Anleitung zum Entlieben

23.10.2006 um 21:56 Uhr

Seltene Einzelfälle, geniale Zornvorlagen, ungesunde Anpassung und die versprochene Schlägerei

von: Lapared

Wenn ich Menschen mag, das ist sehr unangenehm, will ich unbedingt nett zu ihnen sein. Ich strenge mich schrecklich an. Ich möchte, dass sie mich auch mögen. Und es lieben, mit mir zusammen zu sein. Mit der Dauer wird das dann so anstrengend, dass ich lieber auf ihre Gesellschaft verzichte. Mögen hin, mögen her.

Das vorneweg.

Aber zum Glück kommt es ja nicht so oft vor, dass ich jemanden mag. Nur in... Einzelfällen. Ansonsten bin ich keine von den Freundlichen. Keine von denen, die morgens grüßen, wenn sie in die Bäckerei kommen, mit gutem Job, der natürlich nicht alles ist, nettem Freundeskreis, den sie zu ihren Geburtstagen einladen und einer Putzhilfe, die sie nach ihren Kindern fragen und der sie im Dezember einen Lindt-Nikolaus mit 20 Euro neben den Staubsauger stellen. Keine von denen, die dann abends nach dem Zähneputzen noch ein paar Seiten Michel Houellebecq oder Sibylle Berg lesen, sich für ein paar wohlig-schaurige Augenblicke im Grunde ihrer Seele eigentlich zynisch und finster fühlen, bevor sie dann aber spätestens um halbeins das Nichttischlämpchen löschen, weil sie ohne ihre sieben Stunden Schlaf am nächsten Tag unausstehlich sind.

Geduld, ich komme gleich auf die Schlägerei.

Was ich nur sagen will: Ich muss keine Bücher von hochbegabten kettenrauchenden Giftzwergen lesen, um meine Mitmenschen nicht zu mögen und böse anzusehen. Das geht mir auch ohne Zornvorlage ganz flott von der Hand. Und im Gegensatz zu den gutbürgerlichen Houellebecq-Anbetern mit ihrem putzigen 5 Minuten-Grimm im Schein ihrer Artemide-Lampen bin ich nicht tagein, tagaus nett und korrekt, damit alle, ALLE mich gefälligst lieben, bitte.

So, das musste einfach mal raus.

Aber ich gebe zu, wenn ich jemanden mag, wenn mir jemand wichtig ist, wenn ich ihn zum Freund will... dann verliere ich mich bis zur Mimikri. Dann verleugne ich meine Art. Dann gebe ich alles. In Einzelfällen.

Und um endlich auf den Punkt zu kommen.

Vorletzte Nacht habe ich geträumt. Ich habe geträumt, ich würde meine Mutter schlagen. Leider hat sie zurückgeschlagen, war ja klar, und mir heftig eins auf die Nase gegeben, aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist auch nicht, dass ich sie darauf hin fast umgebracht habe, was so kurz vor Weihnachten sicher nicht nett war. Und ich finde es nicht mal weiter beunruhigend, dass es in unserem geträumten Kampf um nichts weiter ging als eine vermisste Luftpumpe, erst um eine Luftpumpe und dann plötzlich um meinen Gitarrenschlumpf – anders als in normalen Filmen achtet in Träumen ja niemand auf die Continuity

Was mich an der ganzen Sache eigentlich alarmiert, ist dies: Ich mache eine Psychoanalyse. Und fange prompt an zu träumen. Von meinen Eltern. Und der einzige Grund ist natürlich, dass ich „meiner Analytikerin“ eine Freude machen will. Weil ich sie nämlich mag. Weil ich will, dass SIE mich mag. Weil ich weiß, dass Analytikerinnen Träume mögen. Und Eltern. Und Triebe, die man sich besser verkneift, wenn man nicht in den Knast will. Also, ein Traum, in dem ich fast meine Mutter erschlage, ist, als würde ich einer neuen Spielkameradin meine Barbie schenken, quasi, damit sie meine Freundin wird. Noch besser wäre nur, wenn ich meine Mutter umgebracht hätte, um mit meinen Vater zu schlafen, von wegen Ödipus bzw. Elektra und so, aber ich denke mit ein bisschen Fantasie wird sie da aus der Luftpumpe und dem Gitarrenschlumpf schon was drehen.

Aber was soll´s. Morgen muss ich hin. Und dann werde ich ihr wohl davon erzählen. Und auch, dass meine Nase den ganzen nächsten Tag noch psychosomatisch taub war. Dann hat sie erst mal was, schließlich bin ich danach zwei, drei Wochen gebucht und hab keine Zeit für sie.

Nicht, dass ich denke, dass mich persönlich die Aufarbeitung einer geträumten Schlägerei um einen Schlumpf sehr viel weiterbringt. Aber was soll ich machen, ich bin eben nett. In Einzelfällen.

Ob ich meine Jeans rasch noch bügle?

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierendieFee schreibt am 23.10.2006 um 23:32 Uhr:*Lachtränenwegwisch* Du bist so gottbegnadet!

    Ach, ich vergass. Nur mit Arsch aufreissen. Für Milionenm von Einzelfällen… schon klar.
  2. zitierenFoerdchen schreibt am 24.10.2006 um 18:58 Uhr:Hrm, ich hab erst neulich den Freudschen "Abriss der Psychoanalyse" geschmökert (für den Unterricht natürlich...) und dort steht, dass diese Vatersache gar nicht so dringend nötig ist. Also eigentlich hassen alle Frauen ihre Mütter nur, weil diese sie ohne Penis auf die Welt gebracht haben. Da kannst du bestimmt mit der Luftpumpe was drehen. Und die Ersetzung durch den Gitarrenschlumpf kommt dann der gleich, die man von innen her wahrnimmt, wenn man ein "Liebesobjekt" (in diesem Fall die Mutter) als solches "abschaltet" - laut Freud versucht man dann nämlich immer, es selbst zu ersetzen. Darum verhalten sich viele Frauen weiblich, obwohl sie gerne Männer wären. Ist doch ganz logisch, oder? XD
  3. zitierenBürger B. schreibt am 24.10.2006 um 22:04 Uhr:Hallo Lapared,

    ich bin einer von den Freundlichen, der gerne seine Nachbarn grüßt, hier und da ein Schwätzchen hält und der, wenn er fremden Menschen begegnet, erst einmal davon ausgeht, dass es überhaupt keinen Grund für Dünkel, Eitelkeiten, Machtspielchen etc. gibt. Ein kleiner Sonnenschein sozusagen - nicht immer und überall, das gebe ich gern zu - aber zumindest en gros von der seelischen Grundkonfiguration her.

    Das nur mal so vorweg - man sollte sich ja anständigerweise als anonymer Gastschreiber wenigstens kurz vorstellen.

    Rein zufällig also bin ich auf Deinen Blog gestoßen und bin ganz begeistert von Deiner Sprache. Wie schön ist es, wieder mal Texte lesen zu können, in denen nicht in jedem Absatz grausligste Rechtschreibfehler auftauchen. Schon deshalb ein ästhetischer Genuss. Dann der Reichtum an seltenen Vokabeln und passenden Wortkreationen. Und das Beste daran: Ob erfunden oder wahr, alles wirkt uneitel und authentisch und darum selbst in der Beschreibung schlimmer Marotten noch höchst sympatisch.

    Da es als Neuleser mit stressigem Job und wenig Zeit kaum noch möglich ist, den ganzen Blog von Anfang an zu lesen, habe ich notgedrungen ein wenig herumgezappt und bin also nur mangelhaft informiert. Aber eines ist mir doch aufgefallen: Irgendwie schwingt ein immerwährender trauriger Unterton durch die ganze Geschichte. Es ist eigentlich gar keine Geschichte, sondern eher ein Stilleben. Stell Dir vor, Du sitzt am Strand und schaust auf das Meer hinaus. Das Bild, das Du siehst, ist ständig in Bewegung und bleibt trotzdem immer das Gleiche. So ist das auch mit der Geschichte von Lpunkt und vielleicht ist es ja auch das, was Dich an Lpunkt beunruhigt.

    Freiheit ist die Chance, Entscheidungen treffen zu dürfen. Um bei der Wasser-Metapher zu bleiben: Kein Schiff kreuzt einfach nur so kontemplativ auf den Weltmeeren herum. Üblicherweise steuert es einen Hafen an und üblicherweise ist das nächste Ziel nicht das letzte Ziel. Die Tatsache, dass überhaupt ein Hafen angesteuert wird, bedeutet also nicht den Verlust von Freiheit, schlimmstenfalls nur graduell und vorübergehend. Mir scheint aber, dass Lpunkt es gar nicht mag, Häfen anzulaufen. Warum auch - der geschulte Blick sieht bereits aus der Ferne, dass es sich nicht lohnt, hier zu ankern.

    ... dass es sich nicht lohnt, hier zu ankern. Lpunkt hat ganz bestimmte Erwartungen. Sie würde mit Volldampf auf die Küste zusteuern und selbstmörderisch ihr Schiff versenken, wenn es sich LOHNEN würde (natürlich nicht materiell gemeint). Liebe Lpunkt, geht‘s denn nicht ein bisschen differenzierter? Wenn der Big-Bang nicht in Reichweite ist (gibt es den überhaupt), kann man kann sich doch auch - mitunter spießig - über die kleinen Dinge des Lebens so freuen, das es einen innerlich ausfüllt und man sich auf einem guten WEG fühlt. Die Politiker in den 80ern haben das „Wandel durch Annäherung“ genannt.

    Damit ist natürlich noch lange nicht alles gesagt, was gesagt werden könnte. Aber mir fällt das Schreiben nicht so leicht wie Dir. Ich sitze also schon länger an den paar Zeilen als ich eigentlich wollte.

    Liebe Grüße

    Bürger B.
  4. zitierenerphschwester schreibt am 24.10.2006 um 22:35 Uhr:aber, bürger b., du wirst doch unser lchen nicht therapieren wollen???

    wir mögen sie durchaus so, wie sie ist: ein unruhiges stilleben.
  5. zitierenNLN schreibt am 24.10.2006 um 23:15 Uhr:YIP , wie gesagt Unruhig & Unzufrieden.
  6. zitierenFoerdchen schreibt am 24.10.2006 um 23:43 Uhr:...was nicht bedeutet, ihr kein Glück zu wünschen. ^^
  7. zitierenNLN schreibt am 25.10.2006 um 09:56 Uhr:Ihr Hafen heist Papa ein Mädchenwünsch zum Mädchenglück.
  8. zitierenVaterMutterKind schreibt am 25.10.2006 um 11:11 Uhr:Also ein Problem mit dem Vater, weil die Mutter den Wünschen nicht nachgekommen ist.

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