Anleitung zum Entlieben

22.05.2006 um 22:21 Uhr

Noch mal das Ganze… in vier Teilen: TEIL IV

von: Lapared

DANN HAT ER MICH NACH HAUSE GEFAHREN. Ich habe nichts mehr gesagt. Nur kurz vor der Blitzkiste: „Dreißig. Ich will kein Abschiedsfoto von der Polizei.“ Das fand ich originell, das wollte ich als Schlusswort eigentlich so stehen lassen. Aber ich sagte noch so viel, ich wurde noch so unoriginell in den darauffolgenden Stunden.

Er kam dann mit hoch und wollte noch „für mich da sein“. Er wollte mich, getreu meiner eigenen, zwei Tage zurückliegenden Eingabe, in den Armen halten und Abschied nehmen. Und – hier würde ich gerne wieder mal lügen, um selbst besser auszusehen - er hat mich gehalten und ansonsten nicht angefasst. Das nimmt die moderne Frau schließlich selbst in die Hand. Wie versprochen war ich endlich „lieb“, zum ersten und zum letzten Mal war ich so richtig lieb, ich hab alles gemacht, was er sich immer gewünscht hat.

Nicht sofort, versteht sich. Zunächst mal regte sich sich noch Restverstand. Dick, habe ich geflennt, Du musst gehen, Du musst. Wie soll ich das aushalten, eine Nacht in Deinen Armen und wissen, es ist die letzte? Bei jeder Berührung, bei jedem Blick, denken: das letzte Mal! Das letzte Glas Wasser, das er mir bringt, das letzte Ich liebe Dich, das er mir sagt. Selbst bei der Klospülung noch denken: lausche, er spült, das letzte Mal! Restverstand. Doch kaum, dass er weisungsgemäß gehen wollte hab ich gefleht, bleib, bleib noch einen Moment. Nur einen Moment. Bitte. Geh, aber um Himmels Willen bleib!

Ein klassischer Fall für Jungfrauen. Denn: Selbst in verzwicktester Lage findet die planvolle Jungfrau schnell eine Lösung. Jungfrau Lapared hat einfach drei Schlaftabletten genommen und Dick gebeten, sie noch so lange in seinen Armen zu halten, bis sie eingeschlafen ist. Und leise zu gehen, wenn sie es nicht mehr merkt. Grandios oder grandios?

Und so lag ich denn da, in seinen Armen, ein letztes Mal, und wartete auf den erlösenden Schlaf. Wartete. Und jedes Mal, wenn ich ihn kommen sah, bekam ich die kalte Panik. Ich hab mich an ihn geklammert und gesagt, Dick, ich habe Angst einzuschlafen, ich darf nicht einschlafen, ich darf nicht einschlafen, denn wenn ich aufwache, bist Du nicht mehr da. Tja, so war er, der grandioser Jungfrauen-Plan.

Ich bin wach geblieben, stundenlang habe ich einfach bei ihm gelegen und bin wach geblieben. Hab die Augen aufgerissen und ihn angesehen. Das letzte Mal. Und als Gucken nicht mehr reichte, habe ich gedacht, ein bisschen Aktivität hält wach, habe mich ausgezogen, habe ihn ausgezogen und mich frisch ans Werk gemacht.

Hab ich mich ins Zeug gelegt, in dieser Nacht! Ich habe alles gemacht, von Pömps (geht doch!) bis Nackenkraulen, und die diversen Extras dazwischen, schluchzend, das hält wach. Und zwischendurch hörte ich ihn auf dem Klo mit seiner Frau telefonieren.

Es war krank, wir waren so krank, ich habe gekotzt und er bekam Durchfall, auch hübsch intim, wenn man Seite an Seite über den Schlüsseln hängt. Wenn er dir die Haare im Nacken zusammen hält und Du ihm, weil das Papier alle ist, feuchte Handtücher reichst. Und wie hatte er sich damals schon gefreut, als ich es schaffte, in seiner Gegenwart zu pinken! Intimität, hurra, endlich Intimität! Es muss das Paradies für ihn gewesen sein, diese Nacht. Ich hab alles gemacht, Gott, war ich intim in dieser Nacht. Und immer wieder hab ich gedacht, Mensch Lapared, was hast Du als Kind verbrochen, wofür Du Dich Dein Leben lang bestrafen musst? Deine Quietschente erwürgt?

Den tragischen Höhepunkt möchte ich nicht vorenthalten. In jedem Film wäre er brüllend komisch.

In der Vergangenheit nicht gerade ein feuriger Bläser, dachte ich, auch da könntest du noch mal zeigen, was Du kannst, Lapared. Eigentlich bin ich in dieser Hinsicht gerne zurückhaltend, und zudem behindert, meine Backenknochen sitzen nicht sehr fest aufeinander, Folge stundenlanger Zahnarztsitzungen, die ich schon ich in frühester Jugend wegen einer wissenschaftlich ziemlich sensationellen Zahndegeneration regelmäßig auf dem Kalender hatte (aber dafür sieht man davon heute nichts!). Also, Blasen eigentlich eher nicht, aber was soll´s, zur Feier des Tages! Und zack, verkeilt sich mein Kiefer und ich kriege den Mund nicht mehr zu. Mahlzeit. Dick wollte schon den Notarzt rufen, denn es tat, das konnte ich nicht verbergen, höllisch weh, und erst ein gezielter Kinnhaken, den ich mir selbst verpasst habe, natürlich selbst, ich bin´s doch, Lapared, blieb mir wenigstens diese Unannehmlichkeit erspart. Glück im Unglück, immerhin. Komisch oder komisch?

Ich jedenfalls habe danach gelacht. Wir haben gelacht. Das einzige Mal in dieser Nacht haben wir gelacht. Wir haben da gelegen und laut gelacht.

Bis Mittags des darauffolgenden 18. Juni ging die Quälerei weiter. Unendliche viele letzte Male. Und immer wieder mein Bitten: Dick, gib uns noch ein Chance! Lass es uns als die versuchen, die wir jetzt sind. - Nein, es geht nicht, wir verletzen uns, Du hast doch gerade gesehen, wie auch Du Dich verletzt, keiner verlässt für den anderen sein Haus.

Um 12.27 hat er meins verlassen.

Ich war nicht eingeschlafen, ich habe ihn weggeschickt. Nach vier Stunden Himmel und siebzehn Stunden, na sagen wir, ziemlich dem Gegenteil, habe ich ihn endlich weggeschickt. Ich bin vom Küchenboden, wo wir uns zuletzt hingelegt hatten, aufgestanden. Ich hab ihn zur Tür gebracht. Dann bin ich in die Küche zurück gegangen und habe mich wieder hingelegt. Wohin sonst, ins Bett? In dasselbe Bett? Die Parties enden immer in der Küche.

Geschlafen hab ich trotzdem nicht. Geschlafen hab ich erst, als meine Schwester da war. Sie ist nach der Arbeit losgefahren und war um Mitternacht am Ort des Verbrechens. Sie hat alle Spuren beseitigt, das Bett frisch bezogen, sich hineingelegt und ich hab mich dazugelegt. Sie hat nichts sonderlich Witziges gesagt, aber das kann ich in den nächsten Tagen ja erfinden. Worte - da wird der Zuschauersaal mir nach dieser kurzen, knackigen Schilderung eines ganz normalen Desasters erschöpft zustimmen - Worte hab ich selbst genug am Start.

Ach so. Und ab morgen arbeite ich übrigens wieder. Was hab ich gesagt, ich bin ein zähes Luder. Eine Woche arbeite ich und danach mach ich bis Juli frei, genieße den Sommer.

Ihr werdet schon sehen, Milliömchen, das mache ich. Und dieser Sommer wird schön.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenglimmerbox schreibt am 22.05.2006 um 23:16 Uhr:Ach mann, hör auf, ich muss gleich heulen..
  2. zitierenSASP schreibt am 22.05.2006 um 23:16 Uhr:Nun ja. Erst mal ist es gut, dass Du wieder etwas geschrieben hast. Zum zweiten muss ich sagen, dass es mir fast mit wehtut, das zu lesen, weil ich es gut nachfühlen kann. Scheiss Situation, Grenze zur Verzweiflung. Du hast Dir mit der Sache auch selbst noch einmal richtig wehgetan. Zeichen dafür, wie sehr Du fähig bist zu leiden.

    Wie gesagt, es war jedenfalls gut, überhaupt von Dir zu lesen. Ich hatte Deinen Eintrag unglücklicherweise 10 Minuten bevor ich heute morgen aus dem Haus musste entdeckt und nachdem ich schon oft geguckt hatte nach News, bin ich dann natürlich fast aus dem eh etwas wackligen Drehstuhl gekippt. Mit dem Ausdruck Deines Blogs und im Schnellschritt zum Bus bin ich dann aus dem Haus. Unglücklicherweise konnte ich bei dem Blogigoausdruck die letzten 3 Wörter immer nicht lesen, die dann meiner Phantasie überlassen blieben. Im Hörsaal angekommen klagte ich meinen Kommilitoninnen erstmal Dein Leid. Dann musste ich feststellen, dass ich nicht Deinen gesamten Bericht ausgedruckt hatte und saß somit bis 21 Uhr auf heißen Kohlen. Auch Dein Teil 4 hat irgendwie kein happy end gebracht. Traurig, manchmal komisch (wie wär\'s mit einer Verfilmung?), aber doch schon ziemlich schlimm. Vielleicht kannst Du ihn irgendwann als das selbstgerechte, butterweiche Arschloch sehen, dass er ist. Nicht Dein Format, ein Taugenichts, der sich von Mutti aushalten lässt. Na die Frau hat er auch schön verarscht und am Schluss ist sie die Angeschmierte. Dass Dich das nicht tröstet, weiß ich auch.
  3. zitierenBatou schreibt am 22.05.2006 um 23:24 Uhr:Deine Haltung ist wirklich bewundernswert. Eine kindische Frage, ich weiss, aber wie schaffst Du es, all das zu ertragen?
  4. zitierenAmster schreibt am 23.05.2006 um 00:01 Uhr:Du bist eine tapfere kluge Frau, find ich auch. Ja klar, eigentlich ist das alles nicht so schlimm, ganz \"normaler\" Liebeskummer, Du bist gesund, Du lebst, Du hast zu essen.. eigentlich sollte das mehr als glücklich und zufrieden machen. Jeden, der das hat. Aber so funktioniert das eben nicht. Man ist nicht bestimmt von dem, was man hat, sondern von dem, was man vermisst. Das ist ja der Mist. Und Liebe oder einen geliebten Menschen zu vermissen, ist so ziemlich das Schlimmste. He Laparedchen... lass Dich ruhig mal ein bisschen hängen. Du analysierst alles zu tapfer und versuchst gerecht zu sein. Sei auch einfach mal stinkwütend und ungerecht und schluchze, wenn Dir danach ist. Musst Du uns ja nichts von erzählen. Das spürt man auch zwischen Deinen wohlgesetzten Zeilen.
  5. zitierenglimmerbox schreibt am 23.05.2006 um 01:04 Uhr:Na, wenigstens passt der Titel deines Blogs jetzt wieder.



    Ich mag den Dick nicht, du aber schon, weil du ihn ja liebst und ich nicht, also hab ich leicht reden. Was ich sagen will: du solltest dir keine Vorwürfe machen, wer sich hier schofel benommen hat, steht doch außer Frage. Nicht du. Du hattest gerade alle deine Schofeligkeit überwunden, und dann das.



    Komisch, für 119 hatte ich immer noch Sympathien und der Männerhass mancher Kommentare hat mich damals genervt, aber hier hab ich kein Mitleid mit dem Käsemann. Das macht auch dieses pathetische Weicheigetue von ihm, 119 stand wenigstens zu seiner Schofeligkeit (tolles Wort, nicht?).



    Nimm das alles bloß nicht auf deine Kappe. Andere als du hätten jetzt schon jemand mit dem Käsemesser erdolcht. Ich zum Beispiel.








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