Anleitung zum Entlieben

06.02.2007 um 15:37 Uhr

Nie mehrs und Niemals

von: Lapared

Seitdem... ja, seit was? Ich würde gerne darüber hinweg hoppeln mit einem netten lchenhaften Zynis-chen (die kleine Schwester vom Zynismus). Oder gepanzert darüber hinwegrollen mit einer lpunkttypischen Fäkalkombination. Ich würde gerne schreiben: Seit dem unerfreulichen Lakenvorfall oder… Seitdem er sein Alkoholproblem so sinnfällig zum Ausdruck gebracht hat oder… seitdem er mir unsere rosige Zukunft vor bedauerlicherweise nicht mal die Füße gekotzt hat… Irgendwie sowas würde ich eigentlich gerne schreiben. Aber heute mal nicht.

Seitdem er in mein Bett erbrochen hat, habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich denke, er weiß, dass ich innerlich zum Aufbruch rüste, dass ich mit gepackten Koffern im Herzen auf ihn warte. Aber er kennt mich nicht. So schnell verduftet ein Lchen nicht. Er weiß nicht, wie lang, wie unendlich geduldig ich auf schwerem Gepäck noch sitzen bleiben und warten und hoffen und glauben kann. Will.

Es sind die Für immers in solchen Koffern, die ich nicht im Stande bin zu tragen. Die Nie mehrs. Die krieg ich nicht gewuchtet, die sind einfach zu schwer für mich.

Papa ist Schuld. Ich hab´s mal erzählt, glaube ich... Wie er mich als Kind über ein Haar zu Tränen rühren konnte, das mir ausgefallen war. Ein langes, blondes Kinderhaar, dass jahrelang bei mir gewesen war, dass mit mir Radfahren gelernt hatte, mich beim ersten Schultag begleitet und all die schlimmen Zahnverluste mit mir durchgestanden hat... und nun lag es da verloren auf meinem Kopfkissen und ich beachtete es kaum. Ekelte mich sogar ein bisschen davor, weil man die Wurzel noch sah, mit der es so lange so treu an mir gehangen hatte. Bald würde es in Mamas dickem Staubsauger verschwinden und wir würden getrennt sein, für immer, würden uns nie mehr wieder sehen, das tapfere kleine Haar und ich. Ich könnt heute noch heulen.

Oder nach dem Urlaub. Am letzten Tag jedes Urlaubs ging Papa mit uns ans Meer um Abschied zu nehmen. Wir haben uns vom Wasser verabschiedet, in dem wir so schön gebadet hatten, den Sandkörnchen, auf denen wir gelegen hatten, wir haben uns von unserem blau-gelben Sonnenschirm verabschiedet, der uns zwei Wochen vor der heißen Sonne beschützt hatte, ab morgen würde er anderen Menschen gehören. Wir haben uns von allem und jedem verabschiedet, denn wir wussten, wir würden dies alles nie mehr wieder sehen. Weil das Hotel beschissen gewesen war, das Essen Mist, das Wetter Kacke, der Strand voll Dreck, garantiert würden wir hier nicht noch mal hinfahren. Nie mehr? NIE MEHR?

Papa hatte da so einen "Tick". Ich glaube, es kam weil er seine Eltern verloren hatte, ohne Abschied zu nehmen. Sie gingen aus dem Haus und kamen einfach nicht zurück. Es war Krieg, da kann das leicht passieren. Und vielleicht war das Letzte, das er zu ihnen gesagt hatte, ich krieg meine Schnürsenkel nicht zu oder ich muss mal oder Ihr seid gemein, ich will nicht zur Schule. Seitdem hatte Papa diesen "Tick".

Und nun hab ich ihn. Ausgewachsen zur Trennungsneurose. Ich kann nichts und niemanden loslassen. Und dass Papa Schuld ist, hilft kein Stück.

Am schlimmsten war es bei Dick. Weil er so weit weg wohnt. Weil ich wusste, ich werde ihn aus den Augen verlieren. Diesen Menschen, in dessen Armen ich geschlafen hatte, dessen Herz ich gehört habe, dessen Gesicht ich gehalten hatte, ich wusste, ich werde ihn vielleicht nie wieder sehen, ich, die ich schon um ein Haar im Waschbecken, um ein Sandkorn an irgendeinem Scheißstrand heulen kann, NIE MEHR? Bei Dick wog das Nie mehr am schwersten. Seine Endgültigkeit war umständehalber am endgültigsten und beinahe unerträglich, fast wie ein Tod. Zu melodramatisch? Denken Sie an das Haar, denken Sie an das Sandkorn.

Andererseits war es ja auch gut, dass ich so manches Sandkorn nie wieder gesehen habe. Denn im nächsten Sommer fuhren wir an einen neuen Strand, ein neues Meer, lernten neue Sandkörnchen kennen, die viel schöner waren. Ohne Hundepisse, ohne all die Kaugummis dazwischen, ganz weiß, ganz fein, wunderschöne Sandkörnchen, was, wenn wir nicht dorthin gefahren wären, sondern immer wieder an den überfüllten, italienischen Kackstrand mit den unzähligen blau-gelben Schirmen? Dann hätte ich all diese herrlich weißen, wirklich komfortablen Sandkörner niemals kennen gelernt, NIEMALS. Ein Gedanke, der eigentlich fast noch schlimmer ist.

Und so versuche ich mich innerlich zu rüsten und auch ein paar Niemals mitzunehmen.

Ich weiß, wenn ich HK verlasse, gibt es viele traurige Nie mehrs. Aber auch ein paar ebenso bedauerliche Niemals. Niemals unbeschwert auf eine Party gehen… niemals Sex, ohne das ungute Gefühl, das wird wieder nix… niemals Kinder, obwohl ich gar nicht weiß, ob ich die noch haben will (aber sicher nicht mit einem Alkoholiker)… niemals sicher fühlen, auch wenn sicher nur eine Illusion ist (selbst wenn nicht Krieg ist), aber eine schöne, eine beglückende kleine Illusion… niemals den Mann treffen, den es vielleicht irgendwo noch gibt da draußen, und mit dem ich vielleicht glücklicher hätte sein können.

Ich nehme auch diese Niemals mit in mein Reisegepäck, denn sie wiegen die Nie mehrs ein bisschen wieder auf. In Gedanken zumindest. Denn sie sind ja keine Realität, diese Niemals, nur Möglichkeit. Aber immerhin... Möglichkeit.

Und trotzdem weiß ich, dass es noch eine Weile dauern wird, bis ich fertig zum Abmarsch bin. Vielleicht erst dann, wenn irgendeine dieser Möglichkeiten ein bisschen konkreter, ein bisschen greifbarer erscheint. Oder wie meine Schwester sagen würde: Geh zum Sport und guck Dir andere an. Jungs, die mehr auf isotonische Getränke stehen. Und wenn Du´s wirklich sicher haben willst, guck Dich selbst an. Du bist doch von allem noch die sicherste Nummer. Meine kluge Schwester...

(Puuuh, heute habe ich aber ganz schön auf die Tränendrüse gedrückt, wa? Aber so ist mir nun mal gerade, zum Heulen. Ich hoffe, selbstlos wie stets, Sie hatten trotzdem Spaß.
Und morgen lasse ich sicherheitshalber Curd Rock mal ran...)

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenPontifex schreibt am 06.02.2007 um 19:40 Uhr:*ufz* ...und Schweigen...
  2. zitierenDeli schreibt am 06.02.2007 um 19:46 Uhr:Normalerweise schreibe ich nix. Aber wäre zu schade, wenn *ufz* der einzige Kommentar dazu bliebe. Ich hab beides gehabt, Spaß und dicken Kloß im Hals.
  3. zitierenLexonie schreibt am 06.02.2007 um 20:14 Uhr:Tränendrüse weniger, Beklemmungsmuskel schon eher. Wenn ich den Standpunkt nicht mehr vetreten kann, kann man mir ja den Konjunktiv der Realität ja postmortum hinter den Grabstein stecken. Da ich wohl beim Genuss eines Powerdrinks, von dem Erbsenhirn eines Muckybudenkonsumenten gefallen bin und mit dem Schläfenbein gegen die Srunglatte eines Zehnkämpfers geknallt bin. Grüß mal Deinen Indianer.
  4. zitierensimetra schreibt am 07.02.2007 um 09:30 Uhr:ach, werte frau lchen, das ist halt immer so eine sache mit dem aufwiegen von "nie mehr" gegen "niemals". da möchte ich nicht in ihrer haut stecken und abwägen müssen. aber letztendlich ergibt es sich von selbst, man driftet auf einen punkt zu, an dem es nur noch eine entscheidung geben kann.

    ach was blödes gelaber, ich bin nicht gut darin, mich auszudrücken oder gute ratschläge zu geben. nur so viel: ich fühle mit ihnen.
  5. zitierenElRayo schreibt am 07.02.2007 um 17:27 Uhr:......

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