Mit Schlaf war es dann doch nicht getan
„Was nervt Dich denn plötzlich so an D.?“ fragt meine Schwester vorsichtig, denn ich heule wie ein Schlosshund, und das hat selbst sie, die mich schon eine ganze Weile kennt, noch nicht oft erlebt. „Ich weiß nicht, ich weiß es doch nicht…“, schluchze ich, und dann aus vollstem Herzen „vielleicht ist es… vielleicht seine Frisur?“ Meine Schwester hat berufsbedingt Erfahrung mit Verrückten, sie weiß, dass sie jetzt unter keinen Umständen lachen darf. Also fragt sie sehr empathisch: „Seine Frisur, hm, was ist denn falsch an seiner Frisur?“ – „Wenn die Haare so über seinen Ohren abstehen, sieht er total bescheuert aus!“ heule ich. Meine Schwester gibt die Therapeutin: „Und es nervt Dich, wenn er bescheuert aussieht?“ – „Es nervt mich, dass es mich nervt, wenn er bescheuert aussieht, ich möchte mit einem Mann zusammen sein, in den ich so verliebt bin, dass ich gar nicht sehe, wenn er mal mit bescheuert aussieht!“ – „Hm. Also nervt Dich, dass Du Angst hast, dass Du ihn nicht genug liebst, weil Dir auffällt, wenn er bescheuert aussieht!“ – „Ja, ich glaube…“ Meine Schwester holt tief Luft. „Du spinnst!“ Offensichtlich hat sie die Rolle der Gesprächstherapeutin wieder abgelegt. „Pass mal auf,“ sagt sie, „wenn man mit jemandem zusammen ist, ganz normal zusammen ist, meine ich, also so, dass man nicht mehr jeden Tag Angst um ihn hat, sondern wenn diese ganze Eroberungsphase erst mal erledigt ist, dann… dann wird plötzlich wieder ganz viel Energie frei und… und man fängt an, wieder zu sehen, wenn der andere bescheuert aussieht, so ist das, Du kennst das nur nicht!“ – „Ich bin meistens schon in der Eroberungsphase ausgeschieden, stimmt.“ – „Und deshalb bist Du mit den Fallen und Fußangeln der Konsolidierungsphase nicht so vertraut.“ – „Ist das nicht schrecklich, ich bin schon so alt und hab es fast noch nie in die Konsolidierungsphase geschafft?“ – „Du hattest ein aufregendes Leben auf dem Schlachtfeld!“ – „Aufregend, das kann man wohl sagen...“ – „Für einen alten Kampfhasen wie Dich ist es gar nicht so leicht, plötzlich in Friedenszeiten zu leben, wenn Glück mit einem Mal ganz normal wird und man sich über so banale Dinge wie die falsche Frisur aufregen kann!“ – „Hm.“ – „Es ist in Ordnung, wenn Dich seine Frisur stört, so was ist erlaubt.“ – „Hast Du das auch manchmal bei Deinem B.?“ – „Nein, ich mag seine Frisur.“ – „Siehste!“ – „Aber manchmal sehe ich ihn an und denke, was ist das nur für ein komisches Ding mitten in seinem Gesicht.“ – „Ha-ha...“ – „Im Ernst, ich sehe auch Dinge an B., die mich nerven, und glaub mir, die lassen sich nicht so leicht ändern, wie die Frisur. Ich bin in Phase zwei der Konsolidierungsphase, Frisur ist Phase eins.“ – „Oh Gott, also stehen mir noch ganz andere Dinge bevor?“ – „Und ob.“ – „Ich glaub, ich will zurück aufs Schlachtfeld...“

Ich hab das Gefühl, dass du dir zuviel abverlangst: Man muß nicht alles toll finden an dem anderen; und glaub mir, auch dick, der dich so liebt, findet nicht alles toll an dir. Er würde das nur nicht sagen, weil er Angst hat, dich zu verlieren, aber das ist letztlich auch nicht normal! Mach dir doch bitte nicht so einen Druck, Dick ist nicht perfekt, aber trotzdem hat er viel Liebenswertes; liebe heißt doch nicht, dass man alles an dem anderen toll finden muß. Mein Vater hat immer gesagt: Verliebtheit macht blind, Liebe macht sehend! Und wenn man sich dann trotzdem zu einander hingezogen fühlt, dann gehts an die Arbeit, den anderen eben mit seinen Macken anzumehmen und das ist dann eben Liebe!!! Tja, so ist das, ganz schön schwer!
Lucha hat Recht, Dick hat soviel Liebenswertes, dass die kleinen Macken doch nicht entscheidend sein können für deine Gefühle. Mach ja nicht den Fehler die Konsolidierungsphase zu verlassen. Immer wieder Erprobungsphasen durchzuleben ist auch nicht gerade toll.