Anleitung zum Entlieben

27.02.2006 um 23:13 Uhr

Reiseerinnerungen

von: Lapared

Dick sagt immer, eine Beziehung sei so, als ob man auf die Mitte eines großen, tiefen Sees hinausschwimmt und will damit wohl sagen, dass es nicht ganz ungefährlich ist und dass man unter Umständen dabei ertrinken kann. Er ist immer so positiv. Im Gegensatz zu mir. Ich sage immer, eine Beziehung ist, als ob man von der höchsten Brücke springt, womit ich wohl sagen will, dass man ertrinken wird. Wenn es einen nicht schon beim Aufschlag zerrissen hat.

Halten wir uns heute mal an D.s Definition. Angenommen eine Beziehung ist ein See… ist es dann ein Wunder, dass ich, als Fast-Nichtschwimmer, jedes Mal zwischen unseren Treffen panisch wieder an Land paddel? Und von da aus brauche ich immer eine kleine Weile, bis ich - wenn wir uns wiedersehen - wieder hinaus geschwommen bin zur Mitte des Sees…

Zur Illustration ein paar Reiseerinnerungen.

Samstag, 15.10 Uhr. „Am Montag war es ein halbes Jahr her!“, sagt Dick, bricht mir die Finger und blinzelt in die Sonne über dem Amsterdamer Hafen. „Was?“ frage ich vorsichtig, und habe schon so ein ungutes Gefühl. „Am Dienstag war der 20.2.!“ sagt Dick. „Dick, quetsch doch bitte meine Hand nicht so!“ – „Am Dienstag kannten wir uns ein halbes Jahr!“ – „Verstehe.“

Ich bin keine Jahrestagefrau. Schon in der Schule, als Beziehungen noch „Miteinandergehen“ hießen, gehörte ich nicht zu denen, die dem Pickelgesicht ihres Herzens einen Sandkuchen glasierte, wenn sich das Datum des Klassenfete, bei der das „Miteinandergehen“ in der Regel beim letzten Schwoofer fest gezurrt wurde, jährte oder - besser gesagt - monatete, denn beim „Miteinandergehen“ war es ja schon doll, wenn es die großen Ferien überstand. Ich vergaß damals die Monatstage und vergesse heute Jahrestage - ist es nicht schön, wenn man sich treu bleibt? Und Halbjahrestage vergesse ich erst Recht.

Dick spürte meine verhaltene Reaktion. „Ich hätte auch nicht dran gedacht“, sagt er, „aber ich habe nach einem Vorwand gesucht, damit Du Dich für mich ausziehen musst.“ – „Ach so“, sage ich erleichtert , „und Geschlechtsverkehr als Vorwand war Dir wahrscheinlich nicht originell genug?“ – „Erstens das, und zweitens sollst Du auch mal was davon haben!“ – „Entschuldige, dass ich Dir keine multiplen Orgasmen vorspiele, aber dafür ist der eine, für den ich fünf Stunden brauche…“ – „Der ist der Hammer, ich weiß“, fällt D. mir ins Wort, „…der ist gründlichst vorbereitet und durchdacht, wollte ich sagen!“ Dick grinst. „Los schwing Dich aufs Rad, wir fahren zu Marlies Dekkers, ich kauf Dir einen neuen Bikini!“. – „Was?“ – „Für den alten, den Du verloren hast. Aber vorher probierst Du mindestens zwanzig verschiedene für mich an!“ – „Verstehe.“

Samstag, 16.17 Uhr. Ich konnte ihm unmöglich sagen, dass ich schon einen neuen Bikini habe. Er hatte sich so darauf gefreut. Zusammen Kleidung kaufen führte, das hat er mir gestanden, in seinen Singlejahren lange die Top-Ten seiner Beziehungsfantasien an. Wir also los, einmal quer durch Amsterdam.
Es war einer dieser Läden, in dem die Umkleidekabinen größer sind als mein Wohnzimmer. Mit einem Sessel und gesalzenen Pistazien für den Herrn Gemahl Schrägstrich Herrn Kreditkarte und vom Haus bereitgestellten hochhackigen Puschen, in die die Damen hineinschlüpfen können (vorausgesetzt, sie haben Püschchengröße 36), bevor sie vor den Richtersessel treten Schrägstrich stöckeln. Alles ganz edel also, nur: eine Beleuchung wie bei H&M, Cellulitislicht. Trotzdem habe ich brav alle 20 Bikinis vorgeführt, die Dick mir nacheinander anschleppte – und hätte dabei schreien können. Ich bin das nicht gewohnt! Sowas mache ich, solange ich denken kann, allein. Außerdem: Wozu muss mein Freund wissen, dass ich diese schnittigen Panties trage, nicht weil sie schnittig sind, sondern weil ich im Tanga beschissen aussehe? Warum durch geschickte Problemzonenverkleidung die Illusion erzeugen wollen, dass ich eine makellose Figur habe, wenn die Hauptzielperson des Manövers Zeuge der stundenlange Suche war, derer es bedurfte, um ein Bikini-Modell zu finden, dass diesen Job macht. „Dick“, wollte ich gerade sagen, „Dick, sollte es jemals notwenig werden, dass ich gebäre, werde ich DAS nicht in Deiner Anwesenheit tun, ist das klar? Ich mache solche Dinge allein, Bikinis kaufen, Saunieren, gebären... so was mache ich alles lieber allein.“ Aber just in dem Moment sagt Dick aus tiefster Überzeugung: „Eigentlich ist es ganz egal, welchen Du nimmst, Du siehst in allen hüsch aus.“ - „Hm... tja…ich weiß nicht…“, sage ich. Und hab noch 40 weitere anprobiert. Wenn, dann richtig, höm.

Sonntag, 2.20 Uhr. Ich liege so da, in postkoitaler Seligkeit und denke, was ist es nur für ein Glück, einen Menschen gefunden zu haben, bei dem man sich sicher fühlt. Bei dem man so sein kann, wie man ist. Der einen auch dann liebt, wenn man mal scheiße ist. Und sogar dann, wenn man scheiße aussieht. Dem völlig egal ist, welchen Bikini man trägt, weil er dich in jedem schön findet. Hach, denke ich, rekle ich mich behaglich und säusel zu Dick: „Schatz, warum hast Du mich damals in Freibad…am 20.8.… warum hast Du mich da eigentlich angesprochen?“ Und Dick säuselt im Halbschlaf zurück: „Dein Bikini gefiel mir.“ – „Mein Bikini???“ – „Von weitem sah er aus wie ein Bikini von Marlies Dekkers, und da dachte ich, die Frau hat Geschmack.“ - „Aber es war kein Bikini von Marlies Dekkers. “ - „Das hab ich dann auch gesehen...“ – „Aber Du hast mich trotzdem angesprochen, hach...“ – „L., quetsch doch bitte meine Hand nicht so!“ – „Du hast mich trotzdem angesprochen...“ – „Ja, und ein halbes Jahr später trägst Du einen Bikini von Marlies Dekkers, siehste, ich krieg was ich will.“ – „Aber Du bezahlst dafür.“ – „OH, JA.“ – „Es war übrigens der 19.8....“ – „Tatsächlich?“ – „Worauf Du einen lassen kannst, ich merk mir so was!“

Blieben uns bis zur Heimfahrt immerhin noch 15 Stunden gemeinsam in der Mitte des Sees.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenlucha schreibt am 28.02.2006 um 10:29 Uhr:Wunderbar! Genieß die Stunden und schließ sie ganz fest in deiner Seele ein! Egal was wird, das war und ist für immer Deins!



    Oh wie poetisch! Am Veilchen-Dienstag werd ich ja direkt ein wenig sentimental!

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