Anleitung zum Entlieben

24.10.2005 um 22:37 Uhr

Ticket nach Amsterdam

von: Lapared

Es soll ja Menschen geben, die sich nicht trauen, auf einen Anrufbeantworter zu sprechen. Die Vorstellung, dass sie nicht mit einem Menschen, sondern einer Maschine sprechen, macht sie offenbar befangen.

Mir geht es gerade umgekehrt. Mich machen Menschen am anderen Ende nervös, diese kleinen geduldigen Maschinchen, die weder unterbrechen noch widersprechen, lassen mich hingegen zu sprühender Eloquenz und rhetorischer Höchstform auflaufen. So sehr, dass ich sie auch gerne ein zweites und drittes Mal anrufe, wenn ihr vorprogrammiertes, maximal zwei- bis dreiminütiges Interesse an meinen fesselnden Ausführungen mit einem bedauernden Piep! verfrüht erloschen ist.

So geschehen gestern mit dem Maschinchen von Dick. In drei freundlich entspannten AB-Nachrichten hab ich ihm ganz ruhig auseinander gesetzt, warum es unbedingt erforderlich ist, dass sein SMS-Dauerbeschuss aufhört („One more and I´ll die!!!“) und er sich mit seinen emotionalen Offenbarungen zurückhält („I hate, hate, hate it!!!!!!!“). Ich glaube, er hat es verstanden (er konnte es sich ja auch beliebig oft anhören, noch ein Plus dieser genialen Maschinchen), jedenfalls kam heute nur eine einzige SMS. Ich war auf FUCK YOU! gefasst. Aber stattdessen: I APOLOGIZE. Und ich - mit meinem Butterherz - gleich zum Bahnhof getrabt und ein Ticket nach Amsterdam gekauft. Na dann.

Ach ja, und eine Mail von 119! Was ich nächstes Wochenende mache?! Aber dieses Mal ist es kein siebter Sinn, diesmal ist einfach art cologne und Mr. Lazy vermisst seinen Chauffeur. Nein, das ist nicht richtig, er vermisst sicher mehr. Letztes Jahr waren wir auch dort und später hat er gesagt, das wäre für ihn ein „perfekter Tag“ gewesen. Einer der besten, die wir gemeinsam hatten. Und das war er in der Tat. Wir hatten wenig Respekt vor der Kunst... und sooo viel Spaß. An manchen Ständen hat man uns sogar aufgefordert weiter zu gehen. Wir konnten uns nicht halten vor Lachen...

Ich nehme an, jetzt hat 119 sich daran erinnert - und er ist einfach ein bisschen sentimental... einfach nur sentimental.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenschnuff schreibt am 25.10.2005 um 09:48 Uhr:Liebstes L´chem,

    klar vermisst er dich. Er will dich sehr wahrscheinlich auch wiederhaben. Für ihn lief die Beziehung, in der er sich zurücklehnen konnte und dich im Zweifelsfall immer wieder drauf verweisen konnte, dass er dich schließlich nicht liebt, ja auch ganz prima. Das war genau das, was er wollte.

    Was er aber eindeutig nicht wollte, nie wollte und auch nicht wollen wird, ist deine Gefühle zu erwiedern, bzw. die Verbindlichkeit und die Verantwortung für eine Liebesbeziehung zu dir auch zu übernehmen - und das war das, was du wolltest, bzw. willst. Er wird auch weiterhin nicht zu dir stehen, sondern höchstens versuchen für so wenig wie möglich so viel wie möglich zu bekommen. Das hat mit Liebe gar nichts zu tun. Das ist das simple Prinzip der Ausbeutung. Auch wenn er dich mag und gern in deiner Gesellschaft ist.

    Und um die Illustration der Ausbeutung auf die Spitze zu treiben, die alten europäischen Kolonialherren haben ihren Kolonien nach ihrer Unabhängigskeit auch nachgetrauert.. einfach ein bisschen sentimental...einfach nur sentimental...

    War ja auch schön in Indien oder Afrika, viel bunter, aufregender und unterhaltsamer als in der eher bescheidenen, langweiligen und kalten Heimat - und man hatte es einfach sooo gut dort - bevor man rausgeschmissen und nach Hause geschickt wurde.



    Klar vermisst er dich. Wahrscheinlich sogar schmerzlich. Natürlich will er das wiederhaben, was er vorher hatte! Er war ja auch nicht derjenige, der das nicht mehr wollte.



    Das warst und bist du. Du wolltest diese Art von Beziehung nicht mehr, weil du gemerkt hast, wie sie dich auffrisst, bzw. verhungern lässt. Mit

    \"Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel.\" hast du das, finde ich, hervorragend auf den Punkt gebracht und versucht dich loszureißen.

    Du wolltest Liebe und Respekt. Wird er dir nie geben. (Und ja, so wie er dich behandelt und versucht zu manipulieren ist das einfach respektlos.)



    Du könntest mit 119 (da bin ich mir ziemlich sicher) auch immer wieder auf der alten Ebene jede Menge schöne Momente und Spaß haben - und dann wird er dich wieder abstürzen lassen. Nicht nur ein bisschen, sondern ins Bodenlose.

    Du könntest ihn dir jetzt wahrscheinlich fix und problemlos zurückholen. Er bietet es dir sogar relativ easy an, indem er die Trennung ignoriert und versucht ein Date für ein \"Ereignis\" zu arrangieren, dass ihr zuvor als Paar sehr nett erlebt habt.



    Du kannst umkehren und wirst genau das alte Muster wiedertreffen, was dir bald wieder sehr weh tun wird.

    Oder du kannst weitergehen und Neues wagen.



    Ich freue mich tierisch, dass du Dick gesagt hast, was Sache ist, er so reagiert hat und du das Ticket nach Amsterdam gekauft hast. Egal, was es wird, es ist definitiv etwas anderes als das alte Muster.

    Und du kämpfst für dich und darum, dass du gut behandelt wirst.



    Und was 119 angeht: Er wird wahrscheinlich bald ne Andere finden, die das Spielchen mitspielt, aber es ist unwahrscheinlich, dass die soviel Witz, Charme und Geduld hat wie du. Er trauert dir bestimmt sehr nach. Aber das ist dann einfach mal scheißegal!



    Wünsch dir von Herzen alles Gute und eine schöne Zeit in Amsterdam.



    Schnuff

  2. zitierenlucha schreibt am 27.10.2005 um 20:47 Uhr:Bin mal wieder beeindruckt von Schnuffs Analyse: Dem ist nichts hinzuzufügen!
  3. zitierenNurmalso schreibt am 28.10.2005 um 22:48 Uhr:Lese schon längere Zeit mit und auch wenn mir die Kommentare manchmal zu \"salbungsvoll\" sind, aber sie stimmen. habe genau das erlebt und weiß wie schwer es ist, sich nicht immer wieder \"fangen\" zulassen. Fühle mich sehr \"gespiegelt\" und hätte vor einigen jahren genau diesen Blog schreiben können. Viel Glück weiterhin beim Entlieben ! es gibt definitiv noch woanders jemanden zum Glücklichsein, auch wenn man\'s kaum glauben mag !

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