Anleitung zum Entlieben

19.01.2006 um 22:19 Uhr

Morgens zwischen acht und halbneun

von: Lapared

Morgens zwischen acht und halbneun sollte man mich auf keinen Fall stören. Keine Anrufe, keine Besuche, ich rate dringend von jeglichen Versuchen der Kontaktaufnahme abzusehen. Jedem. Selbst wenn die Lottofee mit 10 Millionen vor der Tür stände, um diese Zeit würde ich sie ohne Vorwarnung erschlagen. Morgens zwischen acht und halbneun bin ich stets 10 – 15 Jahre behind schedule und reagiere auf jegliche Ansprache stressbedingt gereizt. Das nur mal so.

Zu einem ganz anderen Thema. D. hat mich gefragt, ob ich mit ihm in Urlaub fahre. Ausgerechnet heute morgen zwischen acht und halbneun. „Klar Schatz“, sage ich, „das machen wir. Irgendwann.“ Das reichte Schatz natürlich nicht, und im Prinzip hat er ja Recht, so einen Urlaub muss man planen. „D. ich bin sehr in Eile, können wir das vielleicht später besprechen?“, frage ich. Aber D. will es unbedingt sofort wissen, so isser. „Ich kann Dir nicht sagen, ob das klappt, im Februar bin ich noch optioniert." (Ja, Babsi schließt mich allmählich richtig ins Herz.)

Als D. beschließt, dass die Agentur sich gefälligst heute noch zu entscheiden habe, ob sie die Option wahrnehmen will… und nebenbei erwähnt, dass ich ohnehin viel selbstbewußter auftreten müsse, denn dann würde man mich auch mehr respektieren… als gleichzeitig die Uhr auf Sechsunddreißig springt und ich eine weitere morgentliche Schlacht um at least tendenzielle Pünktlichkeit verloren geben muss… da platze ich.

Wenn ich platze, wird es immer erstmal einen Moment lang ganz still. Ich hole tief Luft. Und dann werde ich, und das hasse ich an mir, grundsätzlich. Anstatt zu sagen: „D., in der Werbung herrschen andere Regeln als in der Kunst, die Kreativen sind keine Diven sondern Dienstleister, und die Agenturen können sich, wenn die wollen, erst am 31sten um 12 Uhr nachts entscheiden, ob sie ihre Option für den nächsten Monat wahrnehmen oder nicht“… anstatt ihm also freundlich zu vermitteln, dass er auf dem Gebiet keinen Schimmer hat, sage ich: „D., Du verhälst Dich wie ein Säugling. Du verspürst ein Bedürfnis, und dann muss es sofort erfüllt werden. Und falls Du glaubst, ich finde das süß, muss ich Dich enttäuschen. Ich finde es nervig.“ Kra-wummmm. Ich hasse das an mir, ich hasse das wirklich.

Das kommt, weil meine Psychohygiene mangelhaft ist, ich altes Ferkel. Weil meine Agressionsventilation verstopft ist. Weil ich Dinge, die mich ärgern, viel zu lange mit mir rumtrage, angucke und analysiere, anstatt damit gleich rauszukommen. Ich sammel sie und suche nach Mustern, und wenn ich die dann gefunden habe, folgt bei der nächsten Kleinigkeit, die ins Muster passt, der Brachialschlag. „Säugling“. Voll in die Eier. Dann beanstande ich kein Verhalten sondern gleich den kompletten Mensch. Das muss ich mir dringend abgewöhnen.

Oder morgens zwischen acht und halbneun das Telefon abschalten.

P.S. Wenn D. morgen kommt (wenn er noch kommt) werde ich mir wohl etwas einfallen lassen müssen. Irgendwas Nettes, um mich einzuschleimen. Ein kleines Geschenk, vielleicht, z.B.… eine Windeltorte!
Das ist ja das Hinreißende an ihm, er würde darüber lachen.

Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.