Anleitung zum Entlieben

22.05.2006 um 22:17 Uhr

Noch mal das Ganze… in vier Teilen. TEIL II

von: Lapared

Er sagte nichts. Er hat mich einfach nur in die Arme genommen und ich habe sein Hemd vollgeheult. „Hast Du wirklich geglaubt, das könnte ich?“ hat er gesagt und er hat mich gehalten, er hat mich so fest gehalten.

Wir sind dann ans Wasser gefahren. Er hat mich die Stufen zum großen Fluss runter getragen, getragen, den ramponierten Rest von mir, und ich hab mich festgehalten und als ich merkte, dass es ihm schwer wurde, Einszweiundsiebzig bleiben Einszweiundsiebzig, habe ich mich trotzdem weiter festgehalten und gelacht, tja, jetzt hast Du mich am Hals, hab ich gesagt, da haste den Salat.

Zwei Stunden haben wir dann im Sand an der warmen Mauer gesessen, in der Sonne, und haben nichts gesagt, uns nur festgehalten, jeder seinen Salat. Auf dem Weg dorthin - das klingt jetzt wie Groschenroman, welches Genre beherrsche ich Genie eigentlich nicht? – sind wir an der Stelle vorbeigekommen, an der ich vor nicht mal einem Jahr im Sommer noch mit 119 gewesen war, 119 und ich lagen, aber bitte ohne Körperkontakt, darauf stand er außerhalb des Geschlechtsakts nicht, in der Sonne, und haben jeder seine Zeitung gelesen. Und dann haben wir ein bisschen über die Sex and the City-Folge am Vorabend geredet und gelacht. Und schließlich fingen wir an über uns zu reden, und ich habe ihm trotz seiner Berührungsanimosität über die Stirn gestrichen und gesagt, dass wir nicht Carrie und Big sind, dass wir in der zweiten Staffel sind, und dass ihm klar sein muss, dass das die letzte sein wird, dass ich, falls sie zuende geht, endgültig aussteige, gehe, dass es keine sechs Staffeln geben wird für Lapared und 119. Dieselbe Karte, jetzt oder nie, damals hatte sie nicht gezogen.

Ich bin Hand in Hand mit Dick vorbeigegangen an dieser Stelle und ich habe lächelnd hingesehen, habe der alten Lapared mit der freien Hand zugewinkt und leise Tschüss gesagt, Tschüss, Du Verrückte, guck, so machen wir das jetzt. Ab jetzt sind wir glücklich.

Ich war im Himmel, ich lag eingekugelt in seinen Schoß, die Sonne wärmte mir den Rücken und seine Hände hielten mein Gesicht. Und ich dachte, das sind die glücklichsten Minuten deines Lebens. Ich dachte, dies ist einer der Momente, die du siehst, wenn der letzte Vorhang fällt und er wird Dich mit allem, allem versöhnen, allem, was war, allem, was vielleicht noch sein wird. Ich dachte auch, du musst gleich noch Brot kaufen und du musst den Zahnarzttermin morgen verschieben und du musst den Job nächste Woche absagen. Aber vor allem dachte ich, ker Laredchen, Du warst noch nie so glücklich. Ich war noch nie so glücklich.

Wir sind dann in den Sonnenuntergang spaziert, die Pferde hatten frei, Dick und Lapared sind tatsächlich in den Sonnengang spaziert. Eine langwierige Geschichte, denn alle fünfzehn Meter hielt Dick an und hat mich umarmt, Leute gingen vorbei, manche lächelten, andere, vor allem ältere Frauen, Frauen wie ich aber mit Hunden, guckten giftig. Tja, meine Damen, da stand es, das Glück, stand mitten auf dem an dieser Stelle nicht sehr breiten Gehweg und knutschte, Glück ist so ignorant. Ich dachte, da staunt Ihr, Ihr alten Schabracken, ich hab eine Gartenbank. Mit diesem Mann werde ich darauf sitzen. Händchenhaltend auf der Gartenbank. Und ich dachte noch mehr, ich dachte, beim nächsten Kuss-Stopp fragt er dich, beim nächsten Kuss-Stopp antworte ich: „Ja, mein Schatz, ja, hier auf der Stelle, und morgen backe ich Dir einen Käsekuchen mit Eisenpfeile und bringe ihn Dir in den Knast, wo Du wegen Polygamie einsitzt. Ja, dachte ich, für immer ja. Was auch nicht mehr ganz junge Schabracken so denken im Sonnenuntergang.

So. Und dann haben wir uns ganz oben auf die Aussichtsplattform gesetzt, und ich dachte, genau, so im Sitzen ist auch hübscher. Und wir schauten also in die Sonne und sie wurde immer kleiner und ich dachte plötzlich, warum sagt er eigentlich nichts. Und nur, um dem großen Versprechen rhetorisch ein bisschen Starthilfe zu geben, sagte ich mit geheucheltem Schmerz, denn alles in mir war Glück: „Schatz, das tust Du mir doch nie wieder an, oder, das muss ich nicht noch einmal durchmachen?

Er antwortete nicht. Guckte nur in die verschwindende Sonne. Ich suchte seine Augen, aber für ihn gab es nichts Fesselnderes als dieses seltene Naturschauspiel. „Du bist gekommen, um Dich zu verabschieden“, sagte ich. Und nachdem er nicht reagierte, fragte ich: „Dick, bist Du etwa gekommen, um Dich zu verabschieden?“ Erst da konnte er sich endlich von dem Sonnenuntergang losreißen, sah mich an, und sagte: „Ja.“

Freier Fall. Vom Himmel Luftlinie, wie sonst, in den schwärzesten Abgrund. Und wieder wollte ich es einfach nicht glauben, „Dick, das ist nicht wahr!“ hab ich gesagt, immer wieder, „Dick, das ist nicht wahr!“ Geglaubt habe ich ihm erst, als sein Handy klingelte. Er ging dran. Nach Stunden der Wortlosigkeit, die ich für stummes Glück gehalten hatte, Stunden, in denen er mich festhielt wie für immer, und die doch nichts anderes als ein romantisches, herrlich herzzerreißendes Loslassen für ihn gewesen waren, meldete er sich plötzlich mit so einer Energie. Meldete sich zurück in die Wirklichkeit. Seine Stimme war so zackig, so aufgeräumt, ein Kunde und das Leben geht schließlich weiter, er hat sogar gelacht. Ich sah ihn an und begriff, er war nach diesem „Ja“ wie befreit. Aufgewacht. Mir andererseits, seit Tagen grob mangelernährt, haute es nach diesem „Ja“ erstmal die Beine weg. Nacht.

Das ging vorbei. Aber einmal da unten, habe ich die Gelegenheit dann gleich ergriffen und ihn auf Knien angefleht. „Dick, sag, dass das nicht wahr ist, sag, dass das nicht wahr ist, sag, dass das nicht wahr ist!“ Und dabei hasse ich Redundanzen. Ich erinnerte ihn an sein Versprechen - als wenn sein Wort je etwas gegolten hätte. „Du wolltest nur kommen, wenn Du bleibst, Du hast es verspochen.“ Er antwortete nicht. „Du hast versprochen, auf keinen Fall zu kommen, wenn es ein Abschied ist! Du hast versprochen, mir das nicht anzutun!“ Er guckte in die Sonne, die jetzt endgültig weg war. „Dick, seit wann weißt Du es?“ – „Seit zwei Tagen.“

Ich musste dann mit ihm den ganzen Weg wieder zurückgehen, den Weg, auf dem wir eben noch Arm in Arm spaziert waren, verkehrsbehindernd geknutscht hatten, belächelt und beneidet wurden, ein kleiner hübscher blonder Mann kurz vorm Kniefall vor seiner großen nachblondierten Liebe, lucky lapared. Und nun auf dem Rückweg, kaum eine halbe Stunde später, hielt er mich fest, damit ich nicht kreislaufbedingt wegsacke und wieder vor ihm auf den Knien liege. Angeschmierte Lapared.

(Fortsetzung… siehe TEIL III)

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