Anleitung zum Entlieben

17.10.2010 um 16:08 Uhr

Lchen fast in Henna

von: Lapared

Manchmal frage ich mich, ob ich selbst wohl in echt auch so ganz anders wirke als im Blog. Nicht wie Lchen oder wenigstens Lpunkt, sondern auch wie eine… wie diese… Nein, ich fange anders an.

Auf meiner täglichen Laufstrecke von Zuhause zum Supermarkt meines Vertrauens liegt eine kleine Galerie. In der Galerie waren in den letzten Monaten immer schöne Fotos ausgestellt, soweit ich das von außen beurteilen konnte. Vorne am Eingang der Galerie saß nämlich immer eine schmuckbehangene kleine Frau mit raspelkurzen hennaroten Haaren und ich fürchte mich nun mal vor kleinen schmuckbehangenen Frauen mit raspelkurzen hennaroten Haaren, deshalb konnte ich in die Galerie nie rein. Aber die Fotos im Fenster gefielen mir sehr.

Ich muss zugeben, ich dachte, die Frau vorne in der Galerie wäre die Galeristin, na, das ist vielleicht noch kein Verbrechen. Ich dachte außerdem (und da wird es schon fieser), ich dachte, sie wäre eine dieser Ehefrauen, deren Mann (Architekt, 54), ihr eine kleine Galerie spendiert hat, in der sie nun ein paar hübsche Fotos ausstellt und der Welt beweisen darf, dass sie aber auch einen tollen Geschmack hat. In Düsseldorf hätte sie eine Boutique. Ich dachte, mittags mache sie den Laden sicher erstmal zwei Stunden dicht, träfe sich mit  einer Freundin beim Italiener und gäbe mehr für ihre Scaloppine al limone aus, als die Galerie im ganzen Jahr abwirft. Mit diesem widerlichen frauenfeindlichen Bild im Kopf marschierte ich an der Galerie der kleinen schmuckbehangenen Rothaarigen vorbei zum Supermarkt, wo ich mich zum Mittag mit zwei Weltmeisterbrötchen eindecken würde. Einfach, aber hart verdient.

Auf der Suche nach einem Weg, mir die Fotos in der Galerie anzusehen, ohne in einem kleinen Raum mit einer schmuckbehangenen Frau mit raspelkurzen hennaroten Haaren allein sein zu müssen, googelte ich die Galerie und wurde fündig. Und ich stellte fest, dass die rothaarige Dame die Fotos alle selber macht. Ich begann meine Einstellung zu raspelkurzen hennaroten Haaren zu überdenken. Ich las täglich in ihrem Fotoblog und überlegte, mir selbst auch raspelkurze hennarote Haare schneiden zu lassen, so gut gefielen mir die Fotos. Die kleine Frau war eine verwandte Seele, auch wenn sie in einem anderen Feld unterwegs war. Also fasste ich eines Tages auf dem Weg zum Supermarkt endlich Mut und bin rein. „Ich wollte nur sagen… ich finde Ihre Fotos soooo toll!“ platzte es etwas ungelenk aus mir raus. Ich lud meine Begeisterung für ihre Arbeit vor ihr ab wie ein großes rosa Paket mit Schleife. Ich war sicher, ich spräche mit meiner zukünftigen besten Freundin. Ich sah uns schon im Sommer gemeinsam vor ihrer kleinen Galerie sitzen und Capri-Eis aus dem Supermarkt lutschen, ich sah uns durch die Straßen schlendern und fotografieren, sie „people & urban lifestyle“, ich Curd, (heimlich hoffte ich natürlich, sie würde auch Curd mal fotografieren, Curd in einer Galerie, das wär´s noch!) Jedenfalls, ich überschüttete sie mit aufrichtigen Komplimenten und erzählte, dass ich ihr Fotos jeden Morgen ansähe und gerne auch eins für die Wand besäße und so weiter und so weiter und in ihrem Gesicht tat sich nichts. Nicht ein Lächeln. Sie starrte mich an wie ein Insekt und antwortete dann so kühl, dass meine Fühlerchen fast gefroren: „Fein, sehen Sie sich ruhig hier um. Die Preise stehen dran.“ Preise? Ich will Ihre Freundin werden, Sie blöde Kuh! Dann schaute ich mich artig um, fast 3000 Euro kostete mein Lieblingsbild. „Puh…“ rutscht es mir aus. Sie lächelt fein. „Fotos sind Kunst.“ Das sehe ich übrigens unbedingt genauso. „Natürlich,“ sage ich jetzt mit der gebotenen Ehrfurcht (wahrscheinlich wirkte meine Begeisterung am Anfang nicht besonders kunstverständig, ich nahm mir vor, mich bedeckter zu halten.) Schon rutschte mir wieder einer raus. „Andererseits…“, sage ich und hole tief Luft, „Andererseits kann man Fotos im Prinzip beliebig oft reproduzieren! Das ist ja das Tolle an Fotos, sie sind so demokratisch. Ein schönes Foto kann im Prinzip in jeder Hütte hängen, sofern der Fotograf die Auflage nicht limitiert, was Sie aber nicht mal tun, soweit ich sehe! Sie verlangen 3000 Euro für ein Foto, das Sie beliebig oft verkaufen können. Und es ist nicht mal aufwendig gerahmt oder kaschiert!“ So.

Sie hob nur einmal ihre zu Strichen gezupften Augenbrauen (hieß: Dann lassen Sie´s doch!) und begann dann zu telefonieren, mit einem Hendrik, es ging um eine Verabredung zum Mittag. Ich meinerseits ahnte, dass es nichts würde mit ihr, mir und dem Capri-Eis und nutzte die Gelegenheit, um wieder vor die Tür zu schlüpfen. Puh, herrlich diese frische Luft.

Irgendwie war sie ganz anders als ihre Fotos im Fotoblog. Irgendwie war sie eher wie eine kleine schmuckbehangene Frau mit raspelkurzen hennaroten Haaren. Also doch. Aber wenigstens muss ich nicht zum Friseur.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierengreta schreibt am 17.10.2010 um 20:00 Uhr:Göttlich! ^^
  2. zitierenJungfrau schreibt am 17.10.2010 um 23:41 Uhr:Der erste Baucheindruck ist eigentlich immer der richtige!
    Merke: wenn irgendwelche Menschen für spontane Magenschmerzen sorgen, dann wird das nie nix. Weg damit.
    Zum Glück bleibst du bei blomd! :-)
  3. zitierenKatja schreibt am 18.10.2010 um 12:06 Uhr:Ich muss sagen, die Dame legt aber ein merkwürdiges Verkaufsverhalten an den Tag. Bei den Preisen und der etwas undurchsichtigen Geschäftsphilosophie sollte man doch ein etwas griffigeres Benehmen erwarten. Was wohl doch die These des gesponserten Lädchens bestätigt. Aber auf die Photos wär ich ja nun schon neugierig ...
  4. zitierenHedera schreibt am 18.10.2010 um 13:08 Uhr:ich schließe mit greta an: göttlich!!! (nicht die furchteinflößende frau mit den raspelkurzen hennahaaren und dem schmuckladen um den hals, nein, deine art das zu erzählen! herrlich, göttlich whatever!
  5. zitierenMuschelsucherin schreibt am 18.10.2010 um 16:23 Uhr:Liebes Lchen!

    So eine versnobte Kuh möchten wir aber nicht in
    Düsseldorf haben, noch nicht mal als Boutique-Besitzerin!
    Ach neee, immer diese Vorurteile :o) die bist herzlich
    eingeladen um dich davon überzeugen zu können, dass es
    hier nicht nur Nobel-Boutiquen gibt.

    Da lob ich mir den Moshammer, der soll (so wurde es mir
    berichtet) sich über jeden riesig gefreut haben, der
    einfach nur so, zum schauen, in seinen Laden gekommen ist!
    Er war zwar keine schmuckbehangene kleine Frau mit
    raspelkurzen hennaroten Haaren... aber auch irdendwie...
    anders ;o)

    Bleib bitte so wie du bist!

    P.S.: In der Sicherheitsabfrage taucht bei mir das schöne
    Wörtchen "Karl" auf, ist das ein Zufall oder ist das ein Zufall?
  6. zitierenLeonie schreibt am 20.10.2010 um 16:02 Uhr:Jetzt möchte ich aber mal den Link zum Fotoblog der Henna-Tante haben.
  7. zitierenLapared schreibt am 20.10.2010 um 17:28 Uhr:@Leonie: nein, das geht doch nicht, ich mache doch nicht auch noch Gratis-Reklame für ihre Fotos (und außerdem schreibe ich nie schlecht über Menschen, die identifizierbar sind - sonst stechen sie mir noch die Reifen durch ;) LG, Lchen
  8. zitierenkerstin schreibt am 24.10.2010 um 22:58 Uhr:hihihi jaaaaa manchmal haben vorurteile eben doch ihre berechtigung!
    auch wenn wir sie generell öfter überdenken sollten als wir es tun.

    liebe grüße kerstin
  9. zitierenBritta schreibt am 28.10.2010 um 10:25 Uhr:Blöde Tuse..!
    Vielleicht gehört das so, wenn man künstlerisch unterwegs ist und einen Laden hat?

    In unserem Haus (4 Parteien, die prima miteinander klar kommen plus ein Ladenlokal im Erdgeschoss) gibt es seit einem Jahr eine Schmuckgalerie - die Tante, die die Schmuckstücke entwirft, wohnt auch in dem Laden. Vorgestellt hat sie sich bei keinem im Haus und wenn man sich zufällig begegnet, grüßt sie ohne jegliche Mimik. Daher habe ich mir dann auch verkniffen, ihrer Einladung zur Ladeneröffnung Folge zu leisten.
    Später konnte ich es mir aber mal doch nicht verkneifen, ihre wirklich tolle Schaufenster-Deko und die darin ausgestellten Schmuckstücke zu bewundern - das Ergebnis war dem Deinen sehr ähnlich.
    Ich beschränke mich also wieder aufs "Guten Tag-Sagen" und habe mir als kleine Rache abgewöhnt, meinem Hund zu verbieten, an ihrem Rock zu schnüffeln! Ätsch!

    Viele Grüße
    Britta
  10. zitierenMuschelsucherin schreibt am 28.10.2010 um 15:46 Uhr:@ Britta:
    Uih uih uih......

    Ich gestehe, ich habe grade beim lesen deiner letzten Zeile
    ein anderes Wort erwartet als "schnüffeln" oooooh weia!

    Künstlerische Grüße!
  11. zitierenlillestory schreibt am 30.10.2010 um 22:59 Uhr:ich hab es ganz oft, daß ich mich in bestimmte läden nicht reintrau, weil mir die inhabe oder Verkäufer (oder beide) suspekt sind. manchmal zu cool, manchmal zu schick, manchmal einfach nur zu toll. entweder ich denk ich bin nicht gut genug, oder aber ich denk, dass ich das nicht nötig hab. ich schwank oft zwischen diesen beiden extremen. dein gefühl, zu versuchen heimlich in die schaufenster zu schauen kenn ich. und dein eintrag macht auch mir nochmal klar, warum es so ist. diese frau dort mit den roten haaren...wie ignorant...arrogant...typisch hamburg...so typisch...wie wenig einfühlsam und wie können solche menschen solch sensiblen bilder machen? Sie wußte, daß sie dich verletzt hat, denn sie hat einen blick für die kleinigkeiten.sie wußte du würdest dich unwohl fühlen und den laden schnellstmöglich wieder verlassen. sie hätte auch einfach freudnlich sein können. einfach mit dir lachen über deine putzige euphorie.
    echte künstler eigentlich-so wie ich sie erlebt hab- sind überraschend un-arrogant und froh, wenn leute wie du kommen und interesse zeigen. wenn menschen euphorisch sind, neugieirg und sich begeistern und inspirieren lassen. sie sind offen und weltoffen. und wenn nicht, dann haben sie meißt ein problem und meinen, sich abgrenzen zu müssen, um etwas besonders zu sein. fakes. man trifft sie auch in den cafe´s. besonders in hamburg. machen schlechte laune.

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