Anleitung zum Entlieben

10.07.2006 um 15:50 Uhr

Prüfverfahren

von: Lapared

„Schatz,“ sagt Dick, „aber diesmal nimm einen richtigen Bademantel mit und keinen Seidenkimono!“ – „Er stand Dir hervorragend!“ sage ich, „Du hast richtig gehend Glamour verbreitet auf dem Campingplatz!“ – „Ich hab mir den Arsch abgefroren!“ – „Wirklich, war es so kalt? In Deinem Bademantel hab ich nichts davon bemerkt!“ – „Har!“ – „Es war sehr nett, ihn mir zu leihen, Dick!“ – „Hmpf.“ – „Aber ansonsten habe ich mich doch wacker geschlagen, als Campingdebütantin, ich habe nicht mal geschrien als das böse Tier im Zelt war!“ – „Tja, mein Schatz, Du liebst mich eben, das macht Dich stark, Du nimmst es sogar mit einer Motte auf.“ – „Einer Riesenmotte!“ – „Einer Monstermotte…Wir hatten es wirklich schön, hm?“ – „Und pass auf, Dick, nächste Woche, mit zwei Bademänteln, wird es noch bedeutend schöner!“ – „Wir laufen nachts in unsere großen weichen Frotteeteile gehüllt händchenhaltend im Halbstundentakt zum nächsten Campingklo.“ – „Ich habe eine Schrumpfblase, reit bitte nicht darauf rum!“ – „Ich reite nicht darauf rum, ich leide mit Dir, Du sorgst dafür...“ – „Ich kann schließlich nicht in stockfinsterer Nacht als Frau allein über einen Zeltplatz marschieren. Einen Zeltplatz! Wo haufenweise Männer in engen Säcken liegen und zur Unterhaltung nichts anderes haben, als mit ihren Eier zu spielen... keinen Fernseher, kein Internet, nichts!“ - „Ruhig… ruhig…Ja, im Zelt beschäftigt man sich mit sich selbst, hm?!“ – „Oh ja.“ – „Oh ja.“ - „Dick...? Und danach, wenn wir fertig sind mit Zelten… dann fahren wir nach Hamburg, ja?!“ – „Wir fahren nach Hamburg, und da bleiben wir dann auch. Dreißig Jahre, Schatz.“ – „Ach Dick…“ – „Ach Schatz…“ …............................................................................................... ......... ................................ ...................................................................................... "Du, Di-hick?“ – „Du Laparedchen!“ – „Du solltest Dich dann aber vielleicht ein kleines bisschen an die Sitten und Bräuche unseres Landes anpassen!“ – „Und die wären?“ – „Du weißt, die Deutschen sind für Ordnung…“ – „Oha!“ – „Bei uns geht alles schön der Reihe nach…“ – „O-ha!“ - Hierzulande ziehen Männer in der Regel erst dann zu der Frau, die sie lieben und verbringen mir ihr erst dann den Rest ihres Lebens, wenn sie sich von Frau, mit der sie verheiratet sind, getrennt haben.“ - "Hübscher Brauch." - "Finde ich auch."

Und ich denke, es gibt ihn in Holland auch. Dick hat ihn über all die postkoital gesäuselten Umzugspläne wohl einfach vergessen. Oha.

So ist es also gerade zwischen Dick und mir. Gerade, das ist Donnerstag, der 29. Juni und wir fahren gleich zelten. Zelten! Letzte Woche haben wir das auch schon gemacht, in Holland, es war wunderbar. Und diesmal geht es in die Schweiz. Wir nennen das „Besser kennen lernen“ und reden uns ein, das müssten wir, bevor einer für den anderen sein ganzes Leben hinter sich lässt. Sein Land, seine Sprache, seine Freunde, sein Haus, seine Arbeit, die Frau Gemahlin... Wir reden uns ein, wir lernen uns kennen – diesmal richtig Schrägstrich aufrichtig – schauen, ob wir uns dann immer noch lieben, probieren, wie es mit uns geht, tagelang auf engstem Raum... um dann, wenn´s gut geht, vielleicht den großen Schritt zu wagen. Das reden wir uns ein. Aber alles, was wir möglicherweise am Ende gehabt haben werden, ist – zumindest von außen wird es so aussehen - eine dieser sogenannten leidenschaftlichen, stinknormalen Affären. Ja, er spricht schon wieder von 30 Jahren. Ja, er sieht uns schon wieder als händchenhaltende Greise vorm Haus auf unserer Gartenbank. Aber diesmal weiß ich, dass es nur für die Augenblicke gilt, in denen er es sagt. Schöne Augenblicke, herrliche Augenblicke. Aber dass es morgen schon wieder anders sein kann. Diesmal glaube ich ihm erst, wenn wir wirklich auf unserer Gartenbank sitzen. Wie gesagt: Er hat sich noch nicht von seiner Frau getrennt.

Warum ich am 10. Juli den Status vom 29. Juni verbreite? Weil ich am 10. Juli vielleicht noch nicht wieder da sein werde. Am 10. Juli bin ich – wenn es gut läuft - noch auf irgendeinem Campingplatz im sauberen kleinen Schokoladenland und kann nicht schreiben. Oder Dick ist – wenn es fantastisch läuft – am 10. Juli hier bei mir zuhause. Und dann will ich nicht schreiben. Ich mache denselben Fehler nicht zwei Mal. Ich mache lieber einen Neuen.

Wenn Dick am 10. Juli hier bei mir sein sollte, hocke ich nicht selbstversunken hinter meinem Laptop sondern räume die Hälfte jedes Schrankes, jedes Regals und der Ablage vorm Badezimmerspiegel für ihn leer. Ich, nein wir! räumen um und schaffen Platz. Wir gehen schwimmen, wir fahren an die Elbe, wir kochen, wir essen. Und spülen ab. Wir spazieren durch die schönsten Viertel der Stadt, schauen uns die großen, alten Häuser an und suchen uns eins aus. Eins, an das wir denken, wenn wir nicht mehr zum Vergnügen arbeiten sondern zum Geld verdienen. Wenn wir nicht mehr für Stiefelchen und teuere Bikinis anheuern, sondern für etwas, das uns gemeinsam gehört. Wenn wir uns nicht mehr in Selbstbespiegelungen ergehen, sondern den Menschen, der von nun an morgens neben uns aufwacht, ansehen.

Wenn es so kommt, wenn es wirklich so kommt, werde ich am 10. Juli nichts schreiben und dieser 11 Tage alte Konserventext erscheint. Wenn Dick bei mir sein sollte, wenn er tatsächlich am 10. Juli da sein sollte, schreibe ich nicht länger von der Liebe, sondern – wie sagen die Latzhosen - lebe sie, jawoll! Ich arbeite für sie, ich halte sie fest, ich pflege sie wie meinen kostbarsten Schatz... ja, so wird´s gemacht. Zumindest schreibe ich nur noch jeden zweiten Tag.

Ich bete, dass dieser Konserveneintrag erscheint.

P.S. Er ereignete sich übrigens bei einem kleinen Ausflug während meines Kuraufenthalts in Soest. Der fulminante Auftakt in die zweite Runde. Wir haben in der Sonne gelegen, wie die Irren gevögelt und irgendwann - wahrscheinlich aus physischer Erschöpfung - kamen wir auf die bahnbrechende Idee „uns kennen zu lernen“... Zu reden, zusammen zu sein, viel Zeit miteinander zu verbringen. Um zu gucken, ob unserer Liebe alltags- und realitätstauglich ist. Zu reinen Prüfungszwecken, quasi. Mit einer Affäre hat das gar nichts gemein. Gar nichts.

Seine Frau weiß es. Sie hält still, wartet. Wartet, dass es auf diese Weise schnell seinen Reiz verliert. Wartet, dass ihr kleiner Dick von seinem großen Abenteuer müde und zerschlagen heimkehrt in sein perfektes, bequemes, warmes Nest. Und das macht sie so ruhig, so gefasst, so selbstverständlich, dass ich fürchte, das alles geschieht nicht zum ersten Mal. Egal, ich mache weiter, ich kann nicht anders.

Wir werden sehen.

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