Anleitung zum Entlieben

22.10.2005 um 01:48 Uhr

Strähnchen

von: Lapared

Kaum hatte ich ausgeschlafen, bin ich zum Friseur. Gegen die Falten kann ich nichts machen dachte ich, den Käsekuchenarsch strampel ich mir wieder ab (allerdings dürfte das zwei, drei Tage dauern), aber die grauen Haare... keine Minute länger teilen sie und ich uns ein und denselben Kopf.

Ich also los. Es war gerade mal sieben, ich war schon wieder topfit (sieben Uhr abends, sollte ich vielleicht hinzufügen) und noch auf dem Weg dachte ich... wie gut, dass ich in einer Stadt mit mehr als 12 Einwohnern wohne, wo es fortschrittliche, dienstleistungsfreudige, perfekt auf die Bedürfnisse und Lebensumstände ihrer Kunden eingestellte Friseure gibt, die bis 23 Uhr geöffnet haben.

Ich also zu genau so einem Friseur. Toll. Einfach toll. Ich war schon öfter da. Angesagte Magazine, angesagte Musik. Und... in dem ganzen Laden arbeiten nur Elfen, zart und durchscheinend, mit Jeans, die tief unterhalb der schmalen Beckenknochen schweben, ein paar von ihnen Mädchen - in ersten Linie aber Jungs. Sie sind bezaubernd. Man erklärt ihnen, was man möchte, und dabei ziehen sie sich einen Stuhl nah heran und hören ganz ernst und aufmerksam zu, als ob Du der Messias wärest, der zu ihnen sprechen würde. Danach legen sie los, als hättest Du ihnen gestanden, dass Du nur mit der richtigen Frisur der Menschheit ewigen Frieden bringen könnest. Ganz konzentriert, ganz verantwortungsbewußt widmen sie sich Deinem heiligen Haar. Nur ab und zu lächeln sie Dir im Spiegel schüchtern zu, halten aber ansonsten den Mund - wofür ich ihnen jedes Mal unendlich dankbar bin.

Aber heute lief es irgendwie alles nicht so. Ich erklärte meiner Elfe Shimon (als Elfe kann man nicht stinknormal Simon heißen), was ich wollte:

Ich: Strähnchen, bitte, über jedes graue Haar eine. Und Spitzen schneiden, 5 Zentimeter.
Elfe: Okaaay. Ich stufe es ein bisschen durch, ja?!
Ich: Nein, keine Stufen, gerade ab.
Elfe: Ich würde aber echt Stufen machen, das macht Dein Haar total voller.
Ich: An mir ist alles total voll genug. Einfach gerade ab.
Elfe (bedauernd): Keine Stufen machen wir nicht!
Ich: Ach was?!
Elfe (traurig): Das gefällt uns nicht!

Ich lächelte und bat um ein Wort mit dem Meister, einem im Vergleich zu seinen Angestellten tragisch grobknochigen, dafür aber sehr edel gekleideten älteren Herrn.

Meister: Du, dem Shimon kannst Du absolut vertrauen, Stufen sind wirklich besser für Dich.
Ich: Ich hätte es trotzdem lieber gerade. BITTE!
Meister: Ich fürchte, das geht nicht. SORRY!
Ich (verzweifelt): Es ist mein Kopf!
Meister: Ja, Herzchen, aber mein Ruf!
Ich (resigniert): Verstehe. Dann eben nur die Strähnchen.
Meister: Ich muss Shimon mal fragen, ob das für ihn in Ordnung ist.
Ich: ???

Der Meister verschwindet kurz hinter einem Vorhang. Als er wieder kommt schüttelt er bereits im Anmarsch bedauernd den Kopf.

Meister: Tut mir leid... Der Shimon möchte das lieber nicht machen. Er hat den Eindruck, dass Du ihm nicht vertraust.
Ich: Verzeihn Sie. Ich habe gerade eine schwierige Trennung hinter mir. Mein Hintern hängt - und als wäre das nicht genug - in meinem Scheitel stehen graue Haare wie Fernsehantennen und signalisieren aller Welt, dass ich nicht die Jüngste bin. Also... es ist mir scheiß-e-gal, wer das macht... aber ich will diese verdammten Strähchnen, und zwar heute noch!
Meister: Ich fürchte, daraus wird nichts. Du suchst Dir besser einen anderen Friseur.
Ich: Ach ja?! Ich bin sowieso nur hier, weil Ihr so lange auf habt. Jeder weiß, dass Ihr nicht besonders gut seid.
Meister: Verehrteste... da ist die Tür!
Ich (kameradschaftlich auf die Ex-Käsetorte klopfend): Verehrtester... da ist Dein Ruf!
(Nein, das hab ich natürlich nicht gesagt, das ist mir nicht eingefallen, und wenn, hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut...)

Ich ging also wieder. Ohne Strähnchen und wahrscheinlich sogar mit ein paar grauen Haaren mehr. Wo sind nur die guten alten Friseurläden geblieben? In denen die Angestellten noch geschmacklose Kittel tragen, Illustrierte mit Prinzessinnen vorne drauf gereicht werden... und die spätestens um 18.30 Uhr pünktlich schließen.


P.S. Hat jemand Curd gesehen? Er ist nicht zuhause...

P.P.S. Morgen muss ich schon wieder arbeiten.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenchero schreibt am 22.10.2005 um 07:14 Uhr::)) Das kommt mir so bekannt vor. Ich wurde abgewiesen, weil ich KEINE Strähnchen wollte. Heute werden Köpfe zu modernen Kunstwerken gestylt, und wie manche über ultramoderne Kunst denken, ist bekannt ...

Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.