagt vor einer Woche. Zeit wiederum charmant aber druckvoll nachzufragen, wo den wohl der umgehend zugeschickte Fragebogen bleibt. Es ist immer gut, noch ein zweites Eisen im Feuer zu haben.

„Ach ja, Frau Lpunk!“ Na, immerhin erinnert sie sich noch an mich. „Ihren Fragebogen habe ich eben rausgeschickt.“ – „Na, das ging ja flott!“ sage ich, und als sie, weil ihre Sensibilität heute offensichtlich nicht so auf Zack ist, nicht die leise Ironie in meinen Worten spürt, setze ich hinzu, „Ich sehe, Sie nehmen die Nöte der Menschen, die Sie anrufen, wirklich ernst und versuchen sie möglichst schnell therapeutischer Hilfe zuzuführen.“ – „Wenn es so dringend ist, rufen Sie den therapeutischen Notdienst an, hier geht es nicht so schnell, ich habe auch noch andere Dinge zu tun!“ sagt sie, ihr eigener Ton deutet auf einen schweren Fall von Hysterie. Plötzlich fühle ich mich schrecklich müde. Muss ich mich erst umbringen wollen, um von einer Sekretärin soviel Engagement einfordern zu dürfen, binnen einer Woche eine Briefmarke anzulecken, auf einen Umschlag zu beppen und ihn in die Post zu geben? Ich hole gerade Luft, um sie genau das charmant aber druckvoll zu fragen... Klick, da hat sie aufgelegt, einfach aufgelegt. 

Ich bin Texter. Ich gönne mir das kleine Vergnügen und schreibe einen Brief.

Sehr geehrter Herr Dr. XY,

in der Pychotherapie geht es – soweit ich das beurteilen kann – viel um Bedürfnisse. Um Bedürfnisse und um den adäquaten Umgang damit.

Ich habe ein Bedürfnis, ein großes Bedürfnis. Ich weiß nicht ob mein Umgang damit adäquat ist und SIE könnten es mit sicher sagen, aber leider gestaltet es sich gerade dies - Ihren Rat persönlich in Anspruch zu nehmen – schwierig.
 
Das große Bedürfnis, von dem ich spreche, ist ein Bedürfnis, mich zu beschweren. Und zwar über eine Frau, eine Sekretärin. Sie ist, diesen Eindruck musste ich leider gewinnen, faul oder saublöd, denn sie braucht über eine Woche um mir einen Fragebogen zuzuschicken.

Ich wende mich an speziell an Sie, Herr Dr. XY, weil das Institut, an dem diese vermutlich sehr blöde Frau arbeitet, Ihren Namen trägt. Und ich dachte eigentlich, jedem an so einem Institut wär klar, dass man Menschen, für die eine Therapie vielleicht der letzte Strohhalm ist, nicht unnötig lange warten lässt.

Mit adäquat freundlichen Grüßen und der Hoffnung, bald persönlich mit Ihnen über meine Bedürfnisse zu plaudern

Lpunkt


Hach, schön. Ich liebe es zu schreiben. Der letzte Strohhalm, sehr gut. Nein, nein, abschicken werde ich den Brief natürlich nicht. Ich hol mir ein Stück Streuselkuchen, setze mich auf die Fensterbank, genieße meine Ruhe und denke... was soll eigentlich der ganze Scheiß?

Unglaublich, wie schnell Therapie helfen kann.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenni_ke schreibt am 30.08.2006 um 15:15 Uhr:Vermutlich schickt dir das Institut zwar keinen Fragebogen, aber eine gepfefferte Rechnung für die Sekretärinnen-Schnell-Therapie ...
  2. zitierenerphschwester schreibt am 30.08.2006 um 18:23 Uhr:angesichts der tatsache, daß es so unglaublichen einsatz kostet, eine therapie zu k r i e g e n, kann das eigentlich nur denen gelingen, die keine brauchen.
  3. zitierenMargit schreibt am 30.08.2006 um 20:09 Uhr:früher hat frau sich bei der nachbarin, freundin, mutter ... ausgeflennt. die hat das taschentuch gereicht, einem dreimal herzlich umarmt und gekuschelt, dann drei schulterklopfer....alles ganz gratis und das leben ging weiter. heute sitzen die leute mit vermenschlichten stofftieren allein in wohnungen und sind bereit für zuhören und ratschläge wirklich geld zu bezahlen. wow! wo geht unsere gesellschaft hin?....gestern standen wir am abgrund. heute sind wir schon einen schritt weiter.
  4. zitierenBloomsbury schreibt am 30.08.2006 um 20:57 Uhr:Wer eine Therapie braucht, der kriegt eine, aber es ist sehr schwierig. Und nur, wer sie wirklich braucht, erreicht dieses Ziel. Solange dir die Herzen zufliegen, weil du schöne Dialoge schreibst, brauchst du keine Therapie, oder?
  5. zitierenNLN schreibt am 30.08.2006 um 23:28 Uhr:Was du nicht bekommen kannst wiilst du...Hast du es willst du es nicht...,brauchst du Therapie, oder?
  6. zitierenstiip schreibt am 26.09.2007 um 16:17 Uhr:Mein Gott, ja. Wenn mein Abflussrohr leckt und ich merke, dass meine handwerklichen Fähigkeiten nicht ausreichen, hol ich den Klempner. Einen Fachmann. Wenn ich ihn mir leisten kann. Also was spricht dagegen, einen Therapeuten zu bemühen, wenn frau merkt, dass frau mit einer Sache nicht alleine klar kommt? Oder zumindest den Verdacht hat?

    Übrigens hatte ich auch mal eine. Eine Probestunde. Ich ging rein mit dem Gefühl, ich bin scheiße. Die Therapeutin nahm sich eine ganze Stunde Zeit, um mich in dieser Haltung zu bestärken. Als ich wieder rauskam, dachte ich mir, danke, aber so scheiße bin ich nun auch wieder nicht.

    Therapie kann wirklich sehr schnell helfen ...

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