Anleitung zum Entlieben

06.12.2009 um 15:09 Uhr

Nikolaus mit Lchen

von: Lapared

Wenn Ende Dezember in meinen Haus wieder der „Nachbar des Jahres“ gewählt wird, rechne ich mir Chancen aus. Mein Bild würde dann in einem Rahmen unten im Hausflur hängen wie das des „Mitarbeiters des Monats“ im McDonalds-Restaurant. Ein liebenswerter kleiner Brauch der hiesigen Hausgemeinschaft zur Förderung eines besseren nachbarschaftlichen Miteinanders, eine Würdigung sozialen Verhaltens unterm eigenen Dach. Ich würde Heidi ablösen, die im Vorjahr dafür geehrt wurde, dass sie auf die Fußmatte des alten Lubitsch* gekackt hat. Lubitsch ist seit Jahren der unbeliebteste Hausbewohner, weil er seine Kippen immer auf die (Holz!-)Treppe wirft. Und Heidi ist ein Dackel. Nach Heidi käme ich dann in den silbernen Wechselrahmen im Entrée neben den Briefkästen… Quatsch. Es gibt diesen Preis für nettes nachbarschaftliches Verhalten nicht, Lchen macht natürlich Spässchen. Aber, das möchte ich hier mal sagen: Ich hätte ihn verdient! Jawohl, das hätte ich.

Ich bin nämlich die hausinterne Packstation. Als fleißige kleine Küchentisch-Autorin trifft der DHL-Bote mich quasi immer (immer!) zuhause an. Und übergibt mir die Päckcken, für die meine werktätigen Mitbewohner sonst in ihrer knappen Freizeit zur Post pilgern müssten. Am Anfang waren es vielleicht zwei Päckchen pro Woche. Doch mittlerweile shoppt selbst die achtzigjährige Frau Brandes* lieber im Internet, regelmäßig nehme ich für sie Post aus „seniorenland.com“ entgegen (sie selbst hört angeblich die Türklingel nicht). Und jetzt im Weihnachtstrubel sind reale Kaufhäuser erst recht keine Option mehr, vom Christstollen bis zur klappbaren Nordmann-Tanne inklusive Kugeln lassen sich alle alles stressfrei an die Tür liefern. An meine. Bis zu fünf Päckchen landen jetzt in der Päckchenhochsaison jeden Tag bei mir. Und abends, wenn die Werktätigen von der Arbeit oder der Betriebs-Weihnachtsfeier wieder eintrudeln, ist bei Frau Lpunkt Bimmelstunde. Päckchenausgabe. ("Ach wo, ich war noch nicht im Bett, ich trage den ganzen Tag Pyjama.") Hätte ich den Preis als „Netteste Nachbarin“ verdient oder hätte ich ihn verdient? Stattdessen...

Stattdessen wurde ich heute gerügt. Weil ich einmal, einmal nicht zuhause war. Wenn ich ein Päckchen annehmen würde, müsse ich auch gewährleisten können, dass der Besitzer es abholen könne. Fand Jette Schmidtmann*, die Mutter von Pelle Schmidtmann*, die mich gestern Abend ausnahmsweise nicht angetroffen hatte, und deshalb heute morgen nichts hatte, um Pelles Stiefel adäquat damit zu füllen. Ähh… nun… Mandarinen? Nüsschen? Ich war baff.

„Man konnte sich doch denken, dass ein Paket, das am 5. Dezember von mytoys kommt, ein Nikolausgeschenk sein muss“, lächelte sie mich dünn an. „Hätten Sie es nicht vielleicht vorbeibringen können, bevor Sie gestern Abend losgezogen sind?“

Losgezogen, verstehe. Und ich hatte ehrlich gesagt auch gar nicht auf den Absender geguckt. Frau Schmidtmann war noch nicht fertig.

„Aber wer keine Kinder hat, denkt wahrscheinlich nicht so weit.“

Das ist der Dank.

„Es ist doch heute noch den ganzen Tag Nikolaus“, wandte ich zaghaft ein und übergab ihr das Paket, dass ich gestern Vormittag für sie angenommen hatte. Als ich noch von einer Auszeichnung als „Netteste Nachbarin“ träumte.

„Der Nikolaus kommt nachts“, belehrte sie mich sanft. „Nachts. Sie hätten das enttäuschte Gesicht meines Sohnes heute Morgen nach dem Aufstehen sehen sollen!“

Auweia. Weihnachtszeit mit Lchen. Gebäck aus dem Internet und enttäuschte Kinderaugen.

„Ihr Sohn malt Geschlechtsteile in den Hauseingang“, wärmte ich - in die Enge getrieben - eine alte Geschichte auf, „und Sie wollen mir erzählen, dass er noch an den Nikolaus glaubt?“

„Er ist Fünf!“

„Höchste Zeit, ihn auf die Realität vorzubereiten! Es gibt keinen Nikolaus, sagen Sie ihm das, bevor es ein anderer tut. Es gibt nur die freundliche Nachbarin Frau Lpunkt, die so nett war, das Päckchen entgegenzunehmen! Immerhin!"

„Mama?“ Ein verstörtes Stimmchen flatterte durchs Treppenhaus. Und kurz darauf lukte Pelle über den Treppenabsatz. "Hi Pelle, was macht die Kunst?" Ich biss mir auf die Lippe. Seine Mutter riss mir das Paket aus der Hand. „Dankeschön, Frau Lpunkt. Frohes NIKOLAUS-Fest!“

Ich fürchte, ich werde Heidi, die Dackeldame, nie beerben. Schade.

*Namen selbstverständlich geändert. Ich bin eine nette Nachbarin. So.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenZauberbonita schreibt am 06.12.2009 um 16:43 Uhr:Wie wär's mit "Familie Schmidtmann auf die Fußmatte kacken"?
    :-D
    Hat doch beim Dackel auch funktioniert, macht beliebt und bekannt... Und hat zugleich den Effekt, dass Frau Schmidtmann in Zukunft keine Päckchen mehr nach Hause liefern lässt.

    Eine schönen 2. Advent wünscht aus Aachen
    die Zauberbonita
  2. zitierenFrederick schreibt am 06.12.2009 um 19:29 Uhr:Oh man, Frau Schmidtmann wird bestimmt nie Nachbarin des Monats ;) Wieso bestellt man so was auch? Gibts nicht Toys`R Us oder so?
  3. zitierenameliese schreibt am 06.12.2009 um 19:33 Uhr:lpunkt, du bist nicht allein.
    als diplomschreibende studentin ist man auch ständig zu haus. weil zu faul in die bibliothek zu fahren oder zu lange geschlafen als das ersteres noch lohnen würde. was sich immer lohnt, da willkommene abwechslung im tristen alltag: morgens mit einem cappuccino auf die post warten. im moment beherberge ich drei pakete meiner nachbarn, zwei von amazon für den fleißigen mediziner unterm dach und ein großes für meine liebe türantürnachbarin, was rasselt und klirrt wenn mans schüttelt(ich hoffe es ist kein teeservice). ich warte nicht auf auszeichnung, ich helfe nur gern.
    aber als diplomschreibende stundentin geht man auch gerne abends um die ecke ein bier trinken. aus frust und gegen die schreibblockade. und so. deswegen harren die amazonpaketchen auch schon fünf tage im meinem flur aus. ich hoffe ich bekomme keine unschöne standpauke im türrahmen.
  4. zitierenNugget schreibt am 07.12.2009 um 06:53 Uhr:Hallo Frau L.,
    vor zwei oder drei Wochen habe ich dein Blog entdeckt und seitdem eigentlich meine ganze Freizeit ins Lesen gesteckt. Spannend! Ans Herz gehend! Und so wahr!
    Ich hatte auch mal einen Dick und einen "halben" 119, und meine Freundin auch. (Ich habe ihr den Link zu deinem Blog geschickt.) Und dann auch noch Paderborn! Linnemann!
    Es war schön, deine Geschichte zu lesen und mitzufiebern. Ich bin froh, dass du die ganzen blöden Kerle gut überstanden hast und jetzt Buch- und Stofftierautorin bist.
    Meinem Mann habe ich zwischendurch immer wieder mal einen Blogeintrag vorgelesen (er hatte eine Knie-OP und kann mit den Krücken nicht schnell genug abhauen. Harhar), und er fand's auch witzig. (Und auch ein bisschen schockierend. Ich glaube, als Mann fehlt einem das Bewusstsein fürs Zyklische und für tendenziell selbstzerstörerisches Verhalten.) Jedenfalls bin ich mir ziemlich sicher, dass ich zu Weihnachten jetzt entweder eine Uglydoll bekomme (wahrscheinlich "OX") oder einen Stepper oder Teil 1 und 2 der Anleitung zum Entlieben in der Printversion.
    Wie auch immer.
    Alles Gute dir und den deinen und Toitoitoi!
  5. zitierenClaudia Toman schreibt am 07.12.2009 um 08:00 Uhr:Da hilft nur eines: Schreiben im Café! Habe beste Erfahrungen damit. Das nette ältere Ehepaar im gleichen Stockwerk ist ja ohnehin immer daheim, um meine Amazon Päckchen anzunehmen. ;-)
    lg Claudia
  6. zitierenHedera schreibt am 07.12.2009 um 10:01 Uhr:Lieber Curd, liebes Lchen, die Geschichte = wie immer wunderbar. Leider ist Curd Junior heute nacht aus dem Bett meiner Tochter gefallen, getan hat er sich aber - so sagt sie - nichts. War wohl ein bissi aufgeregt der Kleine, obwohl er neben "Hugo" gelegen hat, seit 16 Jahren das Lieblingskuscheltier meiner Tochter...er war also nicht allein - und Bettchem ist auch gamz niedrig, versprochem!!!! Bildchen folgt noch!
    lg
    Hedera
  7. zitierenlotti schreibt am 07.12.2009 um 10:24 Uhr:Hallo Lchen!
    Ja und nun mal die andere Seite: mein Kioskbesitzer umme Ecke ist auch immer so freundlich und nimmt alle eingepackten Mammute an. Da dacht ich mir: Machst ihm mal ne feine Freunde und schenkst ihm ein paar leckkere selbst gebackene Plätzchen (ausgestochen mit den tollen Elch-Förmchen, selbstverständlich auch bei amazon bestellt :*)). Fix noch in ein tolles Tütchen, mit Schleife!!!. Flitze runter und übergebe ihm mein Präsent. Was meint er? Im ganz argwöhnischen Ton: "Was ist DAS denn? ich:" Ein kleines Dankeschön für das Annehmen der Päckchen... Er: "Aha!" !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Kein Danke, nix! So und wer wird jetzt liebste Nachbarin, wo gibt? Unglaublich!!!
  8. zitierenHamburgerSonne schreibt am 07.12.2009 um 18:59 Uhr:Liebe Lchen,
    wenn du das nächste Mal bei der Post bist, bringe doch ein paar Werbeflyer der Packstation mit und wirf sie deinen Nachbarn in den Briefkasten!
    Ich liebe das Ding, da ich auch selten zu Hause bin und meine Nachbarin immer mäkelt, wenn sie etwas annehmen muss. Die Packstation hat Tag und Nacht auf und z.B. Amazonpakete sind spätestens 30 Stunden nach der Bestellung zur Abholung bereit!
    LG deine HamurgerSonne
  9. zitierenKiritani schreibt am 07.12.2009 um 19:04 Uhr:Ach ja, die lieben Eltern, die ihre Kinder schon zum Nikolaus mit Spielzeug zustopfen. Ich staune immer wieder, was die Kinder nach dem Nikolausfest mit in den Kindergarten bringen.
    Früher gab es höchstens eine Kassette oder ein Pixibüchlein und dazu etwas Schokolade und Mandarinen, Äpfel und Nüsse.
    Aber heute werden die Stiefelvollgestopft und was nicht mehr hinein passt, wird - ja nach Größe - da neben gestellt oder der Stiefel kommt auf das 'Paket'. Furchtbar.

    Aber Lchen mach dir nichts draus, mein 'Nachbar des Jahres' Preis rückt auch immer in die Ferne, wenn das Jahr endet.
    Wir haben einen riesigen Hof und ein freistehendes Haus. Auf unserem Hof stehen 10 Garagen, da die restlichen Häuser in der traße Mehrfamilienhäuser sind. Und wenn es schneit, schaufle ich gemeinsam mit meinem kleinen Bruder den Hof und die Garagen frei und obwohl alle wissen, dass man es war, weil man noch am schaufeln ist, bedankt sich keiner! Damnächst lasse ich den Schnee einfach liegen und dann können die sehen, wie die aus ihren Garagen kommen. Bin schließlich nicht dazu verpflichtet. Pah!
  10. zitierengutefee schreibt am 07.12.2009 um 19:09 Uhr:oh wei...da hat der arme pelle sein nikolausgeschenk wohl etwas verspätet bekommen. muss er wohl durch. währe sie wohl doch besser zu toys´r us gegangen. (sage ich TROTZ kind)
    was wäre denn passiert wenn niemand das paket angenommen hätte? dann hätte sie wohl zur nächsten annahmstelle spazieren müssen - und dort kann man die pakete meistens auch erst am nächsten tag abholen. somit hätte pelle sein geschenkt erst nach nikolaus bekommen. spätestens dann hätte er gewusst das es den nikolaus nicht gibt. SO!
  11. zitierenClaudia Toman schreibt am 08.12.2009 um 00:42 Uhr:Pelle zu Mami, nachdem er sein Nikolauspaket bekommen hat: "Duhu, Mami, heißt der Nikolaus wirklich Mytoys mit Nachnamen? Und seit wann wohnt er denn mit Frau LPunkt zusammen?"
    ;-)
  12. zitierenBritt schreibt am 08.12.2009 um 15:00 Uhr:Ist denn das der Dank? Ich finde, du warst noch viel zu freundlich zu Frau Schmidtmann. Man möchte ihr am liebsten mal ein Paket mit einem seeeehr unangenehmen Inhalt schicken. Wenn du nächstens ein Paket annimmst, stell's dem Empfänger einfach vor die Tür, so mach ich's immer.
    Und scheiß auf den Preis (das reimt sich und was sich reimt ist wahr!)
    Im kommenden Jahr winken noch andere Preise. Bessere!
    Viel bessere!
    Nachbarschaftspreis - phhhh! Wer braucht den schon? (Wobei der Dackel ihn verdient hatte!)
  13. zitierenPe67 schreibt am 08.12.2009 um 23:19 Uhr:Meine Nachbarn kommen einfach nie von sich aus vorbei, um sich ihren Krempel abzuholen. Jedes Mal nehme ich mir vor, für DIE nichts mehr entgegenzunehmen. Aber wenn dann der Paketbote wieder vor der Tür steht mit seinem flehenden Augenaufschlag "Chefin, nimmst Du bitte, bitte Päckchen für blöde Nachbarn???", dann kann ich irgendwie nicht Nein sagen. :-) Keiner sonst nennt mich Chefin - mit solchen Kleinigkeiten kann man "Nur-Hausfrauen" weichkochen.
  14. zitierenDie online-shoppende Nachbarin schreibt am 09.12.2009 um 19:17 Uhr:Ich gehöre leider zu der ewig abwesenden Bevölkerungsgruppe, deren Arbeitszeiten sich mit denen sämtlicher Paketbote jeglicher Paketdienste deckt. Und da ich in der tiefsten ostwestfälischen Provinz zwar einen Internetzugang, aber keine Packstation zur Verfügung habe, ist jede Bestellung mit der spannenden Frage, wo der Bote sich diesmal erleichtert, verbunden. In der Regel erfahre ich erst von der Auslieferung, wenn der freundliche, seine volltrunkene Nachbar auf altersschwachen Beinen vor der Haustür steht - gerne auch mit einem 10-Kilo-Sack Katzenfutter oder dem 14cm-Vollholz-Kratzbaum. Vielen Dank, lieber Paketbote, das fördert eine gute Nachbarschaft! Wenigstens müssen die Damen in der nahegelegenen Postagentur meine schweren Pakete nicht heben... Liebe Nachbarinnen des Jahres, Chefinnen und volltrunkene Rentner, habt Dank!!! Was wären die Paketboten und Posttanten ohne Euch? Liebe Deutsche Post, gönn uns Dörflern doch bitte eine Packstation!
  15. zitierenmuckelul schreibt am 10.12.2009 um 22:11 Uhr:Geniale Idee: Mieter des Monats, unserer MdM; klingt fast wie MdB!!! Sollte ich anregen, denn genauso eine Packstation fehlt noch in unserem Haus!!! Speziell natürlich für mir!!!!!

    Mal wieder ein geistreicher, literarisch toller und überdies witziger Beitrag!
  16. zitierenthomasde schreibt am 13.12.2009 um 23:12 Uhr:Bezüglich Nikolaus: Natürlich lebt der Nilolaus nicht mehr. Ich denke mir nur manchmal, dass es auch ganz sinnvoll wäre, auch kleie Kinder darüber aufzuklären, wer der Nikolaus war, und warum wir seiner heute noch gedenken. Dann würden vielleicht auch die Kinderaugen nicht immer so traurig schauen.
  17. zitierenbluemchen76 schreibt am 16.12.2009 um 00:15 Uhr:lustig, das kenn ich...als zeitungsidiot (ich kann von briefmarkenausstellungen bis obst und gartnbauverein inzwischen alles!) sitze ich auch meist zuhause am PC...und JA, ich rage mindesten bis 14 uhr pyjama. die päckchen die bei mir ankommen (von mindestens 3 verschiedenen paketdiensten täglich) sind meistens für die aeltere fraktion im haus und fast alle von HSE24 oder QVC :-)
    PS: mein schwuler löwe bedankt sich , dass er dank dir endlich im internet zu finden ist.
  18. zitierenAndreaken schreibt am 10.01.2010 um 17:09 Uhr:Wie unverschämt von deiner Nachbarin. Die spinnt wohl. Betsellt das Geschenk nur einen Tag vor Nikolaus - ist bei Zustellung nicht zu hause - und pupt Dich dann an? Pfui, die soll sich was schämen! Ich finds supernett, wenn Nachbarn für mich Pakete entgegennehmen.

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