Anleitung zum Entlieben

22.09.2005 um 22:49 Uhr

Und noch ein Mann im Bad

von: Lapared

Ich war wieder in meinem ausgestorbenden Freibad (uber den Zaun setzte ich heute übrigens elegant wie ein Reh, das klappte gestern längst nicht so gut...). Aber heute war ich nicht allein. Ein alter Mann in einem verblichenen Blaumann tauchte plötzlich auf. Etwas weiter, auf der kleinen Empore neben dem Sprungturm, gab es augenscheinlich für ihn zu tun. Eine der dunkelroten Steinfliesen war gesprungen und brauchte Halt in einem neuen Zementbett. Das sah ein alter Steinfliesenhase wie er sofort, trotzdem inspizierte er gewissenhaft jedes Detail des Schadens. Erst dann errichtete er mit bedächtiger Routine seinen kleinen Baustellenbereich.

Mit schlurfenden Schritten, langsam aber stetig wie ein Perpetuum Mobile, das einmal in Gang gesetzt, ganz von selbst weiterläuft und fortwährend Arbeit verrichtet, schleppte er Eimer, Spachtel und Säcke heran. Nur einmal hielt er kurz inne, streckte den Rücken, legte die Hand über die Augen und sah blinzelnd hinauf zum Sprungturm. Irgendwann war er vielleicht auch einmal von einem solchen Turm gesprungen, hatte irgendwo die Mädchen beeindruckt, die unten saßen und zusahen, vor allem die eine, soweit es ihn betraf ganz Besondere, hatte es zumindest versucht.

Eine ganze Weile bemerkte der Mann mich nicht und ich erwog, unauffällig hinter die verriegelte Eisbude zu robben, damit das so bliebe. Immerhin, an dem Gürtel, der seine schlackernde Hose über dem nicht mehr vorhandenen Gesäß zusammenhielt (Arschschwund, ein interessanterweise rein männliches Altersphänomen – weibliche Hintern hängen aber bleiben)... an seinem Gürtel also baumelte in einer Schützhülle mit Sichtfenster ein knochengroßes Handy. Immerhin, und ich war unbefugt. Aber irgendwas sagte mir, dass dieser alte Kauz mich nicht verraten würde. Irgendwie schien er mir wie jemand, der die Menschen in Ruhe lässt, solange sie ihn in Ruhe lassen. Als er mich schließlich bemerkte, schenkte ich ihm trotzdem vorsichtshalber ein Lächeln - quasi als Schweigegeld - und er verstand, verzog nicht eine Miene, sah nirgendwo eine Frau im Bikini. Wahrscheinlich hätte ich ihm das Lächeln auch so geschenkt.

Fast zwei Stunden war der Meister damit beschäftigt, die eine gesprungene Fliese zu reparieren. Dann schlurfte er mit seinen Eimern wieder davon. Ich dachte, das wars, endlich hab ich mein Bad wieder für mich allein, und döste träge in den letzten rotgelben Sonnenstrahlen. Da hörte ich plötzlich Geräusche von der Empore: Er wieder.

Er hatte vier Holzständer aufgestellt, rot-weißes Band gespannt und die Baustelle großräumig abgesperrt. Nur für den Fall, dass es doch noch Badegäste gab. Als er diesmal abschlurfte, war sein Werk offenbar beendet. Zufrieden griente er in sich hinein und winkte kurz in mein Richtung - natürlich ohne rüber zu sehen.

DAS ist es, was 119 sich wünscht, musste ich plötzlich denken. Genau so wünscht er sich unsere Beziehung: wortloses Einvernehmen... eine milde, warme Miniwelt ganz für uns allein, in der jeder seinen Dingen nachgeht... das stille Wissen um die Kostbarkeit, denn bald kommt der Winter... und die größte Verbundenheit immer dann, wenn man auseinander geht.

Naja, und so ein Kribbeln, wie wenn man vom Zehner springt - das natürlich noch dazu, dann und wann...

P.S. Als ich heute nach Hause kam wieder eine Mail (natürlich, denn auf seine gestrige hatte ich nicht reagiert): „Schaukelst Du mich Samstag bei Sonne in Deinem Auto an die See, please?“ – Aber ja, ja, ja, von Herzen gern, mein Schatz. Nur... vor morgen Abend kann ich Dir das leider noch nicht sagen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenchero schreibt am 23.09.2005 um 14:50 Uhr:Da ist was dran, an deinem angedachten Wunsch von 119. Dann wäre es ja gar nicht mal so schlecht, oder? Wenn jeder den anderen so nehmen könnte, wie er nun mal gestrickt ist ... und ihn trotzdem liebt ...
  2. zitierendieFee schreibt am 23.09.2005 um 20:00 Uhr:…liebt!? War da nicht was, was 119 nicht tut???

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