Anleitung zum Entlieben

25.07.2006 um 00:30 Uhr

Die Nudel

von: Lapared

Der Knopf wurde gefunden und war eigentlich kein Knopf sondern ein Elefant. Einer von dieser aufgeblasenen Sorte Elefanten, die in den Laparedschen Breiten sehr verbreitet ist, weil sie sie selbst aus Mücken macht.

Ich hatte etwa zwanzig, dreißig Stündchen so vor mich hingeheult. Anfänglich noch mit der gebotenen inneren Anteilnahme, später beiläufig routiniert (als hätte ich eine angeborene körperliche Dysfunktion, Felixsches Tränendrüsenflimmern oder so) und seelisch quasi unbeteiligt. Heulend habe ich die Regale aus- und wieder eingeräumt, habe versucht, meine Unordnung wieder herzustellen, begriffen, dass das nicht ging, und am Ende stand ich vor diesen sterilen, funktionalen Neubauten und dachte... scheißegal. Ist doch scheißegal.

Dick - nachdem ihm rasch klar geworden war, dass mein Heulen keinesfalls eine Aufforderung zum in Pärchenkreisen sonst sehr populären „Was hast du denn?“ – „Nichts!“ – „Aber wegen nichts, heult man doch nicht“ – Tango war, hielt sich erstaunlich zurück. Ich wollte wirklich, wirklich, wirklich nicht darüber reden. Dieses ständige Reden, sich erklären und gegenseitig erforschen... ich war es so leid. Ich wollte einfach nur in Ruhe heulen. Aber dann kam die Mücke.

Dick hatte gespült. Mit dieser gewissen männlichen Großzügigkeit, die Frauen viel zu häufig veranlasst zu sagen: „Lass Schatz, ich spüle gern!“, weil sie es lieber gleich machen als hinterher noch mal. Und plötzlich schwimmt da diese Nudel in meinem Tee. Eine dick aufgequollene Nudel vom Mittagstisch, die ihren Weg wahrscheinlich über das Spülwasser in meine Thermoskanne und von dort in meine Teetasse gefunden hatte. „Schatz?“ frage ich, „Spülst Du das Geschirr eigentlich noch mal mit klarem Wasser nach, wenn es im Spülwasser war?“ Und er: „Lchen... Ich spüle! Ich spüle auf meine Weise! Ist das nicht gut genug? Menschen haben ihre eigene Handschrift bei den Dingen, die sie tun!“

Und plötzlich höre ich mich schreien. Ich höre mich brüllen. Ich brülle, dass eine Nudel im Tee keine Handschrift ist sondern eine Sauerei. Und dass er die gerne in seiner eigenen Wohnung kultivieren kann aber nicht bei mir. Und dass ich es leid bin. Leid, leid, leid, leid, LEID! Dass er mir auf die Nerven geht. Dass ich allein sein will. Dass er fahren muss, sofort.

In der Spiegelung des Küchenfensters sah ich mein wütendes Gesicht und dachte: wie unvorteilhaft. Aber mit Erstaunen stellte ich fest, dass das Heulen gestoppt hatte.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenBatou schreibt am 25.07.2006 um 13:23 Uhr:Oh. Für meine Begriffe eine vielsagende Reaktion.
  2. zitierenerphschwester schreibt am 25.07.2006 um 22:03 Uhr:ich erinnere mich: mein ehemann (nr.1 - warum eigentlich mußte ich immer gleich heiraten?) verließ die eheliche wohnung für längere zeit, weil es nicht anders ging. ich stand auf dem balkon, winkte ihm, das kind auf dem arm, hinterher, hatte einen kloß im hals. er bog um die ecke, war außer sicht. und plötzlich tauchte ganz, ganz weit hinten in meinem kopf, erst winzig klein, dann immer größer werdend der gedanke auf: \"endlich allein!\"

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