Anleitung zum Entlieben

17.10.2006 um 16:20 Uhr

Sündenpfuhl Provinz

von: Lapared



Des einen Glück, des anderen Leid. Es ist fast zu makaber, es zu erzählen. Also, der Umstand, dem ich bei meinem Provinzausflug fast Sex verdankte, war das tragische Ableben eines gar nicht so besonders alten Herrn aus der Nachbarschaft meines Vaters. Er war der Schwiegersohn einer Dame ebenfalls aus der Nachbarschaft meines Vaters, die selbst zu alt war für gewisse Verrichtungen. Und er starb auf eine unglaublich dämliche, schrecklich tragische Art.

Jedenfalls... plötzlich hörten wir die Sirenen. Feuerwehr, Krankenwagen, Polizei... großes Tatütata. Sowas hatte der Heideweg noch nicht gesehen. „Los, hin!“ sagt Papa, „Gucken wir mal!“ – „Ach Papa!“ schüttle ich den Kopf „doch nicht so, hol schnell Deinen Mantel!“ Wir also noch unter den ersten Einhundert am Tatort.

Man macht sich kundig. Die Verrichtung, bei der der nette Schwiegersohn hatte behilflich sein wollen, war die Reinigung eines verstopften Regenschachts. Er beugt sich also vor, der nette Mann, um das für die Verstopfung ursächliche Laub am Boden des Schachts aus dem Ablauf zu puhlen, als er plötzlich das Übergewicht verliert. Er versucht noch, mit der Hand, die unten nahe dem Ablauf war, nach oben an den Rand des Schachts zu greifen, doch das gelingt nicht mehr, stattdessen rutscht er der Länge nach hinein, runter in das am Boden stehende circa 30 Zentimeter hohe Regenwasser, mit dem Kopf zuerst, der aber nur circa 23 Zentimeter Höhe maß. Und die Arme, die ihn aus dem Schlamassel hätten befreien können, wurden durch den eigenen unvorteilhaft korpulenten Rumpf an die Wände des Schachts gepresst. Und so...

Tragisch. Wirklich tragisch.

Aber der Arzt, der nicht mehr helfen konnte, war ein Sonnenschein, und zwar einer, den ich schon mal geküsst hatte, vor etwa 327 Jahren.

Meine erste Liebe!

Doch!!!

Bis er bereits in der ersten Klasse komplett chancenlos hängen blieb, da war es aus, als Zweitklässlerin küsst man keine i-Dötzchen und heute ist Dötzchen Doktor, guck. Zu früh abgestoßen, Kack.

„Na Acki, keine Chance, wa?“ winke ich ihm aufgeregt aus fünfter Reihe zu. „L A P A R E D C H E N ? ? ?“ Das war eine Freude.

Später sitzen wir im „City-Fässchen“, wo die Tische immer noch aus alten Bierfässern bestehen und der Boden voll ist mit Erdnuss-Schalen, wie urig. So gar nicht chic und cool und mit dem superkreativen Namen „FASS-BAR“, wie ich das eigentlich mittlerweile gewohnt bin, egal.

„Also hast Du´s ja richtig weit gebracht...“ sagt er, „geographisch. Ich bin nach dem Studium gleich wieder hierher zurück.“ – „Und quasi Dorf-High Society, als Arzt, Mensch Acki! Aber musstest Du ausgerechnet Tanja heiraten, die fanden wir doch immer so doof?!“ – „Tja, das ist sie im Grunde wohl auch.“ Ups. Adlerauge sei wachsam, ein unglücklicher Ehemann. „Zuviel Intelligenz ist ja auch manchmal dem Glück eher hinderlich...“ ziehe ich mich elegant aus der am Horizont aufziehenden Affäre. „Wenn nicht die Kleine wär, ich weiß nicht, ob wir dann überhaupt noch zusammen wären.“ Schatz, wer weiß das schon, wenn er mit einem Weltstadtschnittchen wie mir beim fünften Bier im City-Fässchen sitzt? „So was will gut überlegt sein, Acki, mein Freund. So eine Doofe findest Du so schnell nicht wieder.“ Acki spürt den Widerstand, Attacke. „Weißt Du, dass wir zwei uns im ersten Schuljahr mal geküsst haben, hinter den Fahrradständern?“ – „Nee. Echt?“ – „Ja, wie die Großen aus der Vierten!“ – „Du hättest Dich besser auf das kleine 1 x 1 konzentriert, bist Du nicht hängen geblieben?“ – „Ich hatte andere Talente“, er legt die Stimme tiefer, „die habe ich übrigens immer noch“, er wackelt mit einer Augenbraue, sein lustiges kreisrundes Köpfchen stößt nach vorn. „Acki, Acki... Ihr Ärzte seid so abgebrüht, vor 3 Minuten ist Dir ein Mann tragisch unter den Händen weggestorben und Du versuchst, mich zu küssen.“ – „Küssen? Dieser Mann hat uns zusammengebracht, soll er nur für einen Kuss von uns gegangen sein?“ – „Sicher würde ich ihm gönnen, wegen eines kompletten Geschlechtsakts gestorben zu sein, oder, falls er Romantiker war, wegen einer großen Liebe meinetwegen, aber ich fürchte, er hat wegen eines verstopften Regenrohrs das Zeitliche gesegnet, daran werden wir zwei nichts mehr ändern, Ackilein.“ – „Heißt das nein?“ – „Ja.“ – „Aber bedenke, Laparedchen: Das gäbe seinem tragischen Tod einen wirklichen Sinn. Es wäre immerhin mein erster Geschlechtsakt nach fast einem halben Jahr.“ – „Ach, so doof ist Tanja?!“ – „Ja, so doof...“ er verharrt noch einen Moment in Kussposition, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig... dann zieht er seine Murmel wieder zurück, „aber ansonsten ist sie ganz okay.“ – „Na siehste, Acki.“ Chancenlos.

Aber versuchen kann man es ja mal. Sünde und Sittenverfall... auch in der Provinz.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenflowerwind schreibt am 17.10.2006 um 16:56 Uhr:Männer *kopfschüttel*
  2. zitierenIna schreibt am 17.10.2006 um 17:24 Uhr:Soso, man verliert also Übergewicht erst vor seinem Tod? Schade...
  3. zitierenflowerwind schreibt am 17.10.2006 um 17:38 Uhr:Frollein F meint, wo wir doch alle zur Unterschicht gehöre, regelt sich das vielleicht auch schon eher ...
    Muss Unterschicht eigentlich dann kleiner als Oberschicht geschreiben werden?
  4. zitierenFoerdchen schreibt am 17.10.2006 um 19:10 Uhr:Wie was? Überschicht oder Obergewicht?
  5. zitierenflowerwind schreibt am 17.10.2006 um 19:10 Uhr:Überschicht ist auch nett ... ist ja auch nicht so negativ besetzt
  6. zitierenFoerdchen schreibt am 17.10.2006 um 19:35 Uhr:Da hast du Recht. Ich bin für Unterbennenung der Obergewichte und Überschichten in... ja was eigentschicht?
  7. zitierenKFM schreibt am 17.10.2006 um 22:04 Uhr:Wer wegen Übergewichts aus dem Gleichgewicht gerät, es also verliert, der fällt meistens. Wer sich vornüberbeugt und dabei das Gleichgewicht verliert, der bekommt Übergewicht und stürzt kopfüber ab. Über Gewichtung lässt sich also feinstens fabulieren. Hauptsache es trifft den Kern der Sache.
  8. zitierendieFee schreibt am 18.10.2006 um 14:18 Uhr:…und nicht den Kopf.
  9. zitierenBloomsbury schreibt am 20.10.2006 um 13:40 Uhr:Bist du dir sicher, dass die Geschichte des Regentonnenmannes stimmt? Hier gibt es auch empfindsame Leser.
    Und es gibt Dinge, die man diskret behandelt. Tragische Unglücksfälle zum Beispiel. Wie nennt man das gleich wieder? Ach ja, Pietät.
  10. zitierenKFM schreibt am 20.10.2006 um 15:20 Uhr:Vielleicht 'ne Urban Legend?

    Zum Thema empfindsame Leser: Jeder sollte selbst wissen, was er sich zumuten will und das Internet ist wahrlich keine Kuschelveranstaltung.
  11. zitierenflowerwind schreibt am 20.10.2006 um 15:23 Uhr:urbane Mythen ... jeder entscheidet für sich ... was er schreibt ... und auch was er liest ... wir sind ja schon gross
  12. zitierenFoerdchen schreibt am 21.10.2006 um 08:55 Uhr:Genau. Und immerhin, falls die Legende stimmt, so ist der anonyme Herr jetzt trotzdem berühmt. Es gibt im Internet eine ganze Liste auf Slapped.de, wo Leute mit ungewöhnlichen, selbstverursachten Todesarten verweigt sind. Zum Beispiel ein Anwalt, der die Belastbarkeit einer Fensterscheibe in einem Hochhaus demonstrieren wollte, indem er dagegen sprang - die Scheibe zerbrach und er stürzte in den Tod.
    Solange der Herr Anwalt auf Slapped steht dürfte der Herr X auch hier stehen, find ich. ^^
  13. zitierenMarle schreibt am 21.10.2006 um 13:25 Uhr:Die Fensterfirma verklage iiiiiiichhh (... sollen seine letzten Worte gewesen sein)
  14. zitierenflowerwind schreibt am 21.10.2006 um 13:27 Uhr:hihihihihihi

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