Anleitung zum Entlieben

11.07.2005 um 23:19 Uhr

Übers Schrumpfen - und: Warum 119 119 heißt

von: Lapared

Mein Bett ist gewachsen. Das sich seitlich von mir noch endlose Standartmatratzenweiten erstrecken, in die kaum ein Mensch es wagte, für mehr als eine Fickvisite vorzudringen, daran habe ich mich ja allmählich gewöhnt. Aber dass ich jetzt auch oben und unten gefühlte 5 Meter Platz hab, das ist neu. Und das führt mich unmittelbar zu der Frage: Ist es normal, dass man sich nach einem Aufenthalt im Elternhaus mit einem Mal so viel kleiner fühlt? Kann es sein, dass eine Frau mit Antifaltencremes im Wert einer Kreuzfahrt vorm Spiegel und Werbemails für den Ratgeber „How to restore postmenopausal sex-drive“ im Postfach durch den Besuch bei ihren Eltern plötzlich wieder auf Vorschulmaße schrumpft?

Was war passiert? In Gedanken ließ ich das Wochenende noch einmal Revue passieren.

Ich bin nicht ganz sicher aber... Liegt es vielleicht daran, dass die Hälfte der Partygesellschaft - die, mit der mein Vater seine Einschätzung meiner beruflichen Situation erörtert hatte – mir irgendwann im Laufe der Feier aufmunternd in die Seite knuffte und zuraunte: „Ruhig Blut, auf jedes Tief folgt ein Hoch, was?!“ Oder daran, dass die andere Hälfte – die, der meine Mutter ihren Kummer über meinen Privat-Status anvertraut hatte - mir allerspätestens bei der Verabschiedung die Hand tätschelte und mir aufmunternd zuflüsterte: „Kindchen, da kommt schon noch einer, Du siehst doch noch ganz gut aus!“ Kann es sein, dass ich mir durch dieses Übermaß an wohlmeinender Anteilnahme irgendwie ein bisschen wie der totale Voll-Looser vorkam? Die ultimative Superflasche? Ein disziplinenübergreifender Universalversager? Vielleicht, jedenfalls bin ich durch dieses großfamiliäre Warmbaden spürbar eingelaufen - und viel zu klein für mein großes Bett.

Zu dem Buch. Ich will es kurz machen. Also.

Das Buch trägt den Titel „SMILER“ und ist das weltweit erste und einzige Buch, dessen leere Seiten eine nach der anderen versteigert wurden. Von Januar bis Mai dieses Jahres bei einer eBay-Auktion. Der Verlag „hellblau“ aus Essen bot die leeren Seiten an und jeder konnte eine Seite kaufen um darauf zu veröffentlichen, was er wollte. Nun ist das Buch erschienen und umfasst nach Verlautbarung des Verlages „16 Romanauszüge, 19 Kurzgeschichten, 4 Liebeserklärungen, 1 Drehbuch, 48 Gedichte, 13 foto-/grafische Arbeiten, 1 politischen Beitrag, 8 Comics bzw. Cartoons, 21 Beiträge, die als Botschaft an eine bestimmte Person oder an die Allgemeinheit gedacht sind und sogar... 3 Heiratsanträge!“ Tja. Ich habe, aus Gründen, die es sicher irgendwann noch therapeutisch aufzuarbeiten gilt, die Seite 119 ersteigert. Und da findet sich nun der folgende Text:

WIE ICH DIE LIEBE MEINES LEBENS FAND
aus "Mir passiert echt nur Scheiße" (unveröffentlichte Sammlung)

Ich war nicht mehr die Jüngste, als ich endlich meine große Liebe fand. Mal von „parsearch“ gehört? „parsearch.de – die große Online-Partnerbörse für langfristige Beziehungen“. ER war die Nummer Eins auf meiner „Matching-List“, einer Art Partner-Top-Ten, ermittelt nach einem streng wissenschaftlichen Passgenauigkeitsverfahren, das mein Persönlichkeitsprofil mit tausenden Profilen anderer Beziehungssuchender abgeglichen hatte, kurzum, er war mein Deckelchen, keiner passte besser auf mich. Sexuell lief es in der Tat super. Und auch sonst, er blond, ich blond, er Nichtraucher, ich Nichtraucher, er Juist-Fan, ich Juist-Hasser, es waren wundervolle Wochen, in denen sich unsere Gleichs gesellten und unsere Gegensätze ergänzten. Bis nach sieben Monaten seine Mutter starb.
In der Nacht darauf wollte ich ihn nicht allein lassen. Ich zog gerade meinen Schlüpfer aus, als er mich ansah und sagte: „Warum kannst Du nicht einfach gehen?“ In der Tat hatte ich mich – überzeugt, für dieses Leben vom Markt zu sein - ein klein wenig gehen lassen. Doch an der Cellulite lag es nicht. Später am Telefon sagte er, dass er einfach nicht in mich verliebt sei. Als seine Mutter unter der Erde, seine Stimmung gestiegen und mein Gesäß wieder fester war, setzten wir unsere Beziehung auf meinen Wunsch hin auf reiner Fickbasis fort. Die Wege des Herzens sind unergründlich, dachte ich, vielleicht schlängeln sie sich ja durch meinen Unterleib. Ich bin eben der optimistische Typ. Schließlich war er der Spitzenreiter meiner „Matching-List“ für langfristige Beziehung, und - ganz im Ernst - der klügste, witzigste, warmherzigste, schönste, zärtlichste, erotischste Mann, den ich kenne. Ehrlich, das bist Du. Ich liebe Dich, Hase.
Sieben weitere wunderbare Monate vergingen. Ich fühlte, jetzt hatte er sich auch in mich verliebt. Wir fuhren im Sommer ans Meer und im Herbst in die Sauna. Über Winter zogen wir auf meine Couch, guckten 700 Folgen Twin Peaks und vögelten wie die Karnickel ins neue Jahr. Als ich fragte, ob er Kinder will, strahlten seine Augen: „Einen ganzen Stall voll.“ „Nicht mir Dir!“, fügte er auf genauere Nachfrage ein paar Wochen später hinzu. Und erinnerte mich bei der Gelegenheit daran, dass er mich nicht liebt. Mist, ich wusste, irgendwas hatte ich vergessen!
Damit das in Zukunft nicht wieder passiert, haben wir eine sehr nützliche Vereinbarung getroffen: Immer, wenn er mich so herzergreifend ansieht. Immer, wenn er mir Geschenke macht (Geschenke, bei denen niemand außer ihm auf die Idee käme, dass so ein Scheiß mich irre freut). Immer, wenn er scheinbar ganz nebenbei von Büchern spricht oder mich auf Websites schickt, die meine heimlichsten Gedanken und Träume berühren. Immer, wenn ich k.o. vom besten Sex der Welt tiefem Schlaf entgegen taumel, und er, das weiß ich, noch Stunden wach daneben liegen wird. Immer dann sage ich zu ihm: „Ich liebe Dich!“, und er antwortet leise: „Ich Dich nicht!“ Und das nun schon 17 wundervolle Jahre lang.
Okay, die 17 Jahre sind gelogen. Die Wahrheit ist, dass ich mich wohl in Kürze von ihm trennen muss. Dem Top-Mann meiner Matching-List für langfristige Beziehungen. Obwohl ich bei genauerer Betrachtung der Auffassung bin, dass sein „Ich Dich nicht!“ durch die Art, wie er es betont, mit dieser feinen aber kaum zu überhörenden Ironie und durch das für Menschen wie meinen Hasen eben Unaussprechliche, was zwischen den Zeilen klingt… also, dass sein „Ich Dich nicht!“ im Grunde voller Liebe ist. Tja. Echt scheiße, wenn man bekloppt ist, was?

P.S. Für den Rechtschreibfehler im Titel entschuldige ich mich. Es muss natürlich heißen: „Wie ich die Liebe meines Lebens ERfand“.

Das ist also der Grund, warum 119 119 heißt. Schön, hätten wir das auch geklärt.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenYume schreibt am 13.07.2005 um 00:41 Uhr:Ja, so ein schei.. Spiel, 85 Matchin-Points, nur leider ....

    nicht ledig, wie angekreuzt. Werde ihm nun den Link zu

    \"Seitensprung.de\" zusenden und die Adresse löschen.

    Aber 119 ist echt die beste Attacke.

    Viel Spass Yume
  2. zitierenLeidensgenossin schreibt am 20.07.2008 um 15:23 Uhr:Meiner hat mir vor 3 Jahren mal gesagt, daß ich nicht seine Traumfrau bin und er nicht verliebt ist. Ich spreche ihn auf so einen Scheiß nicht mehr an, der Sex ist genial und er der Mensch der mich am meisten berührt neben meiner Familie. Ich sagen nicht:Ich liebe Dich. Er sagt allerdings zur Verabschiedung am Telefon oft: Ich dich auch.. Darauf erwiedere ich nach dem Auflegen: Stimmt doch gar nicht... Schnief.
  3. zitierenbaba schreibt am 03.08.2008 um 13:53 Uhr:warum hast du auf seite 119 geschrieben, dass seine mutter gestorben ist - es war doch sein vater, nicht? war es vielleicht eine art freud'scher verschreiber, da du dir wünschst, die einzige frau, die 119 scheinbar lieben kann, würde vom erdboden verschwinden?

Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.