Nikolaus mit Lchen
Wenn Ende Dezember in meinen Haus wieder der „Nachbar des Jahres“ gewählt wird, rechne ich mir Chancen aus. Mein Bild würde dann in einem Rahmen unten im Hausflur hängen wie das des „Mitarbeiters des Monats“ im McDonalds-Restaurant. Ein liebenswerter kleiner Brauch der hiesigen Hausgemeinschaft zur Förderung eines besseren nachbarschaftlichen Miteinanders, eine Würdigung sozialen Verhaltens unterm eigenen Dach. Ich würde Heidi ablösen, die im Vorjahr dafür geehrt wurde, dass sie auf die Fußmatte des alten Lubitsch* gekackt hat. Lubitsch ist seit Jahren der unbeliebteste Hausbewohner, weil er seine Kippen immer auf die (Holz!-)Treppe wirft. Und Heidi ist ein Dackel. Nach Heidi käme ich dann in den silbernen Wechselrahmen im Entrée neben den Briefkästen… Quatsch. Es gibt diesen Preis für nettes nachbarschaftliches Verhalten nicht, Lchen macht natürlich Spässchen. Aber, das möchte ich hier mal sagen: Ich hätte ihn verdient! Jawohl, das hätte ich.
Ich bin nämlich die hausinterne Packstation. Als fleißige kleine Küchentisch-Autorin trifft der DHL-Bote mich quasi immer (immer!) zuhause an. Und übergibt mir die Päckcken, für die meine werktätigen Mitbewohner sonst in ihrer knappen Freizeit zur Post pilgern müssten. Am Anfang waren es vielleicht zwei Päckchen pro Woche. Doch mittlerweile shoppt selbst die achtzigjährige Frau Brandes* lieber im Internet, regelmäßig nehme ich für sie Post aus „seniorenland.com“ entgegen (sie selbst hört angeblich die Türklingel nicht). Und jetzt im Weihnachtstrubel sind reale Kaufhäuser erst recht keine Option mehr, vom Christstollen bis zur klappbaren Nordmann-Tanne inklusive Kugeln lassen sich alle alles stressfrei an die Tür liefern. An meine. Bis zu fünf Päckchen landen jetzt in der Päckchenhochsaison jeden Tag bei mir. Und abends, wenn die Werktätigen von der Arbeit oder der Betriebs-Weihnachtsfeier wieder eintrudeln, ist bei Frau Lpunkt Bimmelstunde. Päckchenausgabe. ("Ach wo, ich war noch nicht im Bett, ich trage den ganzen Tag Pyjama.") Hätte ich den Preis als „Netteste Nachbarin“ verdient oder hätte ich ihn verdient? Stattdessen...
Stattdessen wurde ich heute gerügt. Weil ich einmal, einmal nicht zuhause war. Wenn ich ein Päckchen annehmen würde, müsse ich auch gewährleisten können, dass der Besitzer es abholen könne. Fand Jette Schmidtmann*, die Mutter von Pelle Schmidtmann*, die mich gestern Abend ausnahmsweise nicht angetroffen hatte, und deshalb heute morgen nichts hatte, um Pelles Stiefel adäquat damit zu füllen. Ähh… nun… Mandarinen? Nüsschen? Ich war baff.
„Man konnte sich doch denken, dass ein Paket, das am 5. Dezember von mytoys kommt, ein Nikolausgeschenk sein muss“, lächelte sie mich dünn an. „Hätten Sie es nicht vielleicht vorbeibringen können, bevor Sie gestern Abend losgezogen sind?“
Losgezogen, verstehe. Und ich hatte ehrlich gesagt auch gar nicht auf den Absender geguckt. Frau Schmidtmann war noch nicht fertig.
„Aber wer keine Kinder hat, denkt wahrscheinlich nicht so weit.“
Das ist der Dank.
„Es ist doch heute noch den ganzen Tag Nikolaus“, wandte ich zaghaft ein und übergab ihr das Paket, dass ich gestern Vormittag für sie angenommen hatte. Als ich noch von einer Auszeichnung als „Netteste Nachbarin“ träumte.
„Der Nikolaus kommt nachts“, belehrte sie mich sanft. „Nachts. Sie hätten das enttäuschte Gesicht meines Sohnes heute Morgen nach dem Aufstehen sehen sollen!“
Auweia. Weihnachtszeit mit Lchen. Gebäck aus dem Internet und enttäuschte Kinderaugen.
„Ihr Sohn malt Geschlechtsteile in den Hauseingang“, wärmte ich - in die Enge getrieben - eine alte Geschichte auf, „und Sie wollen mir erzählen, dass er noch an den Nikolaus glaubt?“
„Er ist Fünf!“
„Höchste Zeit, ihn auf die Realität vorzubereiten! Es gibt keinen Nikolaus, sagen Sie ihm das, bevor es ein anderer tut. Es gibt nur die freundliche Nachbarin Frau Lpunkt, die so nett war, das Päckchen entgegenzunehmen! Immerhin!"
„Mama?“ Ein verstörtes Stimmchen flatterte durchs Treppenhaus. Und kurz darauf lukte Pelle über den Treppenabsatz. "Hi Pelle, was macht die Kunst?" Ich biss mir auf die Lippe. Seine Mutter riss mir das Paket aus der Hand. „Dankeschön, Frau Lpunkt. Frohes NIKOLAUS-Fest!“
Ich fürchte, ich werde Heidi, die Dackeldame, nie beerben. Schade.
*Namen selbstverständlich geändert. Ich bin eine nette Nachbarin. So.

:-D
Hat doch beim Dackel auch funktioniert, macht beliebt und bekannt... Und hat zugleich den Effekt, dass Frau Schmidtmann in Zukunft keine Päckchen mehr nach Hause liefern lässt.
Eine schönen 2. Advent wünscht aus Aachen
die Zauberbonita
als diplomschreibende studentin ist man auch ständig zu haus. weil zu faul in die bibliothek zu fahren oder zu lange geschlafen als das ersteres noch lohnen würde. was sich immer lohnt, da willkommene abwechslung im tristen alltag: morgens mit einem cappuccino auf die post warten. im moment beherberge ich drei pakete meiner nachbarn, zwei von amazon für den fleißigen mediziner unterm dach und ein großes für meine liebe türantürnachbarin, was rasselt und klirrt wenn mans schüttelt(ich hoffe es ist kein teeservice). ich warte nicht auf auszeichnung, ich helfe nur gern.
aber als diplomschreibende stundentin geht man auch gerne abends um die ecke ein bier trinken. aus frust und gegen die schreibblockade. und so. deswegen harren die amazonpaketchen auch schon fünf tage im meinem flur aus. ich hoffe ich bekomme keine unschöne standpauke im türrahmen.
vor zwei oder drei Wochen habe ich dein Blog entdeckt und seitdem eigentlich meine ganze Freizeit ins Lesen gesteckt. Spannend! Ans Herz gehend! Und so wahr!
Ich hatte auch mal einen Dick und einen "halben" 119, und meine Freundin auch. (Ich habe ihr den Link zu deinem Blog geschickt.) Und dann auch noch Paderborn! Linnemann!
Es war schön, deine Geschichte zu lesen und mitzufiebern. Ich bin froh, dass du die ganzen blöden Kerle gut überstanden hast und jetzt Buch- und Stofftierautorin bist.
Meinem Mann habe ich zwischendurch immer wieder mal einen Blogeintrag vorgelesen (er hatte eine Knie-OP und kann mit den Krücken nicht schnell genug abhauen. Harhar), und er fand's auch witzig. (Und auch ein bisschen schockierend. Ich glaube, als Mann fehlt einem das Bewusstsein fürs Zyklische und für tendenziell selbstzerstörerisches Verhalten.) Jedenfalls bin ich mir ziemlich sicher, dass ich zu Weihnachten jetzt entweder eine Uglydoll bekomme (wahrscheinlich "OX") oder einen Stepper oder Teil 1 und 2 der Anleitung zum Entlieben in der Printversion.
Wie auch immer.
Alles Gute dir und den deinen und Toitoitoi!
lg Claudia
lg
Hedera
Ja und nun mal die andere Seite: mein Kioskbesitzer umme Ecke ist auch immer so freundlich und nimmt alle eingepackten Mammute an. Da dacht ich mir: Machst ihm mal ne feine Freunde und schenkst ihm ein paar leckkere selbst gebackene Plätzchen (ausgestochen mit den tollen Elch-Förmchen, selbstverständlich auch bei amazon bestellt :*)). Fix noch in ein tolles Tütchen, mit Schleife!!!. Flitze runter und übergebe ihm mein Präsent. Was meint er? Im ganz argwöhnischen Ton: "Was ist DAS denn? ich:" Ein kleines Dankeschön für das Annehmen der Päckchen... Er: "Aha!" !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Kein Danke, nix! So und wer wird jetzt liebste Nachbarin, wo gibt? Unglaublich!!!
wenn du das nächste Mal bei der Post bist, bringe doch ein paar Werbeflyer der Packstation mit und wirf sie deinen Nachbarn in den Briefkasten!
Ich liebe das Ding, da ich auch selten zu Hause bin und meine Nachbarin immer mäkelt, wenn sie etwas annehmen muss. Die Packstation hat Tag und Nacht auf und z.B. Amazonpakete sind spätestens 30 Stunden nach der Bestellung zur Abholung bereit!
LG deine HamurgerSonne
Früher gab es höchstens eine Kassette oder ein Pixibüchlein und dazu etwas Schokolade und Mandarinen, Äpfel und Nüsse.
Aber heute werden die Stiefelvollgestopft und was nicht mehr hinein passt, wird - ja nach Größe - da neben gestellt oder der Stiefel kommt auf das 'Paket'. Furchtbar.
Aber Lchen mach dir nichts draus, mein 'Nachbar des Jahres' Preis rückt auch immer in die Ferne, wenn das Jahr endet.
Wir haben einen riesigen Hof und ein freistehendes Haus. Auf unserem Hof stehen 10 Garagen, da die restlichen Häuser in der traße Mehrfamilienhäuser sind. Und wenn es schneit, schaufle ich gemeinsam mit meinem kleinen Bruder den Hof und die Garagen frei und obwohl alle wissen, dass man es war, weil man noch am schaufeln ist, bedankt sich keiner! Damnächst lasse ich den Schnee einfach liegen und dann können die sehen, wie die aus ihren Garagen kommen. Bin schließlich nicht dazu verpflichtet. Pah!
was wäre denn passiert wenn niemand das paket angenommen hätte? dann hätte sie wohl zur nächsten annahmstelle spazieren müssen - und dort kann man die pakete meistens auch erst am nächsten tag abholen. somit hätte pelle sein geschenkt erst nach nikolaus bekommen. spätestens dann hätte er gewusst das es den nikolaus nicht gibt. SO!
;-)
Und scheiß auf den Preis (das reimt sich und was sich reimt ist wahr!)
Im kommenden Jahr winken noch andere Preise. Bessere!
Viel bessere!
Nachbarschaftspreis - phhhh! Wer braucht den schon? (Wobei der Dackel ihn verdient hatte!)
Mal wieder ein geistreicher, literarisch toller und überdies witziger Beitrag!
PS: mein schwuler löwe bedankt sich , dass er dank dir endlich im internet zu finden ist.