Anleitung zum Entlieben

29.04.2007 um 11:51 Uhr

Fortgesetztes Ständchen

von: Lapared

Also, ich sitze auf dem Fensterbrett und schaue runter zu dem schwarzen Gitarrenmann, der vor den Gästen des besten Fischgrills der Stadt, über dem ich das besondere Vergnügen habe zu wohnen, so Herz zerreißend aufspielt, dass den gegrillten Riesengarnelen auf ihren Tellern die Augen überquellen. Früher hätte ich mir vielleicht die kleine Albernheit erlaubt, ihn mit Katzenpfötchen zu bombardieren, aber bitte, ich bin keine 13 mehr, die Katzenpfötchen habe ich hinter mir gelassen, ich stehe jetzt auf Salzheringe. Zumal es immer Querschläger geben kann – und ein Heringsfund zwischen Garnelen ist weit weniger anstößig als eine Katzenpfote zwischen Garnelen.

Da sitze ich also mit meinen Salzheringen auf der Fensterbank und der Mann streichelt seine Gitarre, wie man so sagt. Ich sehe durchaus das Dilemma, in dem er steckt, sicher ist es nicht leicht für ihn, seinen Pathos zu halten, wenn er dabei Menschen ansehen muss, die Garnelenschwänze auslutschen, aber wenn ich EINS nicht leiden kann, dann Gitarrenspieler, die gequält die Augen schließen. Ich setze an zum Wurf.

Ich dem Moment passiert´s. Der Gitarrenmann legt für einen Moment den Kopf in den Nacken, öffnet die Augen und sieht mich direkt an. Ich zaubere blitzschnell ein 34-Zähne-Lächeln auf mein Antlitz, winke, als hätte ich sie nicht alle, denn irgendwas muss ich ja machen mit der erhobenen Wurfhand. Er strahlt einen Moment lang zurück, und ich denke an Olli, wie er immer den Kopf in den Nacken legte und lachend den Mund aufmachte, sobald ich in meinen Rollboy griff und mit der Lakritz-Tüte raschelte. Ich erinnere mich an Olli, meinen alten Team-Partner, dem ich über die Weite von zwei Chefkreativen-Schreibtischbreiten einen Salz-Hering zuwerfen konnte, Olli, der den Hering dann mit dem Mund auffing und quiekend die Hände vorm Bauch zusammenklatschte wie ein alter, routinierter Zirkus-Seehund. Ach Olli. Der schwarze Gitarrenmann öffnet nicht den Mund, schade, das wär´s jetzt gewesen, er schließt vielmehr die Augen und versenkt sich wieder in seine sehnsüchtelnde Cantautori-Pose, aber… ich vergebe ihm. Natürlich vergebe ich ihm, denn seit 3 Sekunden weiß ich, er sieht GUT aus. Richtig gut. Ein bisschen wie Aidan, das alte Weichei, oh weia, und dann fängt er auch noch an zu singen...

Sorry, jetzt bin ich etwas in der Bredouille, ich muss weg, aber noch eine Fortsetzung trägt die vergleichsweise schlappe Pointe der Story eigentlich nicht, ich mach es also kurz...

Weichei macht ein bisschen auf verlebt und bringt mit Whiskystimme eine Paolo Conte-Schmacht-Nummer der Extraklasse. Die Garnelenfresser zücken unverzüglich das Kleingeld, jetzt haben sie die Schnauze wirklich voll. Der schwarze Mann geht mit einem schwarzen Kästchen rum (allmählich wird mir das mit dem Schwarz ein bisschen zwanghaft) und kassiert in aller Seelenruhe ab. Er wechselt sogar, wenn jemand sich rausreden will, er hätte kein Kleingeld. Und ganz zum Schluss, er war an jedem Tisch im Umkreis von 3000 Metern, ganz zum Schluss guckt er zu mir hoch und streckt mir grinsend das mäßig gefüllte schwarze Behältnis entgegen. Ich zucke mit den Schultern, ich habe kein Geld, mit dem ich um mich werfen könnte, aber ich halte mit freundlich fragendem Blick die Tüte Heringe hoch. Lakritz, schwarz, hm, wie wär´s? Er nickt, ich ziele... und treffe einen geparkten Audi. Er lacht, ich lache, er geht, fertig. Ich sag doch, dünne Pointe.

Aber gestern Abend war er wieder da.

(Fortsetzung folgt)

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenpocoos schreibt am 29.04.2007 um 12:16 Uhr:nichts gegen Paolo Conte bitte. auf meinen schmachtfetzen lass ich nichts kommen.
  2. zitierenein gitarrenspielender Seehund schreibt am 30.04.2007 um 01:00 Uhr:Dann freut man sich ja bestimmt auf die nächste Sonate in Moll, vorm Dinner. Ergötze mein Auge doch demnächst mit einem Rollboy, zwischen Deinen 32 Zähnen zählendem Gebiss. Ups, das war ja die Rolle des Salzhering essenden Gitarrenspielers. Es geht nichts über künstlerisches Geschick und geschickt verpackte Kunst. Wohl dem der geschickte Hände hat. Eine gute Nacht wünsche ich.

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