Anleitung zum Entlieben

15.04.2006 um 00:54 Uhr

Fernsehen statt Fernreisen

von: Lapared

Ich bin ja kein Freund der Städtereise. Kenner des Lapredschen Universums wissen: Ich bin kein Freund des Reisens überhaupt. Vieles wäre besser, wenn Menschen einfach zuhause blieben. Aber unter allen Ausformungen dieser weitverbreiteten Unsitte ist die Städtereise, neudeutsch auch Shoppingtripp genannt, mir persönlich die unangenehmste. Leider war mir das entfallen, als D. mich fragte, ob ich mit ihm nach Paris fahre. Ausgerechnet Paris. Ich meine... Paris. Und man muss bedenken, ich bin ein Kind Hollywoods, Hollywood hat mein kognitives Reich geprägt, mein Weltbild, ich bin vorm Fernseher aufgewachsen. Und ich reagiere sehr gereizt, wenn meine Welt durch Störeinflüsse wie die Realität ins Wanken gerät. Schon die Farbe. Was soll die Farbe? Ich mag Paris in Schwarz-Weiß. „Außer Atem“, „Hotel du Nord“... Und wenn schon Farbe, dann bitte Technicolor. Audrey Hepburn und Fred Astaire in „Funny Face“, das nenn ich Paris... aber diese blasse, kränkelnde Realkolorierung, nee. Und der Lärm, die Autos, der Regen, das Menschengewimmel, überall, in den Straßen, den Geschäften, in der Metro, Enge, Berührungen, um die ich nicht gebeten habe, Gerüche, um die ich totsicher nicht gebeten habe... schwere Beine, bohrende Kopfschmerzen, und ein Mann, der möchte, dass ich Spitzenhemdchen für ihn anprobiere. Nein, ganz entschieden nein. Ich bevorzuge Paris in der Couchversion. Film ab, Füße hoch, wenn ich französische Realität will, knabbere ich ein Croissant.

P.S. Und für alle, die es doch mal versuchen wollen. Ich meine, Paris leibhaftig und wirklich besuchen, obwohl es dort weiß Gott genug Volk gibt: Übernachtet nicht im Igitthotel (Name geändert, da ich mir neben meiner Steuerrückzahlung diesen Monat nicht auch noch eine Millionenklage leisten kann), einem dieser billigen Kettenhotels draußen in der Pariser Peripherie. Von allen Orten, an denen ich in meinem ganzen Leben übernachtet habe, war dies der mit Abstand trostloseste. Er verwies eine 100 x 180 cm „große“, 56 Grad warme, fensterlose kroatische Schiffskajüte direkt über der Schiffsturbine auf die Plätze, ebenso wie ein balinesisches Etablissement mit Zweitbelegung durch gewisse Tiere, wie auch jene mit nichts als einer weißen Plastikgartenliege möblierten Personalkabuffs der Aushilfs-Zimmermädchen im 5-Sterne-Hotel „Lederer am See“. Selbst Räume, die ich mit weder verwandten, verschwägerten oder sexuell relevanten Menschen teilen musste, waren gegen das Igitthotel chancenlos. Es war so trostlos, wenn ich die Absicht hätte mich umzubringen und wollte sicher gehen, dass ich es mir nicht noch einmal anders überlege, ich würde mich dort einquartieren. Das Design eines deutschen Interregios aus den späten 80ern (türkis, orange, lila, kleine Spiegelapplikationen, Kirschholzfunier), stinkend wie eine Kölner Eckkneipe am Aschermittwoch, jahrealte Kotzeflecken auf der Auslegeware neben dem Bett, Aircondition mit konstanten 30 Grad (auch Nachts), draußen der Lärm der Umgehungsstraßen und die Skyline der Vorstadt-Wohntürme, deren Fahrstühle voller Graffitis sind und in denen die nächste Generation Justizvollzugsinsassen heranwächst.

Übernachtet nie im Igitthotel. Nach einer Nacht im Igitthotel hat selbst eine wunderschöne Stadt wie Paris es schwer. Haben die prächtigsten Straßen, die berühmtesten Museen und die bezaubernsten Cafés kaum eine Chance.

Und ein Mann, der nicht tanzt wie Fred Astaire… eine Frau, die keine Rehaugen hat wie Audrey Hepburn, schon gar nicht.


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