Anleitung zum Entlieben

17.08.2005 um 02:20 Uhr

Film für Pa

von: Lapared

Vorhin habe ich über den Kurzfilm für meinen Freund, den 17-fachen Oscargewinner Herrn M., nachgedacht. Es gibt eine Vorgabe: Der Film soll auf einem Bahnhof spielen. Schwupp, schon war ich beim Thema Trennung, aber da wollte ich nicht sein. Wegen der aktuellen Ereignisse, wie es im Fernsehen immer heißt, wenn der Flugkatastrophenfilm wegen der Flugkatastrophe aus dem Programm genommen wird. Und da ich kein schwerer Fall bin (oder ob sie mein Gewicht meinte? He, ich gewöhne mir immerhin gerade das Rauchen ab!) sondern immer noch der Kapitän unter meiner Mütze und im Stande, meine Gedanken willentlich in gefahrlose Gewässer zu steuern, dachte ich bei Bahnhof leichterdings an genau das Gegenteil: Ankunft. Wiedersehen. Umarmung. Freude. Als ob das nicht viel inspirierender wäre. Da fallen einem doch gleich tausend Geschichten ein... Ankunft. Wiedersehen. Umarmung. Freude.… Ankunft! Wiedersehen! Umarmung! Freude! Hier die, die mir einfiel (leider für Herrn M. nicht verwendbar, weil er nicht im Zug drehen kann).

Also. Da sind diese Frauen, Angestellte in einer großen Firma, in einer großen Stadt, und es ist Freitag, Freitagnachmittag, endlich Wochenende, und sie strömen durch das Firmentor, plaudernd über ihre Pläne für die freien Tage, schwirren aus zu ihren Kleinwagen mit denen sie gleich hinaus in die Vorstadt fahren oder in eine der umliegenden Kleinstädte, wo sie wohnen, weil Wohnen dort billiger und ihr Freund dort KFZ-Mechaniker oder Bäcker oder Filialleiter ist. Und ein paar von ihnen, die, die es weiter haben, nehmen auch den Bus zum Hauptbahnhof, um dort die kurzen Regionalzüge zu besteigen auf den Gleisen mit den hohen Nummern, die an jedem Misthaufen halten und auch dort, wo ihre aktuellen Lover warten.
Die Kamera verfolgt ein Grüppchen Frauen, drei davon bunt, schwatzend, aufgedreht und offenbar gut miteinander bekannt, die vierte - unsere Heldin, aus ihrer Sicht erleben wir das Ganze - unscheinbar, pummelig, sodass man sich nicht vorstellen kann, dass die anderen unter der Woche viel mit ihr her machen, aber jetzt, da sie den selben Weg hat, unterhalten sie sich halt ein wenig, aus Höflichkeit, auch wenn die Dicke keine der Discotheken kennt, die es am Wochenende zu „checken“ gilt, und eine der Schlanken sagt zu der Dicken „schickes Kleid, die Farbe steht Dir!“, dabei grinst sie so, als mache sie sich darüber lustig, dass die Dicke wie alle Dicken Schwarz trägt, weil das angeblich schlank macht, und sie selbst Orange und Pink, wie es scheinbar Mode ist.
Sehnsüchtig beobachtet die Dicke die attraktiven Kolleginnen, ihr Lachen, ihre Leichtigkeit, beobachtet, wie eine nach der andere aussteigt und sich an den Arm eines Mannes schmiegt, der schon frisch rasiert auf dem Bahngleis steht und mit dem Ford-Mondeo Schlüssel klimpert.
Und als die letzte der Kolleginnen das Abteil verlässt und dabei ein bisschen boshaft fragt, ob auch auf sie, also, auf die Dicke, jemand am Bahnhof warte, bekommt die einen ganz verhangenen Blick und sie sagt: „Ja, ganz sicher...“, und wir sehen die Bilder, die gleichzeitig durch ihren Kopf ziehen, es sind ihre Eltern, die mal wieder Arm in Arm und viel zu früh auf dem Bahngleis stehen, um sie abzuholen, Papa und Mama, die sie immer noch behandeln, als wäre sie zehn. Und als die Dicke dann endlich allein ist und zusieht, wie auch Kollegin Nummer drei auf dem Bahnsteig einem Mann in die Arme sinkt, muss sie erst mal ein bisschen weinen und wir denken, eben, weil sie keinen hat, und mit Mitte Dreißig am Wochenende immer noch von ihren Eltern abgeholt wird.
Aber dann steigt an der nächsten Station auch sie aus, die Dicke, und sie sieht sich auf dem Bahngleis um... und da ist niemand. Keine Eltern Arm in Arm, alles leer. Nur eine einzelne Frau steht da, und dann bei genauerem Hinsehen erkennen wir, es ist ihre Mutter, in Schwarz, allein, und sie weint. Der Vater ist offensichtlich gestorben, die Dicke kommt zu seiner Beerdigung. ENDE.

Und für´s Protokoll: Es gibt Schlimmeres, als am Bahnhof nicht von einem Vorstadtdjango abgeholt zu werden. Zum Beispiel, wenn eines Tages plötzlich Dein Vater nicht mehr dort steht, der sonst immer da stand, wenn Du alle Jubel Jahre mal zu Besuch kamst. Und im Übrigen hat die Dicke in der Stadt einen ganz heißen Freund. Und wenn sie nach der Beerdigung am Sonntagabend wieder zurück in die Stadt kommt (das sehen wir im Abspann), wird er dort warten und für die Dicke schon eine Lasagne im Ofen haben. Ankunft. Wiedersehen. Umarmung. Freude.

(Gewidmet in Reue dem dicken Mädchen vom Stepper. Quatsch. Gewidmet meinem wunderbaren Pa, in der Hoffnung, dass er wieder ganz gesund wird und noch oft da steht.)

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